Gesellschaft | 05.10.2009

Rückkehr ohne Rösti, aber mit Moleskine

Mazedonien im Rückblick: Gutes Essen, rauschende Feste und angenehmes Klima. Abstriche gibts bei der Frauenkleidung und in der eigenen Vergesslichkeit.
Beides goldig-braun, beides Nationalspeisen: Burek in Mazedonien, Röschti in der Schweiz.
Bild: Martin Sturzenegger

Ich musste also nach drei Wochen meinen Geliebten (Mazedonien) verlassen und zu meinem Ehemann (Schweiz) zurückkehren, der hoffentlich schon mit Raclette und Rösti auf mich wartete (nach drei Wochen Burek und Cevapcici hatte ich dies dringend nötig). Es ist an der Zeit, ein Resümee zu ziehen und die ganzen schönen Momente noch einmal gedanklich Revue passieren zu lassen: Die langen Abende mit meinen Lieblingscousins und -cousinen mit viel Gelächter, und wenn wir nicht gelacht haben, dann haben wir gegessen. Die Besuche in Ohrid und Struga, die Hochzeit meiner Cousine, das unbeschreibliche Gefühl, die Leute auf der Strasse die eigene Muttersprache reden zu hören, die Hitze, die mir keinen Moment lang unangenehm war, die vielen Stunden, die ich lesend auf dem unbequem scheinenden Treppenabsatz verbracht habe.

 

Horizonterweiterung

Mittlerweile habe ich mit zwei Cousins folgendes zur Gewohnheit gemacht: Jedes Jahr, wenn wir in Mazedonien Ferien machen, stossen wir in eine der hintersten Regionen des Landes vor. Wir versuchen dann so viel wie möglich über die Einheimischen zu erfahren und erkundigen uns über die Traditionen und die Geschichte des Dorfes. Einige mögen es vielleicht komisch finden, wenn sich drei junge Leute einfach in einem fremden Dorf in ein Café setzen und hoffen, so schnell wie möglich von älteren, weise anmutenden Herren umgeben zu werden, aber für uns ist dies die perfekte Möglichkeit, in ein lockeres Gespräch zu kommen.

 

Eine Horizonterweiterung, die nicht immer erfreulich verläuft: Auch in diesem Jahr unternahmen wir wieder eine Reise. Diesmal in den Norden Mazedoniens, etwa drei Stunden Fahrzeit von unserem Aufenthaltsort entfernt. Schlussendlich hatten wir uns dann in ein kleines, wirklich extrem abgeschiedenes Bergdörfchen verirrt und gleich vor einem Lebensmittelladen eine Gruppe kartenspielender Herren angetroffen. Nach einer kurzen Einführung ins Spiel waren wir schon mittendrin statt nur dabei. Schnell war unser Reisegeld verzockt. Kurz bevor wir ganz pleite waren (wir haben unser Geld wiederbekommen), boten uns die Herren eine kleine Führung durchs Dorf an. Der Spaziergang hatte uns restlos begeistert. Selten haben wir so viele Geschichten und Legenden über ein Dorf gehört wie an diesem Ort. Als wir uns schon wieder auf dem Rückweg zum Laden befanden, bemerkten wir plötzlich eine schwarze Gestalt. Genauer gesagt, eine in einen „Ganzkörpermantel“ gehüllte Person. Bei Temperaturen um die 40° Grad ein eher seltener Anblick. Wir wollten natürlich wissen, was es mit dieser ominösen Gestalt auf sich hat. Antwort: „Die Frauen in unserem Dorf müssen sich in diesen Mantel hüllen, bevor sie das Haus verlassen. Auch das ist eine Tradition.“

 

In der Ehre gekränkt

Ich dachte, ich müsste mich gleich übergeben. Wie konnte dieser sympathische, offene und herzliche Herr dies mit so einer Selbstverständlichkeit sagen, als wäre es das Normalste der Welt?! Als einzige Frau in der Runde traf mich dies besonders hart. Die anschliessende Diskussion war zwar sachlich, aber die Stimmung war nicht mehr dieselbe. Mir läuft es immer noch kalt den Rücken herunter, wenn ich daran denke.

 

Die Vorbereitungen für die Heimfahrt lenkten mich zum Glück ein wenig von diesem Erlebnis ab. Da ich aus meinen Fehlern lernen kann, hatte ich (anders als bei der Hinfahrt) frühzeitig gepackt. Schon Stunden vor Abfahrt waren meine Sachen fixfertig. Ich wartete auf dem Sofa und trank eine kalte Ovi (hatte ich extra aus der Schweiz mitgenommen), während der Rest hektisch um mich herumeilte. Ich habe ja gesagt, dass ich eigentlich ein organisierter Mensch bin. Bis ich dann, als wir schon eine halbe Stunde unterwegs waren, gemerkt hatte, dass ich mein heissgeliebtes Notizbuch vergessen habe. Meine ganzen Ideen und Notizen sollten für ein ganzes Jahr nutzlos in Mazedonien herumliegen?!

 

Lebenswichtiges Notizbuch

Ich benötigte eine weitere halbe Stunde, in der wir wohlgemerkt in die selbe Richtung weiter gefahren sind, um meinen Vater von der Wichtigkeit dieses Notizbuches zu überzeugen (es sind Worte wie „lebenswichtig“, „essentiell“ und „zukunftsweisend“ gefallen). Es wirkte. Für die zusätzliche Reisezeit und die damit verbundenen Unannehmlichkeiten wurde ich mit eisigem Schweigen bestraft. Bis Serbien hatte mein Vater nur über meine Mutter mit mir kommuniziert, was im Grunde genommen recht witzig war.

 

Folglich hatte mein Vater darauf bestanden, zu lesen, was in diesem „so besonderen“ Notizbuch drin steht. Ich muss dazu sagen, ich finde es unangenehm, wenn jemand vor mir liest, was ich geschrieben habe, dabei sogar noch nickt oder sonst irgendwelche komischen Gesichtsverrenkungen, Töne oder ähnliches von sich gibt. Ich konnte ihn zum Glück davon überzeugen, dass er meine Schrift eh nicht lesen kann. Nach einem Blick in mein Notizbuch hatte er mir es dann auch geglaubt.

 

Ich würde nun gerne etwas herzzerreissendes schreiben über den Moment, als ich wieder schweizerischen Boden betreten hatte. Dummerweise hatte ich diesen denkwürdigen Moment verschlafen. Theodor Fontane sagte einst: „Abschiedsworte müssen kurz sein wie eine Liebeserklärung“. In diesem Sinne: Do gledanje oder auf Wiedersehen!