Gesellschaft | 05.10.2009

Roman Polanski – Der Erhabene

Text von Emina Konjalic | Bilder von slashfilm.com
Gross ist die Entrüstung in der Kulturwelt über die Verhaftung von Roman Polanski. Illustre Namen prangen auf Petitionen, die seine sofortige Freilassung fordern. Kann es sein, dass allein der Name über Schuld und Unschuld entscheidet? Nein, findet eine Tink.ch-Reporterin.
Die Verhaftung Polanskis hat schneller Kommentare hervorgerufen, als dass man in Ruhe darüber nachdenken könnte.
Bild: slashfilm.com

Die Verhaftung Roman Polanskis bei seiner Einreise in die Schweiz für ein Verbrechen, dass er vor 30 Jahren begangen hat, sorgt immer noch für einiges Aufsehen. Das Verbrechen: Die Vergewaltigung eines damals dreizehnjährigen Mädchens, verübt im Haus von Jack Nicholson. Nach seinem Geständnis verliess Polanski die Vereinigten Staaten, um einer Verurteilung zu entgehen. Seitdem hat er nie mehr einen Fuss auf den Boden der USA gesetzt, wohlwissend, was ihn dabei erwartet.

Ob er aus den Staaten geflohen ist, um einem, wie er sagt, voreingenommenen, ungerechten Verfahren zu entgehen oder um sich der Sühne seines Verbrechens zu entziehen, sei dahingestellt. Beides ist nachvollziehbar. Es gehört zur Natur des Menschen, Strafen, auch gerechtfertigte, vermeiden zu wollen.  

Ausgerechnet jetzt

Dass nun, nach dreissig Jahren und zahlreichen Einreisen in die Schweiz, die Verhaftung ausgerechnet dann erfolgt, wenn der Regisseur am Zürich Film Festival den Preis für sein Lebenswerk in Empfang nehmen soll, ist für die Veranstalter sicher eine peinliche Angelegenheit. Die Verhaftung sorgt so für mehr Aufsehen, als dass sie ohnehin schon ausgelöst hätte. Wie sich dies auf das Image der Kulturveranstaltung auswirkt, wird sich zeigen.  

Die Schweiz kriegt bei dieser Diskussion auch ihr Fett ab. So oft sei er in die Schweiz eingereist, besitze hier sogar ein Chalet und sei regelmässig Gast, aber ausgerechnet am Zürich Film Festival wird er in Handschellen abgeführt. Möglich, dass diese Aktion diplomatisch nicht gerade feinfühlig war. Aber egal, zu welchem Zeitpunkt er verhaftet worden wäre, für Aufsehen hätte es immer gesorgt. Die Argumente der Gegenstimmen wären die gleichen: „So oft sei er in der Schweiz gewesen“.  

St. Roman, der Märtyrer

Bedenklich ist die scheinbar vorbehaltlose Unterstützung, die Polanski seitens seiner Kollegen aus der Film- und Kulturbranche widerfährt. Der Beistand geht so weit, dass Whoopi Goldberg öffentlich Theorien darüber anstellt, wann eine Vergewaltigung eine richtige Vergewaltigung ist. Sie weiss scheinbar, dass in Polanskis Fall die Vergewaltigung keine Wirkliche war. Die Antwort darauf, was für ein Verbrechen es sonst gewesen sein sollte und welche Stufen von Vergewaltigung es gebe, bleibt sie hingegen schuldig.  

Tatsachen werden relativiert, die Schuld dem Opfer und der Mutter des Opfers zugeschanzt. Das Mädchen sei bereits sexuell aktiv gewesen, ihre Mutter eine karrieregeile, angehende Schauspielerin, die ihre Tochter bewusst Polanski ins pädophile Messer laufen liess. Und wenn dem so wäre? Zu der Zeit war Polanski 45 Jahre alt, ein erwachsener Mensch, der nicht nur aufgrund seiner Lebenserfahrung eine Ahnung von Recht und Unrecht haben dürfte. Polanski wird zum Märtyrer erklärt. Aufgrund seiner künstlerischen Leistung ist er über jede Schuld erhaben. So scheint es zumindest. Nicht, dass es nicht auch andere Stimmen gäbe, die seine Verhaftung zweifellos befürworten. Polanski polarisiert eben.  

And the Award goes to

Wie sehr sein Name Polanski bei seiner Verurteilung im Staate, der einen Berufskollegen an der Spitze vorweist, dienen wird, wird sich herausstellen. Pluspunkte bei der gesellschaftlichen Vorverurteilung hat es ihm auf jeden Fall eingebracht. Ohne Zweifel kann man sagen: Den Preis für zumindest ein Lebenswerk hat Roman Polanski in Zürich tatsächlich in Empfang nehmen können.