Kultur | 19.10.2009

Ein hoffnungsloser Optimist

Text von Rebekka Vögeli
«'Das Schlechte kommt von alleine', behauptet Diego Valsecchi, während wir draussen im gemütlichen Restaurant Felsenau sitzen und uns bei einem Kaffee und einem Eistee über mühsame Pessimisten unterhalten.»
"Woyzeck" "Impresario" "Mattemärli"

Müde aber gut gelaunt, als habe er alle Zeit der Welt, sitzt er auf dem Gartenstuhl. Beim Reden erscheinen auf seinen Wangen kleine Grübchen, er gestikuliert mit seinen Händen, um das Gesagte zu unterstreichen. Und trotzdem wirkt er ruhig, seine Gesichtszüge sind entspannt und auf das Gespräch konzentriert. Bevor er antwortet, denkt er einige Sekunden nach, das Gesagte wirkt also stets durchdacht. Die Sonne wärmt die Luft, und das schöne Wetter passt prima zur Stimmung im Café. Um den Tisch herum tummeln sich mehrere Kinder. Ein Junge scheint Diego zu kennen und setzt sich wie selbstverständlich grinsend neben ihn. «Dies sind die jüngsten Darsteller bei «Hänsel und Gretel«, erklärt er mir. Ich erfahre, dass der blonde Moritz in «Andorra« gemeinsam mit ihm auf der Bühne steht.  

Faszination Schauspiel  

„Das Schauspielern hat mich schon immer fasziniert.“ Im Wirtschaftsgymnasium spielte er bereits in einem Schülertheater mit. Weil es ihm schon damals wichtig war, dass Arbeit Spass machen soll, holte er sich die entsprechenden Informationen und bewarb sich bei diversen Schauspielschulen. Die Otto-Falckenberg-Schule in München war nach einem kurzen Vorsprechen bereit, ihn aufzunehmen. Wieso München in Deutschland? Die Schulen in dieser Gegend wurden ihm wärmer empfohlen als die der Schweiz. Und für Diego war es zudem die ideale Gelegenheit, um das Hochdeutsch konkret zu üben und ein anderes Land, inklusive anderer Mentalität als die der Schweizer, kennen zu lernen.  

Diego, der Wandelbare

Der Walliser ist nun fest angestellt im Ensemble des Stadttheaters. Pro Saison spielt er etwa in sieben bis acht Stücken mit. Ihm wird das keineswegs zu viel. Der 26-jährige mag die Abwechslung und die Schwierigkeit, bei jeder neuen Produktion von vorne anzufangen, um eine andere Rolle zu spielen als zuvor. Mal spielt er den Bösewicht, mal einen Loser, und ein anderes Mal die Witzfigur eines Stücks. Wie er so vor mir sitzt, kann ich mir Diego gut in unterschiedlichen Rollen vorstellen. Denn sein Gesicht wirkt nicht besonders prägnant und dadurch wandelbar. Die Grösse, seine blauen Augen wie auch die dunklen, kurzen Haare und das freundliche Gesicht verleihen ihm das Aussehen eines Durchschnittstypen, den man regelmässig beim Einkaufen in der Migros antrifft. Im Moment sitzt er ruhig vor mir, doch sobald er auf der Bühne steht, wirkt er wie ausgewechselt. Zum Beispiel überraschend wütend, wie in „Andorra“, wo er einen trinkfreudigen, jähzornigen Soldaten spielt. „Immer nur Komödien zu spielen fände ich nicht so toll“, meint der Allrounder. Das schönste Glücksgefühl bei seinem Beruf empfindet er während mancher Proben und nach einer gelungenen Vorstellung auf dem Weg zurück in die Garderobe.    

Mit dem Schauspielern ist er mehr als zufrieden. „Ich mag die Zusammenarbeit mit Menschen sehr. Es ist faszinierend, wie sich ein Projekt mithilfe jedes einzelnen Schauspielers entwickelt“, stellt Diego fest. Als die grösste Schwierigkeit, aber zugleich eine wichtige Voraussetzung, um diesen Beruf auszuüben, sieht er die Offenheit. Diese braucht man für ein neues Stück, eine neue Rolle, einen anderen Regisseur oder eine neue Thematik. „Man sollte nicht stets sein eigenes Muster, seine alten Gewohnheiten beibehalten wollen“, meint er. Der einzige Nachteil, der aber auch in anderen Berufsgattungen vorhanden ist, wie er betont, sind die unregelmässigen Arbeitszeiten. Ein durchschnittlicher Arbeitstag während der Saison beginnt morgens um zehn Uhr und endet um elf Uhr nachts. Den Nachmittag über können die Schauspieler Freizeit geniessen. „Damit ist man vom Rest der Gesellschaft etwas abgekabelt, da kaum jemand am Nachmittag frei hat, um etwas unternehmen zu können“, bedauert er. Dennoch bereut er seine Berufswahl keine Minute. Um den Beruf ausüben zu können, bei dem er glücklich ist, verzichtet er gerne auf regelmässigere Arbeitszeiten und ein hohes Einkommen.  

Das Leben neben dem Theater

Diego informiert sich regelmässig über das Weltgeschehen, macht, wenn er Gelegenheit dazu findet, liebend gerne Musik, spielt Squash und verbringt Zeit mit Freunden und/oder seiner Freundin Cornelia aus München. Kennengelernt haben sie sich an der Schauspielschule, und nun pendelt Diego regelmässig von seinem Arbeitsplatz und Wohnort Bern zu seiner Freundin nach Zürich.  

In seiner Heimat im Wallis verbringt der Schauspieler momentan kaum Zeit. Ausser seinem jüngeren Bruder und seinen Eltern leben dort nur noch wenige seiner Bekannten. Seinen italienischen Nachnamen verdankt er seinem Urgrossvater, der als Gastarbeiter in die Schweiz emigrierte. Mit ihrer Einbürgerung versuchten Diegos Grosseltern, ihre italienische Identität so weit wie möglich abzulegen und die der Schweizer anzunehmen, weil die Italiener in der Schweiz damals verpönt waren. Deswegen lernte Diego Italienisch nicht als seine Muttersprache, sondern lediglich in der Schule und bei einem Ferienjob als Kellner in Brig, was er sehr schade findet. Und wenn er auf sein bisheriges Leben zurückschaut, bereut er vor allem, „während des Gymnasiums nicht ein Jahr in Amerika oder wenigstens im Welschen verbracht zu haben. Ich dachte damals, dies sei nichts für mich.“  

Den Moment ergreifen

Auf die Frage nach seinem Lebensmotto antwortet er nach einigem Nachdenken: „Möglichst im Moment zu leben, ihn zu erkennen und zu geniessen.“ Dies entspricht einem Grundsatz für das Schauspielern: der stetige Versuch, den Moment zu ergreifen und auszunutzen. Deswegen seine positive Lebenseinstellung also! Lächelnd erwähnt er gegen Ende des Gesprächs: „Meine Freundin bezeichnet mich manchmal als einen hoffnungslosen Optimisten.“ Da ist was dran. Aber so lässt es sich leichter leben.  

Über die Autorin


Von Indre Jördicke (15)

Sie lacht gerne, die 16-Jährige aus Frauenkappelen, mag Kinder und "das ganze Haus voller Leben". Ein Glück, schliesslich ist bei der Vögeli-Familie ständig etwas los: Acht Geschwister hat Rebecca, ein jüngeres und sieben ältere, von denen vier bereits ausgezogen sind. Von Zeit zu Zeit muss sie sich aber auch zurückziehen. Dann liest Rebecca gerne, vor allem Romane und Geschichten über Menschen, die von Schicksalsschläge getroffen wurden. Sie tanzt regelmässig und hört auch oft Musik, wobei sie die Richtung nach ihrer Laune wechselt. Rebecca besucht die Sekunda im Gymnasium Neufeld. Das Schwerpunktfach Wirtschaft und Recht hatte sie gewählt, weil solche Kenntnisse in jedem Beruf nutzen können. Damals standen ihre Zukunftspläne noch nicht fest, inzwischen hat sie sich für ein Medizin-Studium entschieden. 

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