Gesellschaft | 19.10.2009

Frau Cheng lädt ein

Text von Julia Weiss
Es war ein kalter Morgen. Dennoch hatten sich letzten Freitag 300 bis 400 Siebt- bis Neuntklässler auf dem Bundesplatz eingefunden, um Ethnopoly zu spielen. Das Spiel zur Rassismusbekämpfung rief zum dritten Mal zur Postenjagd durch ganz Bern.
Nach anfänglicher Skepsis durfte die Reporterin eine Gruppe beim Postenlauf begleiten. Fotos: Julia Weiss Treff auf dem Bundesplatz. Nicht jedes Medium ist bei den Schülerinnen und Schülern willkommen.

Per Lautsprecher meldet sich ein aufgestellter Mann zu Wort: „Guten Morgen, liebe Kinder! Ich bewundere euch dafür, dass ihr so früh aufgestanden seid und jetzt tapfer in der Kälte auf den Start des Spiels wartet. Zur Unterhaltung und bis es dann losgeht, gibt es noch ein wenig Musik“, Manu Chao hat er zur Unterhaltung der Teenager gewählt.  

„In der Zeitung stehen wäre schon geil“

Es folgen weitere Informationen, doch die Schülerinnen und Schüler scheinen schon bestens Bescheid zu wissen über die Regeln und den Ablauf des Spiels. Die Jugendlichen werden in Vierergruppen eingeteilt. Es geht nun darum, möglichst viele Ethnos, so heisst die Währung des heutigen Tages, zu sammeln. Diese Ethnos kann man sich holen, indem man Posten besucht, die überall in der Stadt Bern verteilt sind. Die insgesamt 60 Posten werden von Migrantinnen und Migranten besetzt, die dann den Schülern über ihre Erfahrungen in der Schweiz und ihrem Heimatland berichten. Das Ziel des Spiels ist, dass die Jugendlichen positive Erfahrungen mit Menschen unterschiedlicher kultureller Herkunft sammeln und so ihre Vorurteile und Ängste gegenüber Fremden Menschen beseitigen können.  

Es ist 9 Uhr und die erste Staffel kann starten. Ich gehe auf eine Gruppe zu und frage, ob ich mich anschliessen könne. Nachdem mich alle skeptisch gemustert haben,  stimmen sie zu. „In einer Zeitung zu kommen wäre schon geil!“ Aber ob ich denn für den „Blick“ schreibe? Falls ja, dürfe ich nämlich nicht mitgehen. Zum Glück ist dies nicht der Fall. Der erste Posten befindet sich in der Tiefenau bei Frau Cheng aus Kambodscha. Herzlich empfängt sie uns in ihrem Zuhause. Sie hat sich gut auf die Schülerschar vorbereitet und erzählt stolz aus ihrem Land. Ihre Eltern mussten wegen des Kommunismus aus Kambodscha fliehen. Und sie, Frau Cheng, ist dann hier in der Schweiz geboren. Die Jugendlichen sind begeistert von der Wohnung und von Frau Cheng. So möchten sie später auch mal  leben, sagen sie, nachdem sie sich verabschiedet haben.      

Von Sri Lanka nach Paris 

Ein weiterer Posten ist die Wohnung einer Tamilin. Sie möchte namentlich nicht erwähnt werden. Zusammen mit ihrer Tochter setzt sie sich der Gruppe gegenüber und wartet auf Fragen. Doch da sind die Jugendlichen überfordert. Nein, sie hätten keine Fragen vorbereitet. Ob ihnen denn nicht spontan eine Frage in den Sinn käme, zu ihrem Land oder ihren Traditionen, will die Frau wissen. Jemand fragt nach der Religion und möchte wissen, wie die Tamilen Geburtstag feiern. Das Gespräch ist bald beendet und die Schülerinnen und Schüler rufen in der Telefonzentrale an, um sich ihre Ethnos  zu sichern.  

Gleich ein paar Häuserblocks weiter wohnt eine Pariserin. Auch sie wartet auf  Fragen. Die Jugendlichen sind aber schüchtern und wissen nicht recht, was sie gerne über Frankreich wissen möchten. Und dann ist der Morgen auch schon vorbei. Sie müssen zurück zum Bundesplatz, wo es Mittagessen gibt. Ich verabschiede mich von der Gruppe und wünsche ihnen für den weiteren Verlauf des Spiels viel Erfolg. Sie sind stolz, schon drei Posten gemacht zu haben, andere Gruppen waren weniger fleissig. Um 16 Uhr erfolgt dann noch die Rangverkündigung und ein Auftritt der Tanzgruppe „Rythm Nation“.  

Alle gewinnen

Es war ein erfolgreicher Tag. Nicht nur für die Schülerinnen und Schüler, die am meisten Ethnos gesammelt haben und nun ein Kleinprojekt für die Schule, die sie besuchen, finanzieren können, auch die Organisatoren von „Sport The Bridge“ haben viel geleistet. Die Migrantinnen und Migranten, die mitgemacht haben, sind bewundernswert für ihre offenherzige Art. Es braucht sicherlich Mut, sich einer Gruppe Jugendlicher zu stellen und ihnen die Türe zu seinem Leben zu öffnen.  

Ethnopoly ist ein schönes Spiel, gerade weil es so realistisch ist und den Jugendlichen gute Erfahrungen für das Leben mitgibt, durch Begegnungen mit Menschen kann man viel lernen. Es lässt sich auf diesem praktischen Weg viel besser einfühlen in die zum Teil schwierigen Situationen der in der Schweiz lebendenMigranten und Migrantinnen. Aus dem Spiel können alle einen persönlichen Gewinn ziehen.