Kultur | 19.10.2009

„Die Schweiz ist nicht das Ziel“

Tink.ch traf die Vertreter des Kantons Basel-Stadt: Sheila She Loves You. Dabei entstand ein angenehmes und ehrliches Gespräch über ihre Favoritenrolle in der Basler Musikszene, ihre angebliche Arroganz und die Veröffentlichung ihres ersten Albums.
Die Jungs von Sheila She Loves You: David Blum (links), Alain Meyer (mitte, hinten), Tobija Stuker (rechts) und Joachim Setlik (vorne).
Bild: Audrey Djouadi

Woher stammt euer Bandname? Steht er wirklich in Verbindung zu einem Bild?

David: Das ist völliger Schwachsinn. Das hat irgendjemand einmal ins Internet gestellt.

Joachim: Es ist einfach eine Assonanz. Ich habe ein Lied mit diesem Titel geschrieben und dann haben wir den als Bandnamen genommen.

Alain: Es rollt so schön: „Sheila…She…Loves…You“

Ihr beschreibt eure Musik als Powerpop. Was ist Powerpop?

Joachim: Eigentlich nichts. Ich finde die Beschreibung auf der englischen Wikipedia-Seite einfach cool. Powerpop ist melodische Musik. Die Melodie ist wichtig, aber jetzt geht unsere Musik auch ein wenig in die düstere Richtung und wird komplexer. Ich finde Einteilungen in Genres sowieso blöd.

Alain: Aber Powerpop klang einfach gut. Es hat Power und es hat Pop. Wir machen uns aber keine Gedanken darüber, was für Musik wir machen.

Am 1.Dezember 2006 hattet ihr euer erstes Konzert im Sommercasino in Basel. Du, Alain, hast damals in einer anderen Band gespielt. Wieso bist du nun bei Sheila She Loves You dabei?

Joachim: Er macht sehr gutes Art Work.

Alain: Ich habe schon immer Musik mit ihnen gemacht. Wir hatten früher auch eine Hardcore Band, ich habe geschrien und Joachim hat Schlagzeug gespielt. Aber dann dachte ich, dass es gut ist, wenn sie zu dritt spielen. Ich habe anderes gemacht, dann haben wir uns wieder zusammengetan.

Joachim: Er hat ja noch eine andere Band: The Golden.

Alain: The Golden ist für mich ein Sammelprojekt, ich schreibe meine Lieder und alle können mitmachen.

Joachim: Ausser David…er ist immer sehr am Erfolg interessiert. The Golden ist eine richtige Band. Mit Sheila She Loves You erhoffen wir uns, vielleicht einmal Geld mit der Musik zu verdienen.

Wie habt ihr euch seitdem entwickelt? Hat sich eure Musik in andere Richtungen entwickelt?

Joachim: Ja, das sowieso.

Alain: Also, die alten Lieder nerven uns schon richtig.

Joachim: Schon nur unser Album, welches wir voraussichtlich im Januar 2010 herausbringen. Wir haben schon vor einem Jahr mit den Aufnahmen angefangen und die Songs habe ich mit 16,17 Jahren geschrieben. Es ist zum Kotzen, am liebsten würde ich sie gar nicht mehr spielen.

Tobija: Ausserdem haben wir nun alle Bärte. Fast alle.

Ihr seid im Videoclip der Lovebugs zu sehen. Christopher Christopher, die Vertreter des Kantons Aargau, waren mit Adrian Solo auf Tour. Sind die Lovebugs quasi das Ticketin die Schweizer Musikszene?

Alain: Ach das war doch ein Scheiss.

Joachim: Das bringt überhaupt nichts, sie haben einfach Leute gebraucht und wir sind eben gute Tänzer.

Alain: Sie haben uns angerufen und gesagt ,wir sollen am nächsten Tag vorbeischauen. Es gab ein grosses Büffet und viel Bier und dann haben wir uns dort voll gefressen und besoffen und getanzt.

Joachim: Ich komme eine halbe Sekunde lang drin vor und habe so gut getanzt Aber zurück zu den Lovebugs. Die bringen dir nicht viel. Sie können nicht sagen, dass wir geil sind und schwups! Es ist immer harte Arbeit.

Wo seht ihr eure Position in der Basler Musikszene? Es gibt Stimmen, die behaupten, ihr würdet zu den besten Bands in der Region gehören. Denkt ihr das auch?

Joachim: Sicher nicht technisch. Am Instrument sind wir sehr schlechte Musiker.

Alain: Ich denke , wir nehmen unsere Musik ernst. Ich habe das Gefühl, dass dies sehr wenige Leute in der Region tun. Die Basler Musikszene interessiert uns auch nicht wirklich und in Basel hat jeder eine andere Meinung über uns. Man redet viel.

Joachim: Ich höre immer, dass wir arrogant und Arschlöcher sind.

Alain: Man darf in Basel sowieso nicht selbstbewusst sein.

Joachim: Man darf nicht sagen, dass man gut ist. Man muss immer sagen, dass die anderen besser sind à  la „Ja, Mañana, die sind so gut, ich freue mich, dass ich mit ihnen spielen darf.“ Dabei finde ichMañana solid, nichts Spannendes. Und das passt in Basel niemandem, hier bist du dann gerade arrogant.

Alain: Es gibt in Basel wenige Bands, die gut sind. Nur Alt F4.

Joachim: Und James Legères.

Alain: Aber sonst – man spürt einfach nichts. Wir vergleichen uns auch nicht mit Basler Bands. Wenn wir uns vergleichen, vergleichen wir uns mit Bands, die wir gern hören.

Joachim: Basel ist nicht das Ziel. Die Schweiz ist nicht das Ziel. Wir sind jetzt einfach hier und wir kennen viele Leute und können viel spielen, das ist super. Aber wir könnten ebenso gut wegziehen und irgendwo anders Musik machen und genauso unbekannt bleiben oder eben bekannt werden.

Wo seht ihr euch in fünf Jahren?

Joachim: Klar möchte ich erfolgreich sein, denn wenn du von Musik leben willst, musst du erfolgreich sein.

Alain: Ich möchte einfach touren und spielen. Alles andere ist mir egal, Hauptsache, ich kann Musik machen.

Was wäre das Schlimmste, das man über euch schreiben könnte?

Alain: Dass wir langweilig sind oder wenn wir das Gefühl haben, dass man uns nicht ernst nimmt.

Joachim: Dass wir die zweiten Lovebugs sein könnten! Wenn ich 25 Jahre alt bin und noch keinen Erfolg habe, fange ich an Pop zu machen. So richtig ekligen, inhaltslosen Pop.

Bei welchem Album würdet ihr euch wünschen, dass es von euch ist?

Alain: Das Live Album von Kiss oder „In The Aeroplane Over The Sea“ von Neutral Milk Hotel und vielleicht noch „Funeral“ von Arcade Fire.

Joachim: Bei mir wäre es im Moment das Album „Filosofem“ von Burzum. Aber wirklich, wenn ich so ein Album herausgebracht hätte, wäre ich sehr stolz!

David: Johnny Cash mit „Cry, Cry, Cry“.

Tobija: Bei mir wäre es Feist mit „The Reminder“.

Oscar Wilde hatte einst gesagt: „All art is quite useless.“ Wie steht ihr zu dieser Aussage?

Joachim: Da kann man sich nur fragen, was Kunst überhaupt ist.

Was ist Kunst überhaupt?

Joachim: Kunst sollte als Sprache funktionieren. Sie sollte Inhalte transportieren, die mit Worten nicht transportierbar sind; aber nicht jedes Kunstwerk kann zum Betrachter sprechen – das glaube ich jedenfalls. Und nur äusserst selten sagt ein Künstler etwas Konkretes, etwas Bewusstesdasvom Betrachter genau so verstanden. Es ist sehr, sehr individuell. Kunst passiert mehr als dass sie erschaffen wird. Deswegen findet sich in meiner Kunst auch nie eine explizite Botschaft, ich hab eine Botschaft als Mensch und eine Philosophie. Das hängt zusammen, ist aber fast nie kongruent, das heisst, die Menschen können in meiner Musik Dinge sehen, die ich nicht sehe oder, spannender ausgedrückt, die ich gar nicht bewusst reingesteckt habe. Das heisst aber auch, dass es erst dann Kunst ist, wenn die Betrachter darin etwas „Übermenschliches“ erfahren können. Musik ist extrem übermenschlich, am unfassbarsten von allen Künsten. Aber nicht jede Musik ist Kunst, und auch nicht all meine Musik ist Kunst. Aber das ist unwichtig. Es geht eigentlich darum, sich mit Menschen zu vereinigen. Im Geiste, durch Ästhetik, die auch Hässlichkeit sein kann. Es geht darum, ein Einverständnis zu ermöglichen, das über vieles, was uns eigentlich beherrscht, hinauswächst.

Kunst ist also eine höhere Form der Kommunikation?

Joachim: Ja genau, oder einfach eine andere. Es ist ja schon eine Metaebene, wenn man als Dichter Wörter so aneinanderreiht, dass sie mehr ausdrücken als dass sie eigentlich sagen. Das ist es, was die Seele eines Menschen berührt. Dann geht es tief und kann extrem verbrüdern. Im Moment oder ein Leben lang.

Wieso habt ihr es verdient, den Kanton Basel-Stadt zu vertreten?

Joachim: Alles andere wäre eine Selbstdiskredition euerseits gewesen. Wir sind eben einzigartig. Ja, natürlich, jede Band ist einzigartig, so wie jeder Mensch einzigartig ist. Aber es gibt begabte Menschen und es gibt Genies. Genies stechen hervor und ich bezeichne mich gerne als ein solches. Ehrlich gesagt, sehe ich uns als die beste Band dieses Kantons. Was soll ich sonst sagen? Wenn ich etwas anderes sagen würde, müsste ich aufhören, Musik zu machen.