Politik | 05.10.2009

Fortsetzung der Aufklärung

Text von Joël Meier | Bilder von Nathalie Kornoski
Ein Nein zur Minarett-Initiative, über die im November abgestimmt wird, ist laut einem Tink.ch-Reporter ein Ja zum Atheismus. Weshalb die Schweiz den wichtigen Schritt in Richtung Säkularisierung seiner Meinung nach nicht verhindern sollte.
Laut dem Autor ist ein aufgeklärter Staat ein atheistischer Staat.
Bild: Nathalie Kornoski

Manchmal schämt man sich, Schweizer zu sein. Besonders dann, wenn die gesellschaftspolitische Rückwärtsgewandtheit und Engstirnigkeit der Mitschweizer ans Tageslicht kommen. Neuestes Beispiel: Religionsfreiheit. Obwohl in der Schweiz üblicherweise nicht diejenigen Politiker gewählt werden, die die meisten Kruzifixe über dem Bett hängen haben, ist der Glaube an Jesus Christus immer noch eine sehr wünschenswerte Eigenschaft. Sätze wie „Mein Glaube an Gott spendet mir Trost“ oder „Ich vertraue Jesus“ begegnen meistens Wohlwollen. Es gilt: Der persönliche Glaube soll nicht hinterfragt werden.

 

Verteidigung des Christentums

Diese Einstellung ist schlecht. Das Plakat mit der Aufschrift „Da ist wahrscheinlich kein Gott. Also sorg dich nicht, geniess das Leben“ der Vereinigung der Freidenker stiess kürzlich auf viel Abwehr. Keine einzige Busbetreiberin in der Schweiz wollte die weisen Worte auf ihre Fahrzeuge drucken lassen, obwohl in vielen Bussen uneingeschränkt Bibelverse verbreitet werden. Die Stadträte in Zug und Luzern zeigten sich empört über das Vorhaben, die Atheisten-Plakate in der Stadt aufzuhängen.

 

Während diese Abwehrreaktionen einfach nur lächerlich sind, ist die kompromisslose Verteidigung des christlichen Glaubens bei einem anderen Thema gefährlicher: Bei der Minarett-Initiative. Diese Initiative der SVP möchte den Bau von Minarett-Türmen künftig verbieten. Bei der Ablehnung dieses Vorstosses, so macht die SVP in ihren Plakaten und Werbevideos deutlich, würden künftig der Zürcher Paradeplatz, das Bundeshaus sowie die Kapellbrücke in Luzern mit riesigen Minaretten bestückt. Die logische Konsequenz dieses ausgesprochen plausiblen (!) Szenarios muss stets bedacht werden: Machthungrige Islamisten erobern die Schweiz, meisseln eine Moschee aus Fels in das Matterhorn und fressen den Bundesbrief (dieser enthält ja kein Schweinefleisch).

 

Der Weg zur Säkularisierung

Es gibt zwei Gründe, weshalb die SVP-Initiative, die frühestens nächstes Jahr vor die Urne kommen wird, abgelehnt werden muss. Erstens: Das Bild vom militanten Moslem, der in die Schweiz kommt, um die „Nichtgläubigen“ zu unterdrücken, ist Schwachsinn. In über vierzig Jahren wurden in der Schweiz ganze drei Minarette gebaut. Zwei davon gehören zu kleinen, unspektakulären Hinterhofsmoscheen. Gemäss der letzten Volkszählung aus dem Jahr 2000 beträgt der Anteil der muslimischen Bevölkerung in der Schweiz gerade mal 4,3 Prozent. Die meisten Ausländer sind christlichen Glaubens, Italien, Deutschland und Portugal sind die grössten Ausländergruppen. Dazu kommt, dass viele Muslime bereits in der zweiten oder dritten Generation hier leben und sich in Sprache und Lebensstil angepasst haben. Zwar ist die Jugendgewalt unter islamischen Ausländern hoch, doch kann diese weniger auf religiöse Intention als auf sozioökonomische Variablen wie etwa Bildung zurückgeführt werden. Niemand schlägt zu, weil Allah es ihm befiehlt.

 

Zweitens: Die Ablehnung eines Bauverbots von Minaretten trägt im Endeffekt zu einer Säkularisierung der Gesellschaft bei. Denn: Die Toleranz von religiösen Gebäuden, beziehungsweise die Etablierung einer völligen Religionsfreiheit, ist ganz im Sinne einer progressiven, aufklärerischen Gesellschaft. Und die Geschichte hat gezeigt: Diejenigen Länder, in denen die Prinzipien der Aufklärung historisch einen hohen Stellenwert einnahmen, haben heute auch den grössten Anteil an Atheisten. Umgekehrt formuliert: Wird der Bau von Minaretten verboten, wird damit die Vormachtstellung des christlichen Glaubens zementiert, was auch eine Stärkung des Islams als „Oppositionsreligion“ bedeuten würde. Ein Verbot von religiösen Symbolen signalisiert nämlich „Religion ist wichtig“. Dies stärkt Religion im Allgemeinen.

 

Ein Nein zur Minarett-Initiative ist daher nicht nur ein Ja zur Toleranz und Offenheit. Es ist langfristig auch ein Ja zum Atheismus und damit ein Ja zu einer progressiven Schweiz, auf die man stolz sein kann.