Politik | 12.10.2009

„Das Volk soll die Spielregeln bestimmen“

Text von Elia Blülle
Cédric Wermuth, Präsident der Jungsozialist/innen und Vizepräsident der SP Schweiz, über sein Misstrauen zum Bundesrat, die Lehrstellenproblematik und die 1:12 - Initiative.
"Ich habe das Vertrauen in den Bundesrat verloren.": Cédric Wermuth. Fotos: www.cedric-wermuth.ch Steile Politkarriere: Cédric Wermuth (23) wohnt in Baden, ist Präsident der Jungsozialisten Schweiz und Vize-Präsident der SP Schweiz. Sein polarisierender Stil scheint bei jungen Leuten gut anzukommen.

Momentan gilt es die Wirtschaftskrise zu bewältigen. Wird in dieser turbulenten Zeit die Jugend benachteiligt?

Cédric Wermuth: Ja, vorübergehend ist es sicher so, dass wir sehr viel von dieser Krise tragen müssen. Weil die bürgerlichen Parteien ein anständiges Konjunkturpaket mehr oder weniger verweigern. Die Jugendlichen wachsen in einem Bestehen auf, wo nichts mehr klar ist und sie wenig Vertrauen entwickeln. Die Krise werden wir in den nächsten Jahrzehnten noch sehr stark spüren.

Lehrstellen werden immer rarer. Aber wieso?

Es ist sicher so, dass die Bereitschaft der grösseren Betriebe, Lehrlinge auszubilden, gesunken ist. Dazu kommt noch, dass wir nach wie vor eine starke Diskriminierung auf dem Bildungsmarkt haben, meistens sind Jugendliche mit Migrationhintergründen davon betroffen.

Aber im Vergleich zu anderen Ländern funktioniert unser Bildungsmodell immer noch relativ gut. Frankreich zum Beispiel hat, mit einer Jugendarbeitslosigkeit von 15%,  ein deutlich grösseres Problem.

An mehreren unglücklichen Aktionen erkannte man, dass die Zusammenarbeit im Bundeshaus nicht die Beste war. Wird in der Schweiz zuviel Parteipolitik betrieben?

Ich bin da nicht ganz einverstanden, es ist natürlich so, dass das Parlament ziemlich viele gemeinsame Verträge verabschiedet, aber diese sind dann nicht so populär und erscheinen meistens nur am Rande der Medien. Die Presse publiziert lieber Uneinigkeiten und Streitereien, welche auch von den Konsumenten bevorzugt werden.

Ich glaube nicht, dass zu viel Parteipolitik betrieben wird, denn die Parteien sind da, um eine gewisse Position zu vertreten. Möglicherweise ist es so, dass sich in den vergangenen Jahren die Fronten verhärtet haben.

Vertrauen sie dem Bundesrat noch – Stichwort Libyen?

Nein, er besteht aus einer bürgerlichen Mehrheit, die auch eine solche Politik ausübt. Mich überrascht es nicht, dass er so schlecht gehandelt hat wie in Libyen. Ich persönlich habe kein Vertrauen in dieses Gremium und ich glaube, es wird uns auch nicht aus der Krise befreien.

Ist ihrer Meinung nach die Schweiz zu konservativ?

Ja, natürlich, die Schweiz hat seit 150 Jahren eine konservativ liberale Mehrheit. 

Mit einigen umstrittenen Aktionen sorgte die JUSO für hitzige Diskussionen. Was wolltet ihr damit erreichen?

Wir hatten, 2008, 15% Neumitglieder gewonnen. Das beweist uns, dass man unsere Politik versteht. Wir üben eine Politik aus, die sehr provokativ ist, so aber auch bei den Jungen ankommt. Wir wollen zeigen, dass die Politik nicht nur aus langweiligen Reden besteht, sondern, dass ich auch mit einer Demonstration oder Hausbesetzung ausdrücken kann, was mich stört.

Sie wurden von einigen Parteien als Anarchist betitelt, was sagen Sie dazu?

(lacht) Das ist logisch, wenn irgendetwas geschieht, hacken alle Gegenparteien darauf herum, aber mit Angriffen von Rechts komme ich gut zu recht. Wenn einem die Argumente ausgehen, kommt es halt zu solchen Aussagen, das gehört zum politischen Spiel.

Wenn Sie in die Zukunft schauen, welches sind Ihre grössten Ziele? 

Ich hoffe, dass wir dazu beitragen können, dass die SP Schweiz in absehbarer Zeit wieder zur stärksten Partei wird, es unserem Land gelingt, eine Diskussion über die Reichtumsverteilung auszulösen und in der Schweiz vermehrt wieder soziale Gerechtigkeit herrscht. Ich wäre froh, wenn ich am Ende meiner politischen Karriere sagen kann, dass wir real etwas für die Menschen in der Schweiz erreicht haben.

Warum sollte man eure neue 1:12 Iniative* unterschreiben?

Insbesondere wegen zwei Punkten: Erstens kann es nicht sein, dass in der Schweiz etwa 500’000 Leute leben, die „working poor“ sind. Eltern, die voll arbeiten und trotzdem zu wenig Mittel für das alltägliche Leben aufbringen können. Hingegen auf der anderen Seite, Manager wie Daniel Vasella (Novartis), die 40 Millionen Franken pro Jahr abzocken. Das ist ungerecht und so etwas kann in einem Land wie der Schweiz nicht der Fall sein.

Wir wollen, dass in diesem Land wieder das Volk die Spielregeln macht und wir nicht einfach das tun müssen, was den Portemonnaies vom Brabeck oder Vasella gut tut.

*Die 1:12 Iniative soll vorschreiben, dass in einem Unternehmen niemand 12 Mal weniger als der höchst Belohnte verdienen sollte. Die Unterschriftssammlung beginnt am 6. Oktober.   

Leserumfrage: Ist die 1:12 – Initiative sinnvoll? (Kommentare bitte unten eintragen)

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