Gesellschaft | 26.10.2009

Bologna – lesen Sie die Packungsbeilage

Text von Annatina Gilgen
Entscheidungsprobleme, Prüfungsangst  oder Stress - jede Universität der Schweiz verfügt über eine psychologische Beratungsstelle. Doch ein verängstigter und depressiver Student passt so gar nicht in das Klischee des "Schöggelerstudenten", welches doch so manch einer im Hinterkopf hat.
Fotos: pixelio.de/Jenzig71

Was wird also häufiger konsumiert – Bier oder Anti-Depressiva?

Bologna und seine Nebenwirkungen

Was sicher ist: In nur fünf Jahren stiegen die Studentenzahlen stark an, auf zirka 200-˜000 Studenten im Herbst 2009. Eine höhere Erfolgsrate wurde ebenfalls bereits verzeichnet – Bologna wird bereits seit fünf Jahren in der Schweiz angewandt und scheint zu klappen; die Unis sind stolz.

Vieles hat sich verändert. „Langzeitstundent“ war einmal, heute herrschen strikte Regeln – das wiederholte Nichtbestehen von Prüfungen kann zum Ausschluss aus der Fakultät führen. Die Uni wird zur Schule. Vorlesungssaal und Bibliothek sind überfüllt, in gewissen Studiengängen verdoppelt sich die Studierendenanzahl fast jährlich. Der träumerische, philosophierende Student von früher ist zum Inventar der Universitätsbibliothek geworden und greift auch mal zu Ritalin, um sich zu konzentrieren. Soviel zu den allseits bekannten Nebenwirkungen von Bologna.

Kaum Raum für persönliche Krisen

Doch, wie also sieht es mit der Psyche aus? Ist der Druck zu stark geworden oder können sich die Studenten gut in das System einfügen, wie das die Erfolgsquoten zu zeigen scheinen? Im Jahr 2008 wurden 1.98% der Studierenden der Hochschulen Zürich (ETH, UZH) im psychologischen Dienst beraten. Im Vorjahr waren es 1.87% – ein kleiner Anstieg. Die Dienste werden deutlich häufiger von Frauen beansprucht, wobei eine eindeutige Tendenz bei der Studienrichtung jedoch nicht abzulesen ist.

Ulrich Frischknecht, Leiter der psychologischen Beratungsstelle weiss: „Unsere Klienten (2%) sind ein gutes Abbild der Gesamtmenge der Studierenden.“ Die Zahlen seien vergleichbar mit der Inanspruchnahme der psychologischen Dienstleistungen ausserhalb der Uni. Die Studenten haben also nicht mehr psychische Probleme als der Rest der Schweizer Bevölkerung.

Auf die Frage, ob das Bolognasystem häufiger Probleme hervorrufe als das alte System, erklärt Ulrich Frischknecht: „Wir haben nicht mehr Klienten wegen Bologna. Das aktuelle Studiensystem bevorzugt und benachteiligt ein anderes Segment der Studierenden als das vorherige. Studierende, die von Struktur profitieren, sind heute besser dran; die Selbstständigen fühlen sich eher eingeengt.“

Der Leiter der Beratungsstelle weist darauf hin, dass sich die Nöte und Anliegen der Adoleszenten in unserer Gesellschaft nicht so rasch verändern wie man das vielleicht annehme. Das Bolognasystem sei ein sehr dichtes, etwas atemloses System, das persönlichen Krisen kaum Raum gewähre und adoleszenten Such- und Entscheidungsprozessen nicht förderlich sei. Dies sei jedoch eher der Gesellschaft zuzuschreiben, weniger der Uni.

Der Beratungsbedarf steigt in anderen Bereichen

Rita Raemy, Leiterin der Beratungsstelle Freiburg, bestätigt, dass Angst und Stress als Auslöser für eine Beratungsanfrage auch in Freiburg, trotz steigender Studierendenzahlen, zahlenmässig stabil geblieben seien. Jedoch steige die Anzahl der Anfragen auf der Grundlage von Zweifeln bezüglich Studienwahl.

„Die anderen beratenden Services der Uni erleben einen erhöhten Beratungsbedarf, weil viele administrative Fragen unklar oder übermässig geregelt sind“, meint Frischknecht abschliessend.

Wir stellen also fest – psychische Folgen hat Bologna nicht, auch wenn gewisse Administrativprobleme und die überfüllten Bibliotheken manchmal ziemlich nerven.