Kultur | 19.10.2009

Leben ohne Motto: nackte Kunst!

Text von Jan Schneider
«'Schauspielen ist die nackteste Kunst!', behauptet Sabine Martin, während wir uns ganz angezogen nach einer Probe zu "Gott des Gemetzels" beim Kaffee in den Vidmarhallen gegenübersitzen. Wir kommen ins Gespräch über sie und mich."
"Rosa und Blanca" "Welche Droge passt zu mir" "Triumph der Illusionen"

Mit ganzem Herzen bei der Sache

Mit 16 Jahren beschloss Sabine, Tänzerin zu werden. Sie hatte das Gefühl, im Tanz könne sie sich ausgezeichnet ausdrücken, ihre Emotionen ohne Probleme durch Bewegungen widerspiegeln. Also wurde sie Ballettttänzerin. Doch je länger sie tanzte, desto mehr wurde ihr bewusst, dass sie sich eigentlich nach etwas anderem sehnte. Ausserhalb des Balletts spielte sie verschiedene Statistenrollen und merkte bald, dass ihr das Schauspielen immer mehr gefiel. Mit 24 Jahren sattelte sie um und machte eine Schauspielausbildung an der Folkwang-Hochschule in Essen. Bis heute hat sie diese Entscheidung nicht bereut.

Wenn man Sabine bei den Text- und Bühnenproben beobachtet, fällt einem sofort ihr strahlendes Gesicht auf. Sie lacht viel und strahlt grossen Spass an der Arbeit aus. Mit ganzem Herzen ist sie bei der Sache. Faszinierend, wie sie sich in einem Moment vor Lachen krümmt und eine Sekunde später fürchterlich wütend ist. Natürlich nur im Stück.  

Wie Weihnachten

Was gefällt ihr so am Spielen? Ganz klar: Das Sich-Hineinversetzen und Beobachten von Menschen bereite ihr den grössten Spass „Einmal bist du eine liebenswerte Mutter und in der nächsten Produktion bist du ein Serienmörder.“ Auch sich in eine Rolle hinein zu leben ist für die Schauspielerin sehr spannend. Wenn sie in einer Rolle „drin“ ist, reagiere sie ganz anders, als wenn sie die private Sabine ist. Sie liebt ihren Beruf! Man könnte sie manchmal fast für ein Kind halten, dessen grösster Wunsch in Erfüllung gegangen ist und nun als Geschenk unter dem Weihnachtsbaum liegt. Schwierig findet Sabine an ihrem Beruf, die Gefühle im Griff zu haben. Sie sagt von sich selbst, sie lasse sich zu viel von ihren Stimmungen beherrschen. Erklärend fügt sie hinzu: „Einen Mathematikprofessor trifft es nicht so hart, wenn ihm jemand sagt, dass seine Gleichung falsch ist. Wenn hingegen ein Schauspieler hören muss: ‚Ich nehme dir diese Rolle nicht ab.‘, dann ist das sehr schmerzlich.“ Ja, gibt sie zu, es gebe auch Zeiten, in denen sie sich wünscht, etwas ganz anderes zu machen. An einem verregneten Sonntag ist sogar das Schönste für sie, gar nicht erst aufzustehen. Sie bleibt einfach „ungeduscht im Bett liegen“, stöbert in Krimis herum und schaut sich Dokumentationen im Fernsehen an. Aber wenn es nicht regnet, verbringt sie ihre Freizeit schon auch gerne draussen.  

Abwechslung vom „Seelen-Striptease“

„Archäologie und Geschichte sind mein Steckenpferd.“, verrät mir Sabine. Stundenlang kann sie eine gefundene Scherbe betrachten und sich vorstellen, welche Geschichte wohl dahinter steckt, erzählt sie mir als Beispiel. Und wenn jemand sie fragen würde: „Kommst du mit zu einer Ausgrabung nach Saba?“, so wäre sie sofort dabei. Jeder Schauspieler brauche eben Abwechslung vom Seelen-Striptease. Doch das Schauspielen aufgeben kann sie sich nicht vorstellen.

Aktuell spielt Sabine am Stadttheater Bern unter anderem in der Komödie „Der Gott des Gemetzels« die Rolle der Véronique. Véronique ist eine überfürsorgliche Mutter, die ein Buch über die Ausgrabungen in Saba geschrieben hat. Was denkt Sabine über Véronique? „Ich finde sie wunderbar. Sie ist eine richtige Kümmertante und eine fürchterliche Besserwisserin. Aber sie ist auch eine gute Mutter, die ein bisschen ‚übertreibt‘.  

Ein Lebensmotto hat Sabine nicht. Ihr Motto ist: „Ich hätte gerne eines“, lacht sie. Sie selbst bezeichnet sich als „optimistische Natur mit leichten melancholischen Anflügen“, die die Dinge so nimmt, wie sie kommen. „Und am schönsten ist es natürlich, wenn sie so kommen, wie ich möchte!“, sagt sie zum Schluss.

Über den Autor


Von Zoe Zimmerli (15)

Sein Lebensmotto ist: Wenn du jemand ohne Lächeln siehst, dann schenk ihm deins. Und genau das tut Jan Schneider auch. Ruhig da sitzen ist nicht sein Ding. Lieber spricht er, mit Händen und Füssen und lacht aus voller Seele. "Viel Lachen ist gesund, für die Mitmenschen, aber auch für einem selbst!", erklärt er mir. Dazu passt auch sein Berufswunsch: Schauspieler. Mit seiner quirligen Art kann man sich Jan gut auf einer Bühne vorstellen. Auch sein Freizeitprogramm ist alles andere als ruhig. Er spielt momentan in zwei, eventuell bald sogar drei Theatergruppen, fährt Freestyle-Ski und geht regelmässig joggen. Nebenbei spielt er noch Gitarre, singt, schreibt Geschichten, liest gerne und hört Musik. Er schaut sich auch gerne Theater, Opern und Musicals an. Wie zum Beispiel Aida, für die er bis nach Bregenz gefahren ist. Ausserdem ist er ein leidenschaftlicher Fan von den Autoren J.R.R. Tolkien und Stephen King. Jan besucht die Rudolf-Steiner-Schule in Thun und absolviert momentan sein 10. Schuljahr. "Nach der Schule will ich mit einer Schauspielausbildung beginnen.", sagt er mit glänzenden Augen. Wer weiss, vielleicht werden wir ihn schon bald im Stadttheater auf der Bühne sehen.  

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