Kultur | 11.10.2009

Nazis einmal anders

Text von David Naef
Im Theater an der Effingerstrasse fand am vergangenen Dienstag die Premiere des Stücks "Sein oder Nichtsein" statt. Auch wenn Nazis verharmlost werden, einige Lacher ist das Schauspiel durchaus wert.
Alles, was zu einer guten Komödie gehört: 1. Irrung 2. Betrug 3. Überraschung Fotos: Severin Nowacki

Vielleicht hast du dir diese Frage auch schon gestellt: Waren Nazis normale Menschen mit Schwächen und Stärken? Menschen, wie du und ich? Ja, meint Ernst Lubitsch, der den Film „To be or not to be“ während der amerikanischen Kriegsmobilmachung (1942) drehte. Doch das Werk sorgte für viel Wirbel und Lubitschs Karriere drohte zu scheitern. Kinosäle leerten sich noch während den Vorstellungen und der Film wurde als pietätlos abgestempelt. Trotzdem erfuhr der Film einige Jahre nach dem Krieg eine Rehabilitation. Basierend auf diesem Film schrieb der Brite Nick Whitby ein Theaterstück, dessen Schweizer Erstaufführung letzten Dienstag unter der Regie von Stefan Meier im Theater an der Effingerstrasse in Bern über die Bühne ging.  

Hamlet statt Nazisatire

Wir schreiben das Jahr 1939, Nazideutschland droht Polen mit dem Einmarsch. Ganz Polen versucht das Möglichste, um dies zu verhindern. Ganz Polen? Nein, ein kleines Theater in der polnischen Hauptstadt Warschau probt mehr oder weniger fröhlich an einer Nazisatire. Doch die Dinge nehmen für Theaterproduzent Dobosch (Klaus-Peter Bülz) und seine Schauspielertruppe einen unverhofften Lauf. Das Theaterstück wird von der polnischen Regierung verboten, die Akteure müssen sich andersweitig orientieren. Nämlich an Shakespeare’s „Hamlet“. Doch weitere Ereignisse lassen nicht lange auf sich warten: Maria Tura (Ivana Bach), Frau des Hamlet-Darstellers Joseph Tura (Peter Bamler), beginnt ein Verhältnis mit dem Fliegerleutnant Subinski (Helge Herwerth). Dieser muss jedoch gegen die deutschen Truppen in den Krieg ziehen.  

Doch schon bald kehrt Subinski zurück, mit der Mission, den Warschauer Widerstand vor dem deutschen Spion Siletzky (Chris Urwyler) zu warnen und vor der Zerstörung zu retten. Die Theatertruppe muss nun verhindern, dass wichtige Dokumente mit den Adressen vieler Widerstandskämpfer, die Siletzky bei sich trägt, nicht an den lokalen nationalsozialistischen Gruppenführer Erhardt (Robert Runer) gelangen. Sie kramen ihre verloren geglaubten Nazikostüme wieder hervor und hecken einen Plan besonderer Art aus: Die Nazis sollen mit Theater ausgetrickst werden. Aber ein Theater ohne Text ist für die Schauspieler Neuland, insbesondere Joseph Tura findet dies nicht gerade einfach. Komische sowie brenzlige Situationen sind vorprogrammiert. Auch der Streit zwischen dem Geliebten und dem Ehemann lässt nicht lange auf sich warten.  

Teure Requisiten

Dass der Nazi Erhard und sein kleiner Assistent Schulz (Jonathan Rufer) nicht als grausame Massenmörder, sondern eher als lächerliche, leicht zu veräppelnde Menschen dargestellt werden, ist nicht weiter verwunderlich. Schliesslich will Withby mit seinem Stück die Menschlichkeit der Nazis aufzeigen. Ohne diese Haltung wäre ein solches Schauspiel nicht denkbar. Dennoch waren die Deutschen einem Zwangssystem unterstellt, welches sämtliche menschliche Reaktionen zu unterbinden wusste. Genau dieses Zwangssystem wird vom Autor in die Mangel genommen.  

Trotz eher eintönigem Humor sorgt oft eine Pointe zum Schluss der Szene für Lacher. Musik und eine sich im Takt dazu bewegende Drehbühne (Bühnenbild: Peter Aeschbacher) lassen den Szenenwechsel etwas schneller über die Bühne gehen. Dabei sorgt Licht für eine klare Abgrenzung zwischen Spiel und Umbau der Bühne. Bei Requisiten und Kostümen muss tief in die Tasche gegriffen worden sein, denn damit könnte man glatt eine Neuverfilmung drehen. Dass Akteure in komischen Situationen das Gesicht richtig verziehen, zeigt sich an der Reaktion des Publikums. Das Stück ist also durchaus ein Besuch wert, der Zuschauer muss aber bereit sein, Nazis auch einmal aus einer anderen Sichtweise zu betrachten.  

Lachen über menschliche Fehler

Kritik, die besagt, all die Grausamkeit der Nazis würde in „To be or not to be“ einfach zur Seite geschoben, ist meiner Meinung nach völlig berechtigt. Den Zuschauern steigen aber Filme und Theaterstücke, in denen Nazi als grausame Spezies vermarktet werden, langsam zu Kopf und es erweist sich als angenehme Abwechslung, sich auch einmal darüber zu amüsieren. Und ein schlechtes Gewissen muss der Zuschauer dabei ganz bestimmt nicht haben. Schliesslich lacht er nicht über ihre schlimmen Taten, sondern über die menschliche Seite der Nazis.

Infos zum Stück


"Sein oder Nicht sein"  (To Be or Not To Be) von Nick Whitby

Nach dem gleichnamigen Film von Ernst Lubitsch  

Aufführungsdaten:

12. – 18. Oktober, 20 Uhr

20. – 24. Oktober, 20 Uhr

26. – 29. Oktober, 20 Uhr

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