Kultur | 27.10.2009

Das Verdrängen wird schwieriger

Text von Uwe Bieri
Im Untergeschoss des Luzerner Theaters er- und durchlebt der Zuschauer die innere und äussere Zerrissenheit der Protagonisten aus Ohan Pamuks "Schnee".
Erdal Yildiz bei der Probe. Fotos: Ingo Höhn/dphoto.ch Erdal Yildiz und Salmia von Arx. Erdal Yildiz und Samuel Zumbühl

„als ob der Schnee auf alle Feindschaft, Begierde und Haß sinke und die Menschen einander annähern“

 

Wenn man die Treppe runtersteigt, in die Katakomben des Luzerner Theaters vordringt, verlässt man für eine Stunde und 45 Minuten den sicheren Boden einer harmlosen Schweizer Stadt. Dumpfes, blaues Licht und eine kühle, schlichte Kulisse erwarten einen wenn man den Vorführungsraum, die türkische Provinzstadt Kars, betritt. Bei dieser Vorstellung gab es keine Zuschauer, nur schuldige Beobachter. Die Stühle am Rand und rund um das Geschehen angeordnet, die Schauspieler, die sich immer wieder in die Reihen der Zuschauer setzten, und von dort aus agierten, zwangen das Publikum die ganze Zeit über in ängstlicher Spannung zu verharren, eine Position gegenüber dem Spiel in der Mitte einzunehmen. Denn plötzliche wurde man wieder in gleissendes Scheinwerferlicht getaucht und dadurch gezwungen, ein mimisches Urteil abzugeben.

 

Wir alle konnten miterleben, wie Ka, ein türkischer Intellektueller, seine inneren Konflikte, die gleichzeitig auch ein äusserlich und dadurch existentiell weren, austrägt. Hin- und hergerissen zwischen den Idealen der westlichen aufgeklärten Welt, den Traditionen seines Heimatlandes und der fundamentalen Auslegung des Islams. Dazu die Liebe einer Frau und dazwischen immer wieder der Schnee, der immer aber mit ihm kein Urteil fällt und die Politik, die Religion und das Machtstreben des Menschen als endlich und lächerlich erscheinen lässt.

 

Der Eindruck, den das Schauspielensembles hinterliess, war nachhaltig. Ihr Spiel war intensiv, drückend und bisweilen auch aggressiv.

 

Die Inszenierung war fordernd und progressiv zu kritisieren ist einzig, dass Zuschauer, die das Buch nicht gelesen haben, zeitweise Schwierigkeiten haben, dem chronologisch gebrochenen Ablauf zu folgen.

 

Nach einer Stunde und 45 Minuten Theater ist man froh, wieder die Treppe hinauf zu steigen, Kars zu verlassen und wieder in der Schweiz zu sein. Man kann das Gesehene verdrängen und das türkische Problem vergessen – aber es ist jetzt schwieriger als zuvor.

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