Gesellschaft | 12.10.2009

„Die Trends kommen alle von der Strasse“

Text von Audrey Djouadi
Helmut Brunel ist Modedesigner, Schauspieler, Musiker und vieles mehr. Tink.ch erzählt er, warum er sich nicht gerne einschränken lässt und weshalb ihn breite Hosen als Mode anwiedern.
Auch ein bisschen Selbstinszenierung darf sein: Helmut Brunel und Muji Ananta. Fotos: PD Helmut Brunel: "Ich mache nicht Modeschauen, sondern Modetheater."

Helmut Brunel ist die eine Hälfte des internationalen Mode-Design-Duos Ananta & Brunel. Am 24. Oktober zeigen der Deutsche Helmut Brunel und der Balinese Muji Ananta im Rahmen der Veranstaltung „The Colors Of Indonesia“ ihre Kreationen. Das Ganze steht unter dem Motto „Hot In The City“. Brunel stellte sich den Fragen der Tink.ch-Reporterin:

Erzählen Sie mir etwas von Ihrem Werdegang. Wie hat alles angefangen?

Helmut Brunel: Ich bin in Deutschland geboren, doch meine Eltern sind in die Schweiz ausgewandert. Deshalb bin ich hier aufgewachsen. Ich bin gelernter Innenarchitekt. Später ging ich nach London, weil mir die Schweiz einfach zu eng wurde. Dort fasste ich Fuss in der Schauspielerei, doch Mode hat mich schon immer interessiert. Das hab ich wahrscheinlich von meiner Mutter, die Schneiderin war. Irgendwann ging ich dann nach Indonesien und verliebte mich in das Land. Ich hab mir gedacht, dass Indonesien der Platz ist, an dem ich alt werden will. Doch ich dachte mir weiter, dass ich auch etwas tun soll, wenn ich schon mal in Indonesien bin und dann hab ich viele Leute getroffen, die in der Modebranche gearbeitet haben, unter anderem auch Muji Ananta. Wir hatten viele Ideen und waren auf der gleichen Wellenlänge und so haben wir dann die Firma aufgebaut. Wir haben bald einmal bei der Bali Modewoche mitgemacht, was uns weiter anspornte. Das war vor sechs Jahren. Vor zwei Jahren musste ich aufgrund persönlicher Probleme zurück in die Schweiz, und hab mich mit dem indonesischen Verein Schweiz zusammengetan, mit denen ich nun die Shows mache.

Indonesien, was ist dort anders als hier?

Die Mentalität ist ganz anders als hier. Es zählen noch die traditionellen Werte, die Familie steht zum Beispiel an erster Stelle. Es wohnen alle zusammen in einem Haus, die Kinder sorgen für die Eltern. Es ist ein exotisches Land. Die Menschen sind viel freundlicher und weniger gestresst. Es ist eine komplett andere Lebensart. Die Kultur und die Religion spielen eine grosse Rolle. Indonesien ist muslimisch – ausser Bali. Und das hat natürlich auch einen grossen Einfluss.

War es für sie ein Kulturschock erst von Deutschland in die Schweiz, dann nach London und Bali?

Nein, lustigerweise überhaupt nicht. Als ich das erste Mal in Bali war, hab ich mich sofort wie zu Hause gefühlt! Ich hatte das Gefühl, dass ich dort hin gehöre.


Wie inszenieren Sie Ihre Schau? Was spielt Musik dabei für eine Rolle?

Ich mache jetzt etwas Neues, es heisst nicht mehr Modenschau, sondern Modetheater. Das Ganze hat ein Gesicht.

Wie sieht dieses Gesicht aus?

Es ist so was wie ein Konzert, ein Minimusical. Wir haben Tänzer, wir haben Sänger und alles passiert auf einer Strasse. Und jede Szene hat natürlich die passende Musik. Musik ist also sehr wichtig, natürlich kommt es immer auf die Kollektion an, was passt und was nicht. Man muss sich viele CDs holen, diese durchhören und schauen was passt.

Mit welcher Musik verbinden sie dann Ihre Kreationen?

Was ich am liebsten mag ist BuddaBar, ich weiss nicht genau, ob man die hier kennt. So ein bisschen asiatisch, relaxt. Oft nehmen wir solche Musik. Oder was mir noch gut gefällt ist Enigma. Die sind sehr bekannt unter allen Designer, die sich für diese Art von Musik interessieren. Weil die einfach gut zum Catwalk passen. Dieses Mal haben wir wie gesagt auch eine Live-Band, die auch noch mithilft, es ist also ein ganz neues Konzept von Modenschau. Zum Beispiel in der letzten Szene, der Hochzeitsszene, wenn die Braut den Catwalk entlang schreitet, singt die Liveband „One Moment In Time“.

Wie lange dauert es, eine solche Schau auf die Beine zu stellen?

Wir arbeiten jetzt seit sechs Monaten daran. Doch dieses Mal ist es ja nicht nur die Schau, die wir planen, sondern einen ganzen Kulturabend, der vom Verein Indonesien Schweiz organisiert wird. Dieser zweistündige Abend besteht aus traditionellem Tanz, traditionellem Gesang aus Indonesien, mit Liveband und der Modenschau. Es kommt auch die Botschaft von Bern und es wird hoffentlich ein erfolgreicher Anlass!

(Das Interview wird unterbrochen, weil ein Model ins Zimmer kommt, welches vom Designer herzlichst begrüsst wird. Nachdem das Model verschwunden ist, kommen noch weitere Mitarbeiter und Helfer, die alle etwas wissen, zeigen oder fragen wollen. Helmut Brunel weist mich mit einem Grinsen darauf hin, dass es in der Vorbereitungszeit immer so hektisch zugehe.)

Was halten Sie eigentlich von der Polanski Affäre?

Jaja, das ist ein schwieriger Fall. Heute hab ich in der Zeitung einen Artikel von der Frau gelesen, in dem sie erzählt, was damals passiert ist. Wenn ich das so lese, dann sehe ich schon, dass es falsch war, was Polanski getan hat. Aber ich frage mich auch immer „Stimmt das auch hundertprozentig?“ Ich verurteile die Leute nicht immer sofort, ich halte mir eine Hintertür offen. Und andererseits ist das alles schon so verjährt. Es ist wirklich ein schwieriger Fall. Irgendwie will ja auch das Opfer selbst nichts mehr davon wissen. Vielleicht sollten sie ihn einfach gehen lassen, da die Frau scheinbar keinen grossen Schaden davongetragen hat. Aber natürlich befürworte ich nicht, was Polanski getan hat. Aber naja, dieses Geschäft ist ein hartes Pflaster und viele Frauen werden ausgebeutet. Vor allem auch im Modelbereich und im Film. Ich bin ja schon sehr lange in diesem Geschäft und weiss, was alles passieren kann. Aber es kann auch Männern passieren.

Haben Sie selbst auch schon solch negative Erfahrungen gemacht?

Nein, das nicht.

Als was sehen Sie sich selbst? Als Designer? Als Schauspieler?

Ich habe mich nie als nur das eine oder nur das andere gesehen. Ich hatte schon immer ein Problem damit, mich in eine Schublade stecken zu lassen, was man hier in der Schweiz oder in Deutschland gerne macht. Darum wanderte ich damals auch nach England aus, denn schon früher wollte man mich in etwas hineindrücken, das ich nicht war. Dagegen hab ich rebelliert. In meiner Laufbahn hab ich schon so viel Verschiedenes gemacht und ich will in Zukunft auch weiterhin Verschiedenes machen. Ich will malen, schauspielern, Mode machen – ich bin einfach so ein Mensch, der alles ausprobieren will. Ich will nicht nur Designer sein.

Also sind Sie in der Mode nicht „angekommen“?

Natürlich will ich es weiterhin machen, es soll einfach nur ein Teil von mir sein, weil ich auch noch in anderen Bereichen arbeiten will. (Lacht) Ich hatte immer ein Problem damit..you know?! Ich will in Zukunft vielleicht auch wieder Schauspiel machen. Oder ich hab auch schon zwei CDs aufgenommen, ich kann mir auch vorstellen, wieder was in der Richtung zu machen!

Denken Sie, dass Ihre Mode durch ihre facettenreiche Karriere beeinflusst ist?

Ja, aber die Inspirationen kommen von überall. Du läufst in London über die Strasse und die Kids tragen etwas, das dich zu einem neuen Entwurf inspiriert. Von dort kommt ja die Mode eigentlich auch, von der Strasse. Die ganz grossen Trends kommen von der Strasse, dann werden sie verfeinert und kommen in den Laden. Zum Beispiel die Jungs, die ihre Hose in den Kniekehlen trage – ich finde das schrecklich. Das kommt aus der Bronx, von den Rappern. Doch deren Hosen waren speziell dafür geschnitten, doch mit den normalen Jeans passt das doch nicht?! Obwohl dieser Trend jetzt schon zehn Jahre alt ist, machen die Jugendlichen das immer noch und das stört mich aus ästhetischen Gründen. Das ist so mit den Trends, die von der Strasse kommen. Manchmal werden sie gut übersetzt, manchmal nicht.

Die Optik verdrängt den Hintergrund: Zum Beispiel mit den Springerstiefeln, die jetzt angesagt sind. Oder auch Bandshirts, die bei H&M verkauft werden. Oftmals kennt der Käufer die Bedeutung nicht oder nur vage. Stört Sie das?

Nein, man muss halt aufpassen, dass man sich nicht durch alles gestört fühlt. Jeder hat seine eigene Ausdrucksweise. Es ist wie, wenn du im Museum ein Bild anschaust, und eine eigene Interpretation dazu hast, die vielleicht nicht dieselbe ist, wie sie der Künstler gehabt hat, aber dennoch keine falsche. Und darum ist es auch schwierig, andere Leute die andere Trends machen zu beurteilen. Schlecht wäre es, wenn es nur ums Geld ginge. Aber wenn es künstlerischer Ausdruck ist, akzeptiere ich das.

The Colors of Indonesia (inkl. Verlosung)


Samstag, 24. Oktober ab 15:00 Uhr

Römisch-katholische Kirchgemeinde, Schwamendingerstrasse 55, 8050 Zürich Oerlikon.

Eintritt: CHF 20.- für Studenten / CHF 25.- (Inkl. Indonesischer Imbiss und Welcome Drink)

Tink.ch verlost ein Ticket für diese Inszenierung: Sende einfach eine Mail mit deinem Namen an martin.sturzenegger(at)tink.ch