Gesellschaft | 05.10.2009

Eine Miss aus dem Reagenzglas

Missen werden nicht nur auf dem Laufsteg gekürt. Eine aktuelle Miss ist fünf Jahre alt und wurde im Reagenzglas gezüchtet. Sie besticht vor allem durch ihre tolle Körperspannung.
270 Kühe aus 17 verschiedenen Höfen konkurrenzierten sich an der Miss Gossau 2009. Fotos: Martin Sturzenegger Die stolze Miss Gossau (r.) war auch einmal Miss Schweiz. Ein schönes Euter kann bei der Wahl entscheidend sein. Die Bauern führen ihre Kandidatinnen durch den Ring. Keine Kronen dafür schöne Glocken gab es zu gewinnen. Nur mit kritischem Auge kann die Beschaffenheit einer Kuh eingeschätzt werden. Ausser Konkurrenz: Die Kategorie Kind mit Rind.

Bianca, Tiara, Eva, Cindy oder Alice: Ein Blick auf die Teilnehmerinnenliste der Miss Gossau-Wahlen am letzten Samstag liess zunächst nichts Aussergewöhnliches vermuten – schöne Namen für schöne Kandidatinnen. Bei der Präsentation ihrer optischen Reize gaben sich die Schönheiten keine Blösse. Mit einer tollen Körperspannung stolzierten sie vor den Augen der Zuschauer den Catwalk entlang. Beim anschliessenden Interview gaben sich die meisten Kandidatinnen etwas wortkarg. Höchstens ein paar genervte Laute bekamen die Zuschauer zu hören. Einige der Kandidatinnen weigerten sich gar weiterzulaufen, weshalb die Organisatoren sie mit sanften Schlägen auf die Hinterbacken zur Fortbewegung zwingen mussten. Doch was wäre ein Miss-Wahl ohne eine gesunde Portion Stutenbissigkeit: Du dumme Kuh.

Aus 17 Höfen angekarrt 

Ein genauer Blick auf die Teilnehmerinnen-Liste und es war klar, dass es sich nicht um eine übliche Miss-Wahl handeln konnte: Brunella, Resi oder Zottel – so heissen keine filigranen Schönheiten auf Stöckelschuhen. Zu wenig Glamour, zu trampelig. Für die Kandidatinnen der Kategorien Braun- und Fleckvieh passen sie jedoch perfekt. 270 Kandidatinnen aus 17 verschiedenen Höfen sind aus Gossau und Umgebung zur Altrüti gekarrt worden. Ziel: Einen Titel in den über 20 verschiedenen Unterkategorien zu ergattern: Trächtige Rinder, Erstmelk-Kühe, junge Maissen, alte Maissen, Schöneuter oder kleine Rinder. „Je nach Alter und ob sie gerade trächtig sind oder waren, unterscheiden sich die Kühe grundlegend“, sagt Heinrich Wintsch, Präsident der Viehprämierungskommission in Gossau. Deshalb werden die einzelnen Kühe in Subkategorien eingeteilt, die dem Laien zunächst nicht viel sagen.

Das macht aber nichts. Am Schluss wurde kategorieübergreifend die Miss Gossau gekürt. Die fünfjährige Lokalmatadorin Matura holte sich den begehrten Preis und durfte sich nicht das Krönchen, dafür aber eine grosse Glocke umhängen lassen. Matura gehört niemand geringerem als dem Präsidenten der Viehprämierungskommission selbst. Der Verdacht der Vetternwirtschaft löste sich allerdings gleich wieder in Luft auf: Die Kühe wurden von einem kantonal beauftragten Expertenteam beurteilt. Gemäss des Juryentscheids bestach Matura vor allem durch ein „korrektes Fundament“ (Knochenbau) und „ein hervorragendes Euter“ (richtige Grösse, gute Drüsen und Aufhängung). Auch die stolze Körperhaltung überzeugten Experten und Zuschauer: „Matura ist schon sehr Miss-erfahren und sie steht gerne im Rampenlicht“, sagt Heinrich Wintsch. So gewann Matura bei der St. Galler Olma bereits einmal eine schweizweite Konkurrenz. Sie ist somit nicht nur die neue Miss Gossau, sondern auch eine ehemalige Miss Schweiz. Ein wahrer Rinderchampion.

Die fast perfekte Zuchtkuh 

„Matura kommt der perfekten Zuchtkuh schon sehr nah“, beruteilte die Jury am Samstag und sprach indirekt darauf an, dass in der Schweiz fast nur noch Zuchtkühe gezeugt werden. „Nur etwa 10 Prozent sind aus dem Natursprung“, sagt Heinrich Wintsch. Um die perfekte männliche Ergänzung für eine Kuh zu finden, werden passende Stiere in einem Katalog präsentiert. Der Bauer entscheidet sich folglich für ein geeignetes Exemplar und der entsprechende Samen wird der Kuh direkt in die Eierstöcke gepflanzt. Das persönliche Vergnügen wird den Stieren in den meisten Fällen verwehrt. Den übrigen Beteiligten dürfte dies egal sein: Für eine gute Zuchtkuh kann im Viehhandel gut und gerne 6000 – 8000 Franken verlangt werden. „Matura werden wir aber nicht so schnell verkaufen“, sagt der stolze Besitzer der frisch geküh(r)ten Miss Gossau.