Kultur | 12.10.2009

„En Song muss Groove ha, sosch isch er nix“

Text von Elia Blülle
Wie schwierig es ist einen Liedtext zu verfassen, erfuhren die Teilnehmer des Sprachenwettbewerbs Linguissimo in Lenzburg. Die Resultate lassen sich sehen.
Ein Workshop mit professioneller Unterstützung: Stefan Andreas Nietlisbach (m.) ist Musiker und Produzent. Fotos: Elia Blülle. Die Teilnehmer zogen sich zurück und feilten an ihren Songtexten. Beim Konzert am Abend kam Stimmung auf. Marco Zappa und... ...Stefan Andreas Nietlisbach in Aktion. Bei der Preisverleihung zum besten Songstext kam Spannung auf. Eines der drei Gewinnerteams: Margot Calderoni und Arthur Chapatte.

Das Eis zwischen den Teilnehmern wollte einfach nicht brechen, weil von Anfang an keines vorhanden war. Von der ersten Minute an herrschte eine Harmonie zwischen den einzelnen Leuten, wie man sie selten erlebt. Dies ist umso erstaunlicher, wenn man bedenkt, dass man sich gegenseitig noch nie gesehen hat und nicht dieselbe Sprache benutzt. Das gesamte Treffen fand hauptsächlich im Müllerhaus statt, ein 200 Jähriges Gebäude, welches in mancher Hinsicht interessant ist.

 

Bei der Begrüssung wurde nicht lange um den heissen Brei geredet, was allen sehr entgegenkam. Die Musiker und Organisatoren stellten sich kurz vor und schon ging es weiter im lockeren Programm.

 

Wille zum Sieg

Die Workshops, bei denen die Songwriterkunst im Mittelpunkt stand, waren Programmauftakt. Die vier verschiedensprachigen Musiker, die als Experten herangezogen wurden, versuchten unmittelbar und ohne Fachchinesisch, den Teilnehmenden die Grundlagen des Liederschreibens zu erklären, was ihnen aussergewöhnlich gut gelang. Die Teilnehmer arbeiteten sehr produktiv und der Wille zum Sieg war jederzeit deutlich zu spüren. Mit den Showeinlagen der Profis gab es auch hier einiges zu lachen. „En Song muss Groove, sosch esch er nix,“ erklärte Stefan Nietlisbach.

 

Die jeweiligen Teams konnten zwischen Melodien, welche von New Age bis zu Country reichten, auswählen und ihren Songtext dazu komponieren. Bedingung: Er musste zweisprachig sein. Der Hauptgewinn, eine Reise in eine Metropole von Europa, diente den neo-Songschreibern als Ansporn.  Es wurde geschrieben, gesungen und gehört und man spürte, wie neues Leben in die alte Villa kam. Sie wurden durch die fachmännische Beratung der erfahrenen Musiker unterstützt. Trotzdem erkannten die meisten bald, was es hiess, einen Song zu schreiben. Die Schwierigkeit lag darin, einen Text zu verfassen, der Inhalt hatte und zur Melodie passte.

 

Nach mehreren Stunden unnachgiebigem Arbeiten machte sich die Müdigkeit breit und das Knurren der Mägen konnte man nicht mehr überhören. Es wurde Zeit, das Abendessen, Spaghetti Bolognese (die Hälfte der Gemeinschaft kam aus dem Tessin), einzunehmen. Die friedliche Atmosphäre hielt an und die letzten Sprachbarrieren waren bis zu diesem Zeitpunkt längst überwunden.

 

Zur Feier des Tages gaben die Musiker Paul Nay, Marco Zappa, Renata Stayrakakis und Stefan Andreas Nietlisbach ein Konzert. Die Stimmung war atemberaubend und hatte Seltenheitswert. Das Kerzenlicht, das gelöste Publikum und die Musik verliehen dem Ganzen eine einzigartige und persönliche Note. Auch mehrere Teilnehmer versuchten sich auf der Bühne. Erstaunlicherweise waren auch ihre Darbietungen auf einem ansprechenden Niveau. Die Zeit ging leider wie im Flug vorbei und die Gruppe musste Weiterreise auf den Rügel (ein Tagungshaus am Hallwilersee) antreten.

 

Beim Einschlafen sahen sich Einige vielleicht schon auf dem Eiffelturm oder neben dem Brandenburger Tor.

 

2. Tag: Wer fliegt nach Nizza?

Der zweite Tag des Linguissimo Sprachentreffs lag im Zeichen der Entscheidung: Drei Tandemteams konnten den Wettbewerb für sich entscheiden. Die Spannung lag in der Luft. Die Teilnehmenden gaben ihrem Werk noch den letzten Schliff, bevor die Jury und die Musiker/innen ihre Texte begutachteten. Bei einigen machte sich das Lampenfieber bemerkbar, weil sie ihr Lied auch vorstellen und präsentieren mussten. Dann war es soweit, die Ersten gaben ihr Projekt zum Besten.

 

Am Nachmittag, kam die Jury ins Spiel. Hinter verschlossenen Türen begutachteten die knallharten Jurorinnen und Juroren die Liedertexte bis ins letzte Detail. Unterstützt wurden sie dabei, von den routinierten Sängerinnen und Sängern. Währendessen kamen die Jugendlichen in den Genuss einer Führung durch das mittelalterliche Schloss Lenzburg. Die auf Hochglanz polierten Rüstungen und die prachtvollen Gemächer sollten ihnen ein abwechslungsreiches Intermezzo bieten.

 

Die Jury hatte ihre Entscheidung getroffen. Als sie in den Raum kamen, waren alle Augenpaare auf sie gerichtet und die Spannung stieg ins Unermessliche. Die Siegesehrung verlief dann doch im Grossen und Ganzen ziemlich unspektakulär, was nicht unbedingt negativ ist. Die begeisterten Gewinnerteams sangen ihre Texte vor, ernteten einen gewaltigen Applaus und wurden ihrem Sieg gerecht. Das, was die jungen Leute während ein paar intensiven Stunden aufgebaut hatten, war schlicht und einfach grossartig. Mit einer Reise nach Nizza wird ihre aussergewöhnliche Leistung ausreichend belohnt.

 

Die Gewinnerteams sind:

 

Margot Calderoni und Arthur Chapatte (siehe Bild) mit „l`orgoglio / l`orgueil“

 

Stefano de Oliveira Figueirado und Christine Schmocker mit „Il Mare nell`acquario (ein Song frei nach Platons Höhlengleichnis)“

 

Simon Bhatt und Luisa Carminati mit „L’incontro – La rencontre“

 

…und bis zum nächsten Mal

Das Treffen neigte sich dem Ende zu, es wurden die letzten Gespräche geführt und der Abschied erwies sich als besonders emotional. Es war ein Wochenende, das kein Teilnehmer so schnell vergessen wird. Das Treffen bot eine einzigartige Plattform, auf der man Kontakte mit anderssprachigen und gleichgesinnten Menschen knüpfen konnte. Jeder konnte sich verständigen, auch wenn man die Sprache nicht zu 100 Prozent beherrschte.

 

Der nächste Liguissimo Wettbewerb startet voraussichtlich im November. Dieses Mal zum Thema Werbetexte. Mehr erfahrt ihr unter www.linguissimo.ch.

 

 

Weshalb Linguissimo?


Die Schweiz ist ein demokratisches Land, passend dazu werden auch vier verschiedene Sprachen gesprochen. Diese Umstände sind nicht immer einfach. So kann es vorkommen, dass man sich mit seinen Landsleuten nicht verständigen kann. So wird der Graben zwischen den einzelnen Sprachregionen konstant grösser. Forum Helveticum, eine Schweizer Gesellschaftsorganisation, wollte nicht länger zusehen. Sie lancierte den Sprachenwettbewerb Linguissimo, der Jugendliche, zwischen 16 und 20 und aus den verschiedenen Sprachgebieten der Schweiz stammend, näher zusammenbringen sollte. Die Teilnehmenden hatten zwei nicht ganz einfache Aufgaben zu bewältigen. Sie mussten zwei Texte verfassen. Im Ersten, schrieben sie über ihre Beziehung zur Musik. Im Zweiten, erstellten sie ein schriftliches Selbstportrait in einer der drei anderen Landessprachen. Die Werke wurden von einer Fachjury begutachtet und die glücklichen Gewinner durften an das Sprachentreff in Lenzburg reisen.

 

 

 

 

 

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