Kultur | 12.10.2009

Kurze Filme – langes Warten

«Ich bin bleich, weil ich im Sommer stundenlang Filme gesichtet habe", so Olivier Van der Hoeven, Leiter des Kurzfilmfestivals Shnit. Von rund 3-~500 Einsendungen wählten er und sein Team die 300 besten aus. Erstmals liefen sie zeitgleich auch in Köln.
Stadtpräsident Tschäppät erklärte im Interview, weshalb St.Galler nach Bern kommen sollten - und weshalb nicht. Rund 300 Filme flimmerten in fünf Tagen über die Leinwände. Die Preisverleihung verlief trotz der hohen Prämien etwas unglamourös. Fotos: Julia Weiss

Festivaleröffnung am Mittwoch: „Wüukomme im Zoo“ – ein Musikvideo mit berndeutschen Raps und afrikanischen Gesängen empfängt die Kurzfilmliebhaberinnen und -liebhaber im Berner Kornhaus. Zur Begrüssung im Kurzfilm-Zoo hält das städtische Leittier Alexander Tschäppät eine sinnreiche und dennoch langweilige Rede.

Für wesentlich grösseres Aufsehen sorgt die Begegnung des Stadtpräsidenten mit einem Reporter des St. Galler Radios toxic.fm. Auf die Frage, weshalb St. Gallerinnen und St. Galler unbedingt ans Shnit reisen sollten, antwortet Tschäppät: „Wenn der FC St. Gallen fürs Fussballspiel nach Bern reist, verliert er sowieso. Also kommt ans Shnit, da habt ihr wenigstens ein kulturelles Erlebnis.“

Berner Langsamkeit

Ein gefundenes Fressen für den St. Galler Radioreporter ist hingegen die berühmte Berner Langsamkeit. An den Shnit-Bars verstreichen gerne mal drei Minuten zwischen Bierbestellung und -ausschank. Nach Computerausfällen warten einige Medienschaffende trotz vorgezeigten Medienpässen bis zu eineinhalb Stunden auf ihre Eintrittskarten.

Buhen, Pfeifen, Klatschen

Vor dem Eingang des Kulturzentrums Progr suchen Leute mit Schildern nach Shnit-Tickets. Die Tagespässe sind ausverkauft. Aus der Progr-Aula drängen Buhrufe und der Schiedsrichter pfeift. „Wollt ihr weitersehen?“ Die Menge buht. Schliesslich wird der Kurzfilm gestoppt und ein Nummerngirl im Fussball-T-Shirt kündigt schon den nächsten an. So funktioniert die Slam Movie Night. Die meisten Filme ertrinken schon nach wenigen Sekunden im Meer der Buhrufe. Wenige laufen bis zum Schluss. Eine sichtlich betrunkene Männerfraktion schreit sich bei fast jedem Film die Kehle aus dem Hals. Die Zuschauerinnen und Zuschauer auf den heiss begehrten Sitzplätzen versuchen mit Klatschen entgegenzuhalten. Filmdialoge versteht man so kaum. Das ist den meisten egal. Die Stimmung ist gut.

Kurz und vielfältig

Das internationale Kurzfilmfestival zeigte an fünf Tagen sein vielfältiges Programm. Heisses Fleisch und verruchte Szenen waren unter dem Namen Peeping Shnit zu sehen, Swissmade zeigte Schweizer Filme und das Lichtspiel zeigte besondere Filmperlen aus vergangenen Zeiten.

Zum krönenden Abschluss des siebten Shnit wurden an der Awards Night im Theater National und im Kölner Cinenova zeitgleich und per Liveübertragung zahlreiche Preise vergeben.

Der Long John (bester internationaler Kurzfilm), dotiert mit 13’000 Schweizer Franken, ging an den Israeli Khen Salem. Mit seinem Kurzfilm erzählt er die Geschichte einer Araberin, die auf einer Busfahrt von anderen verdächtigt wird, eine Terroristin zu sein.

Der Preis für den besten Schweizer Film ging an Chris Niemeyer, der mit „Las Pelotas“ eine Komödie drehte, welche auf – laut Jury – warmherzige Weise die Geschichte von zwei Männern erzählt, die einen Frauentausch eingehen, um einen argentinischen Fussballer zu zeugen.

Trotz einer glamourösen Kulisse fehlte an diesem Abend die feierliche Stimmung. Der Moderator der Award Night war sichtlich nervös, verhaspelte sich oft und vermochte die Lücken nicht zu füllen, die entstanden, wenn Filmemacher von den hintersten Reihen auf die Bühne kommen durften. Das Publikum schien übersättigt mit Eindrücken von den rund dreihundert Filmen, die an vier Tagen am Shnit über die Leinwand flimmerten.