Kultur | 19.10.2009

Einfach Stark!

Text von Linda Jutzi
«Die aufgestellte junge Schauspielerin ist mir auf den ersten Blick sympathisch. Mit einem Becher dampfendem Kaffee in den Händen steht sie neben dem Kaffeeautomaten und lächelt mir freundlich entgegen.»
"Andorra" "Rosa und Blanca"

Milva Stark gab mir bereitwillig Auskunft über ihren Beruf und sich selbst, und nun habe ich die schwierige Aufgabe, das alles in ein Portrait zu fassen. Ihr Lieblings-Gedicht passt schon mal gut zu ihr, denn es zeigt, dass sie auf jeden Fall keine Pessimistin ist. „An einen Pessimisten“ heisst es und ist von Heinz Erhard: „Jede Sorge, Freund, vermeide, / Jedes Weh sollst du verachten, / Sieh die Lämmer auf der Weide: / Sie sind fröhlich vor dem Schlachter. / Ahnst du nicht, wie dumm es wär, / wären sie’s erst hinterher?“ 

Nicht zu viel Heimweh

Auf dem Weg zu einem Gartenrestaurant erzählt mir Milva von einem Kindergeburtstag, bei dem sie mit einer Videokamera gefilmt wurden. Als sie das Aufgenommene sah, stellte sie fest: „Schauspielen ist ja gar nicht so schwer!« Im Gartenrestaurant setzen wir uns gegenüber an einen Tisch. Um uns herum spielen Kinder, die – wie Milva mir erklärt – in „Hänsel und Gretel“ im Kinderchor singen.  

Kurz vor ihrem 19. Geburtstag zeigte Milvas Mutter ihrer Tochter einen Zeitungsartikel, in dem schauspielbegeisterte junge Leute aufgefordert wurden, vorsprechen zu kommen. Milva nahm all ihren Mut zusammen, folgte der Einladung und erhielt eine Zusage. Sie beschloss, diesen Weg weiterzufolgen und bewarb sich nach einem Jahr bei etlichen Schauspielschulen, bis sie schliesslich in an der Universität der Künste in Berlin aufgenommen wurde. „Wer Schauspieler werden möchte, sollte Mut, ein gutes Selbstwertgefühl und nicht viel Heimweh haben, denn man findet selten in der Nähe eine Stelle. Man muss auch viele Absagen einstecken können und nicht daran zerbrechen, sondern weitermachen.“  

Vorbereitung mit YouTube

Milva findet es interessant, sich immer wieder mit neuen Themen auseinander zu setzen und neue Leute kennen zu lernen. „Es ist nicht wie im Büro, wo man jeden Tag von denselben Leuten umgeben ist und wo man immer dasselbe tun muss.“  

Am liebsten spielt Milva komplexe Charaktere, aber auch komische Rollen liegen ihr. Wenn sie in einem Stück besetzt wird, setzt sie sich mit ihrer Rolle und mit der ganzen Geschichte auseinander. Sie schaut sich zum Beispiel auf YouTube an, wie sich ein Betrunkener bewegt. Für das Stück „Der goldene Drache“, das zum Teil in einem thailändischen Imbiss spielt, ging sie nochmals extra beobachten, wie sich die Angestellten dort verhalten, auch wenn sie vorher schon etliche Male in einem Imbiss war. Wenn ein Stück im Krieg spielt, liest sie Bücher darüber oder schaut Kriegsfilme an, um zu verstehen, wie sich die Menschen in dieser Situation fühlen. Und natürlich macht sie sich auch ihre eigenen Vorstellungen darüber, wie es ihrer Rolle zu Mute ist.  

Vorteile des Theaterschauspiels

Vor den Aufführungen macht sie Sprech- und Körpertraining, um auf der Bühne total fit zu sein und damit sie laut genug sprechen kann, denn auch die Leute in der 10. Reihe wollen alles verstehen und meist hat man keine Mikrophone. Milva bezeichnet sich selbst als Theaterschauspielerin. Ihr gefällt, dass man beim Theater Zeit hat zu proben, gemeinsam mit den anderen Schauspielern am Stück arbeitet und dass nicht erst am Schluss alles zusammenkommt, wie das bei einem Drehtag ist. Bei TV-Serien muss alles wahnsinnig schnell gehen und man dreht Szene für Szene. Beim Theater hat man eineinhalb bis zwei oder drei Stunden am Stück, in denen man das Publikum fesseln kann. Das einzige, was sie vor der Kamera einmal reizen würde, wäre ein guter Kinofilm.  

Als Ausgleich zu ihrer Arbeit geht Milva joggen und liest. Besonders gerne liest sie Gedichte, die Werke von Paul Auster oder überhaupt Romane. Wenn es ihr die Zeit erlaubt, geht sie auch ins Kino, ins Theater oder in der Aare schwimmen. Zurzeit spielt Milva in „Andorra“ und seit kurzem probt sie in „Der goldene Drache“.    

Über die Autorin


Von Aurelia Möri (16)  

Die tierbegeisterte Neuntklässlerin Linda Jutzi (15) wohnt in Mühleturnen. Ausserhalb der Schule verbringt sie ihre Zeit gerne draussen in der Natur und mit Lesen. Zudem spielt Linda Geige und besucht regelmässig den Trampolinklub. "Ich bin aufgeschlossen, bescheiden, und wenn ich etwas begonnen habe, ziehe ich es bis zum Schluss durch", sagt die leidenschaftliche Reiterin und Pferdefreundin. Sie geht nicht oft in Theatervorstellungen, aber findet, dass Theaterspielen viel Spass macht.

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