Kultur | 19.10.2009

Rückwärts in die Tiefe

Text von Kevin Högger | Bilder von Samovie
Einen Werbefilm wollte die Samovie-Crew im Verzascatal drehen - Canyoning und Bungee Jump inklusive. Alle waren bereit, bloss Petrus nicht. Improvisation war gefragt.
Für den Extraschub Adrenalin! 20 Meter den Wasserfall hinunter. Und es liegen keine Matten aus...
Bild: Samovie

Es goss freitags wie aus Kübeln im Tessin. Spontan entschieden wir, das Ganze um einen Tag zu verschieben und erst am nächsten Tag in den Süden aufzubrechen. Samstagabend war die Samovie-Crew endlich vereint und wollte voller Eifer loslegen. Die erste Lagebesprechung mit dem Chef öffnete uns jedoch die Augen: Dieser Sonntag würde hart und gefährlich werden!

Trotzdem liessen wir den ersten Abend im Tessin gemütlich ausklingen. Vento und Beat, unsere beiden Guides auf der Canyoning-Tour, hatten uns in ein wunderschönes Bergrestaurant ausgeführt. Mit Wolldecken sassen wir verträumt draussen in der Pergola und bestellten unsere Menüs. Serviert wurde das Richtige, jedoch waren die Speisen ein wenig anders, als wie von der Karte erwartet: pikant bedeutete, dass sich der Mund nach dem Essen anfühlte als hätte man Feuer geschluckt und dieses noch zusätzlich mit Strohrum löschen würde. Der Vermerk „Achtung, der Teller ist heiss!“ bedeutete, die ganze Lasagne wurde unter der Sonne gebacken – also wirklich ver**** heiss!

19 Einwohner, 30 Katzen

Da wir am nächsten Morgen sehr früh aufstehen durften, entschieden wir uns, unser Nachtlager in Corippo zu beziehen. Das kleine Bergdorf liegt in den Bergen des Verzasca Tals, beherbergt 19 Einwohner und 30 Katzen, und ist somit  die kleinste politische Gemeinde der Schweiz. Nach etlichen Spitzkehren waren auch wir dort angekommen. Um den Abend ausklingen zu lassen und einige Sachen für den kommenden Morgen zu besprechen, gönnten wir uns noch ein Bier vor dem kleinen Steinhaus, das wir unser Nachtlager nennen durften. Als wir alle gemütlich davor sassen, gesellten sich die jüngsten Bergbewohner dieses Dorfes (ca. 50 Jahre alt) zu uns und offerierten uns „Apfelchüächli“ für unser Frühstück. Viele Stunden später legten wir uns auch endlich schlafen und bald kehrte Ruhe im Samovie-Lagerhaus ein.

Canyoning im kühlen Nass

05.30 Uhr und die Wecker klingelten uns im Chor aus den Matratzen. Nach dem gesponserten Frühstück hiess es ab in die Schlucht. In Intragna angekommen, rüsteten wir uns mit Neoprenanzügen, Canyoning-Gurten und Helmen aus, ganz nach dem Motto: Safety before Style! Umgezogen machten wir uns auf den Weg, das heisst, auf die private Seilbahn. Es ist die einzige Möglichkeit, um nicht völlig ausgepowert die Schlucht zu erreichen. Nach einer kurzen Wanderung zwischen traumhaften Weinberg-Landschaften trafen wir an unserem Zielort ein. Ein kurzes Breefing und dann Action! Ab ging’s ins kühle Nass; eigentlich ist kühl das falsche Wort, eisig trifft es eher – 8° C Wassertemperatur – nun wissen auch alle warum Canyoning eigentlich im Sommer gemacht werden sollte. Auf die Zähne beissen, lachen und rein war die Devise.

Gut gelaunt, planschten wir zu Beginn vor der Kamera herum und hatten grossen Spass, bis wir zum ersten Akt der Tour kamen: Der erste Wasserfall, zehn Meter hoch. Ziel war es, die Grundlagen des Canyonings anzuwenden. Mutig stürzten wir uns unter den wachsamen Augen von Vento und Beat in den frostigen Wasserfall. Gut, der erste Schock überlebt, folgte schon der nächste Akt. Wie kleine Kinder vergassen wir für kurze Momente das kalte Wasser und sprangen im Flussbett herum, rutschten auf unseren Hinterteilen die abgeschliffenen Spalten hinunter bis zum Höhepunkt des Ausflugs. An einem 20 Meter Wasserfall abseilen, fünf Meter schwimmen, um schlussendlich nochmals acht Meter in die Lagune springen zu können. Leicht unterkühlt und erschöpft waren wir schlussendlich froh, dass der Dreh fürs Wochenende noch geklappt hatte. Fazit: Canyoning ist jedem herzlichst zu empfehlen, aber eher im Sommer.

Adrenalin pur

Nach dieser Halb-Tages-Tour hatte die Filmcrew aber noch nicht genug Action. Warm eingepackt und gestärkt wagten wir uns auf den Staudamm des Verzascatals. Mutig, wie Könige meldeten wir uns für den „Golden Eye Bungee Jump“ à  la James Bond an. Mit schlotternden Knien und halb übel wagte sich Ste, unsere Kamerafrau, an den Abgrund der Sprunganlage. Letzter Check von Vento, dann…1…2…3…und…Sprung! Todesmutig sprang sie die 220 Meter in die Tiefe, gesichert von einem  fünf Zentimeter dickem Seil. Für die oben Gebliebenen begann nun die Minute des Bangens und der Angst: Lebt sie noch? – Wir atmeten auf, als wir den Freudenschrei unserer Kamerafrau hörten.

Wer denkt, dass dies schon das Höchste an Adrenalin war, irrt sich abermals. Der Regisseur, Samy höchstpersönlich, sprang beim zweiten Mal sogar rückwärts! Sein breites Grinsen verriet den dadurch erhaltenen Adrenalinkick. Auch die letzten Crew-Mitglieder wagten es, nach viel Händchen halten, Psychologen-Geschwafel von Sprungmeister Vento und gemeinsamem Zählen von der Plattform zu springen. Fix und fertig, vollgepumpt mit Adrenalin verliess Samovie nach einem erneut erfolgreichen Dreh das Tessin und kehrte glücklich und zufrieden in die Ostschweiz zurück. Jedem Leser können wir nur eins empfehlen: Ab ins Verzasca Tal!

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