Kultur | 26.10.2009

„Es sind nicht mehr meine Geschichten“

Text von Martin Sigrist
Athlete aus London gastierten mit ihrem vierten Album "Black Swan" exlusiv in der Luzerner Schüür. Tink.ch traf den Sänger Joel Pott und den Keyboarder Tim Wanstall in Luzern und sprach mit ihnen über schöne Momente, therapeutische Songs und persönliche Erlebnisse.
Fotos: Martin Sigrist Joel (links) und Tim im Gespräch mit Tink.ch. Tink.ch-Reporter Martin Sigrist mt Joel und Tim.

Wie geht’s euch?

Joel: Gut, wir haben gerade einen schönen Spaziergang hier in Luzern hinter uns. Es ist unglaublich, wie schön es hier ist. Wir haben sehr viele Touristen gesehen, kein Wunder, kommen die alle hier her.

Ihr spielt hier in der Schüür, in einem sehr kleinen Club.

Tim: Wir mögen es so klein, wir haben schon in England solche Konzerte gespielt. Jetzt machen wir noch sechs Wochen Club Tour in Europa. Das ist toll für die Fans, die Band so nahe zu erleben. Die Musik steht damit im Mittelpunkt, es gibt keine grosse Lichtshow. Das ganze Theater würde nur von der Band ablenken. Es ist die Art, wie wir früher getourt sind und es war eine schöne Zeit. Und Plattenfirmen geben ja sowieso nicht mehr so viel Geld aus für Konzerte.

Sind nicht gerade die Konzerte der neue Weg, Geld zu verdienen?

Joel: Ja, sofern man vor genug Leuten spielen kann. Zumindest geht’s dann besser als mit CDs, denn wenn man nicht gerade Millionen davon verkauft, kann man damit ja nichts verdienen. Für uns ist’s einfach schön, unterwegs zu sein.

Joel, du hast über euer neues Album „Black Swan“ gesagt, dass ihr eine gute Liveband seid, dies sei nun erstmalig auch auf CD zu hören.

Joel: Es gibt bei jeder Aufnahme immer Live-Elemente, aber bei unseren früheren Alben war diese rohe Energie nicht so richtig eingefangen. Vielleicht wollten wir das bis anhin gar nicht, denn es waren Studio-Alben. Bei diesem Album wollten wir aber den Moment aufnehmen, wenn etwas wirklich live passiert. So haben wir die Aufnahme gemacht, einfach fünf Leute in einem Raum, die Musik machen, ohne überhaupt an die Aufnahme zu denken.

Tim: Das war das Aussergewöhnliche bei diesem Album. Das lag auch vor allem an unserem Produzenten Tom Rothrock. Früher haben wir uns im Studio viele Gedanken über technische Details gemacht. Diesmal vertrauten wir unserem Produzenten und gaben damit vieles aus der Hand. Wir durften uns keine Aufnahmen im Studio anhören.

Joel: Wir sind sehr zufrieden mit dem Resultat. Es war eine gute Erfahrung, so zu arbeiten. Wir konnten am Abend aus dem Studio laufen und es war einfach ein Genuss, Musik zu machen. So sollte es immer sein.


Ihr beschreibt euer neues Album als „alles, wo ihr durch seid; das gute, das schlechte, das hässliche“. Das könnte ja alles bedeuten. Was ist tatsächlich neu?

Joel: Musikalisch versuchen wir immer, weiter vorzudringen und Neues zu entdecken. Bei diesem Album wollten wir alles simpler machen. Wir wollten uns eher auf die Melodie und die Chords fokussieren. Wir haben mit ganz einfachen Demos angefangen. Dahinter sollten aber ehrliche Texte stehen. Wenn ich meine Erfahrungen damit verarbeiten kann, ist das für mich ab und zu therapeutisch. Der „Black Swan Song“ handelt von meinem Grossvater, der vor vier Jahren gestorben ist, aus seiner Perspektive über seine Kämpfe, bis zum letzten Kampf als Abschied aus dieser Welt. Oder „The Unknown“, das ist ein gewinnender Song, in Angesicht der Anstrengungen im Leben, ohne zu wissen, was die Zukunft bringt. Wir waren damals ohne Label und es war unklar, woher das Geld für die Aufnahmen kommen sollte. Doch wir waren sehr zufrieden, denn wir haben den Moment einfach genossen und uns zurück gelehnt, denn ob’s im Leben schlussendlich hart kommt oder auch nicht, damit muss man sich abfinden.

Joel, hast du das Gefühl, dass du zu viel von deinem persönlichen Leben preis gibst? Deine Songs erzählen vom Tod und Leid in deiner Familie.

Joel: (lacht) Nein, überhaupt nicht. Für mich ist es etwas therapeutisch, gerade mit Songs wie „Wires“ oder „Black Swan Song“. Wenn meine Songs mal draussen sind, dann sind sie nicht mehr meine Geschichten, dann gehören sie allen. Die Geschichte meiner Tochter im Krankenhaus in „Wires“. Diese Geschichte ist zwar sehr persönlich, aber ich kann den Song nur deswegen jeden Abend singen ohne in Tränen auszubrechen, weil es nun nicht mehr der Song über meine Tochter ist. Es ist nun die Geschichte aller, denn es gibt so viele Leute, die Gleiches erlebt haben.

Diese Veränderung passiert mit allen Songs. Teilen viele Leute ihre Geschichten mit dir?

Joel: Ja, es ist erstaunlich, wie viele Leute ähnliche Geschichten erlebt haben und ihnen hat dann einer der Songs geholfen. Das ist für mich am Ende jeden Tages so ermutigend. Ich möchte weiter Songs schreiben, die den Leuten etwas bedeuten. Ich möchte nicht einfach nette Pop-Songs schreiben, die zwar kurze Zeit gut am Radio laufen, aber eigentlich nichts bedeuten. Ich möchte lieber Songs schreiben, die Leute bewegen. Musik ist die Sprache der Seele, es sind die Dinge, die Leute nicht in Worte fassen können.

Tim: Es sind Situationen im Leben, wenn man beispielsweise in einem Taxi fährt und der Fahrer dir plötzlich seine Lebensgeschichte erzählt. Damit kann ein Song zum Soundtrack eines Momentes werden. Das sind sehr persönliche Erlebnisse. Wenn dies klappt, dann ist das wunderschön und wichtiger als alles andere. Wenn wir solche Momente erleben dürfen, dann ist es alle Mühe Wert.

In Ländern, die nicht englischsprachig sind, ist das nicht ganz einfach.

Joel: Du vertraust einfach darauf und hoffst, dass Seele und Energie, die du in diese Songs steckst, auch rüber kommen. Bands wie Mogwai oder Sigur Ros funktionieren auch ganz ohne Texte. Die Leute fühlen schon, was du sagen willst, auch ohne die Texte.

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