Kultur | 11.10.2009

„Man darf Heidi hinein interpretieren“

Text von Céline Graf
In einer Schreibwoche des Stadttheaters haben Jugendliche gelernt Texte zu gestalten. Aus persönlichen Gesprächen und Probenbesuchen sind so Porträts von Künstlern aus Ballet, Schauspiel und Musiktheater entstanden. Wir besuchten die aufgestellte Truppe im Workshop.
Linda (links) hat Milva versprochen, an eine Vorstellung von 'Der goldene Drache' zu gehen. Aurelia (rechts) ist im Jugendclub des Stadttheaters. In den ehrwürdigen Hallen ist man bestimmt doppelt so kreativ. Karla Mäder: "Kreativität ist ein Muskel, den man trainieren kann!" Die Texte werden im Plenum vorgelesen und diskutiert, Versprecher sorgen dabei schon mal für Amusement. Rebecca (rechts) will später Medizin studieren. Sie porträtierte den Wallisser Woyzeck-Darsteller Diego Valsecchi. Fotos: Thomas Hodel

„Hast du den Text über das gestrige Stück schon geschrieben?“ „Nur schnell heute Morgen etwas hingekritzelt.“ „Was, ich dachte, wir machen das heute zu Beginn?“ „Ich schreibe ja gerne Texte, aber Schulaufsätze…“ Es ist der letzte Freitag in den Ferien, auf der Treppe vor dem Berner Stadttheater wird lebhaft diskutiert. Dass sich die acht Jugendlichen bis vor wenigen Tagen nicht gekannt haben, würde man nicht vermuten, so vertraut wirkt die aufgestellte Truppe. Heute geht es in die Endbearbeitung ihrer Porträts über Künstlerinnen und Künstler des Berner Stadttheaters.  

Schreibschule und Theaterwelt

Eine Woche lang haben die Jugendlichen sich intensiv mit Texten rund ums Theater und Porträtieren beschäftigt und gelernt, sie «zu gestalten und lebendig zu machen«, wie die 14-jährige Anna-Lea mir erzählt. Weshalb hat sie sich sonst für den Kurs entschieden? Sie habe in den Ferien sowieso nichts Besseres zu tun gehabt und ausserdem fühle sie sich im Haus sehr wohl, meint die selbstbewusste Gymnasiastin. Im Gegensatz zur Schule sei das Schreiben im Workshop aber kein Müssen, sondern freiwillig, dementsprechend motiviert sind alle.

Nebst der Schreibschule gab es viele Einblicke in die Wunderwelt des Theaters. Das persönliche Gespräch mit der Schauspielerin Milva Stark hat der 15-jährigen Linda besonders gut gefallen. Sie, die vorher wenig ins Theater ging, hat Milva versprochen, eine Vorstellung von „Der goldene Drache“ zu besuchen. „Der Austausch zwischen den Jugendlichen und den Künstlern ist für beide Seiten spannend“, findet Gabriele Michel-Frei, Theaterpädagogin und Kursleiterin. Sie und Co-Leiterin Karla Mäder möchten mit der Schreibwoche den Jugendlichen zudem aufzeigen, was es im Stadttheater für Möglichkeiten gibt. „Schön, wenn mehr junge Leute ins Theater kämen, Gefallen daran fänden und vielleicht sogar einen Club entdeckten, der ihnen entspricht.“    

Regisseur diskutiert mit

„Ich habe gedacht, ist das ein Stein?“ Jan, 16-jährig, Berufswunsch Schauspieler, liest etwas improvisiert seine Gedanken zum Vorstellungsbesuch von „Ich ersehne die Alpen; so entstehen die Seen“ vor – ein schwieriges Stück, finden die meisten. Der Regisseur Patric Bachmann sitzt heute mit am Tisch und hat so Gelegenheit, Fragen zur Inszenierung gleich selbst zu klären. Er wiederum erhält durch die ehrlichen Texte der Jugendlichen ein wertvolles Feedback. Schliesslich spielt das junge, unroutinierte Publikum eine Hauptrolle: „Als Zuschauer ist man voll mündig, man darf lachen, man darf Heidi hinein interpretieren“, sagt Bachmann lachend.

Mit Kritik am eigenen Geschriebenen umgehen und die Anstösse umsetzen können, und auch selbstbewusster auf andere zugehen – das sind wichtige Dinge, die die Jugendlichen in dieser Woche gelernt haben. Alle haben sie aber schon so fest an ihren Porträts gefeilt, dass heute fast nur gelobt wird. Die Stimmung ist ruhig und aufmerksam wenn jemand seinen Text vorliest. „Herumgezappel und Eisblockmethode“, wie Anna-Lea das Dilemma des Zuschauers und Hörers nennt, werden nicht praktiziert. Als Konzentrationsübung verzieren aber manche ihre Blätter mit Namenszügen, Blümchen und anderen Mustern.  

Übrigens


Die acht Künstlerporträts sind nun auf Tink.ch veröffentlicht.