Politik | 05.10.2009

„Politik ist oft zu langweilig und technisch“

Text von Elia Blülle
Cédric Wermuth, Präsident der Jungsozialist/innen und Vizepräsident der SP Schweiz, spricht über Jugendpolitik und die Regierung.
"Es gibt einen kleineren Kreis von jungen Leuten, die sich für Politik interessieren.": Cédric Wermuth. Fotos: www.cedric-wermuth.ch Steile Politkarriere: Cédric Wermuth (23) wohnt in Baden, ist Präsident der Jungsozialisten Schweiz und Vize-Präsident der SP Schweiz. Sein polarisierender Stil scheint bei jungen Leuten gut anzukommen.

Viele junge Menschen zeigen überhaupt kein Interesse mehr an der Politik. Was ist Ihrer Meinung nach der Hauptgrund dafür?

Cédric Wehrmuth: Es gab in den letzten Jahrzehnten konstant eine Gruppe von jüngeren Leuten, die sich nicht für Politik interessiert. Wir erleben jedoch, dass es in einem kleineren Kreis Jugendliche gibt, die sich besonders für das politische Geschehen begeistern lassen und sich auch aktiv beteiligen. Ich glaube, die Desinteressierten haben Mühe die Politik zu verstehen und nachzuvollziehen, weil sie oft zu langweilig oder zu technisch ist. Die Politik hat es aber auch verpasst, eine Sprache anzuwenden, die begreifbar ist und den heutigen Jungen auf eine Art und Weise vertraut ist.

Wieso gibt es denn kein Schulfach, in dem explizit das Thema Politik behandelt wird?

Das ist eine Frage der politischen Mehrheit. Wir fordern ein Solches schon seit geraumer Zeit. Wenn man die bestehenden Studien betrachtet, kann man einen klaren Zusammenhang feststellen. Schüler, die im Unterricht mit der Politik konfrontiert werden und sie lebendig erleben, zeigen deutlich mehr Gefallen daran. An einem solchen Programm sollte die Schweiz, gerade wegen der direkten Demokratie, interessiert sein.

Die Politiker beklagen sich über immer tiefere Wahlbeteiligungen aktuellstes Beispiel die vergangenen Abstimmungen vom 27. September. Genau 40% der Wahlberechtigten warfen ihren Stimmzettel in die Urne, obwohl gerade in der Krise die politische Situation immens wichtig ist.

Diese Frage hängt sehr stark mit der vorherigen zusammen. Je früher man in Kontakt mit der Politik kommt und erkennt, dass sie einen direkt betrifft, desto mehr beteiligt man sich später.

Der zweite Grund ist, dass man öfters versuchen sollte die Desinteressierten in politische Diskussionen einzubeziehen, welche meistens nur am Rand der Gesellschaft stattfinden. Auch die Parteien sollten auf die Menschen zugehen, mehr Informationsanlässe durchführen und die Bevölkerung in die Politwelt  integrieren. Leider ist es ein zu kleiner Kreis, der dieses Problem angeht. Kurzfristig lässt sich hier nichts ändern, ich befürchte, das ist eine langfristige Sache.

Wie sind Sie überhaupt an die Politik gekommen?

Ich hatte das Glück, dass ich in einer sehr politischen Familie aufgewachsen bin und schon früh damit in Berührung kam. Häufig haben auch andere junge Politiker denselben Hintergrund. Ich denke, was in vielen Familien nicht gepflegt wird, muss in der Schule nachgeholt werden.

Stimmt es, dass Jugendparteien eine immer grössere Bedeutung bekommen und sich mehr von der Mutterpartei unterscheiden?

Das stimmt nur teilweise. Im Moment gibt es zwei Jugendparteien, die stetig wachsen, einerseits die JUSO und anderseits auch die Junge SVP. Auf die Anderen trifft das eher nicht zu.

Bei uns ist es sicher so, dass wir innerhalb der SP Schweiz an Gewicht gewonnen haben. Mittlerweile sind wir sogar im Präsidium vertreten. Wie es aber bei unseren Kontrahenten aussieht, weiss ich nicht genau. 

Wie wirbt die JUSO neue Mitglieder an?

Wir versuchen eine Politik zu betreiben, welche die Jugend versteht. Wir arbeiten sehr viel über Internetmedien, Gratiszeitungen, das Fernsehen und halt weniger über die NZZ, welche von der Jugend kaum gelesen wird. Wir verteilen Werbematerial öfters im Ausgang, wo die Präsenz der Jugend höher ist, als beispielsweise am Sonntagmorgen.

Was auch noch wichtig ist: wenn wir in die Schulen gehen und mit den Jugendlichen politische Angelegenheiten besprechen, bemerken sie, dass es Parteien gibt, die ihren Vorstellungen entsprechen.

Im Nationalrat liegt das durchschnittliche Alter bei 54 Jahren, müsste unsere Generation in der Bundesversammlung nicht stärker vertreten sein?

Ja, sicher, aber es ist natürlich ein Entscheid der Wähler und Wählerinnen und wenn die Jungen nicht Gleichaltrige wählen, dann ist das ein Ausdruck davon. Grundsätzlich wäre es die Idee, dass alle Altersgruppen vertreten wären und gerade die Jüngeren sollten genügend Sitze haben, denn diese Fehlentscheidungen, die jetzt getroffen werden, müssen wir schlussendlich ausbaden.

Es entsteht eine Kettenreaktion. Wenn man nicht realisiert, dass die Politik ausschlaggebend sein kann, wählt man nicht, und je weniger Junge sich einen Sitz in der Regierung erarbeiten, desto geringer treten Beschlüsse auf, die in unserem Interesse liegen. So entsteht das Gefühl, dass man nicht ernstgenommen wird. Es liegt in unserer Hand und darum fordere ich jede und jeden auf, sich an den Wahlen und Abstimmungen zu beteiligen.

Nächste Woche auf Tink.ch: Im 2. Teil des Gesprächs verrät Cédric Wermuth mehr über sein Misstrauen zum Bundesrat, die Lehrstellenproblematik und die 1:12 Intitiative für die am 6. Oktober die Unterschriftensammlung beginnt.

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