Gesellschaft | 26.10.2009

3000 Kilometer durch die glühende Einöde

Keine Boxenluder, keine kreischenden Motoren - dafür die unendliche Weite der australischen Wüste. Der Basler Dominic de Vries fährt diese Woche am härtesten Solarmobilrennen der Welt.
Das Global Green Challenge gilt als längstes und härtestes Solarrennen der Welt. Fotos: PD Dominic de Vries startet heuer zum dritten Mal zum Rennen in Australien. Beim letzten Mal reichte es mit dem Heliox 2007 knapp bis ins Ziel. Hinter dem Projekt steckt viel Herzblut und ein ganzes Team: Mit dabei auch De Vries` Söhne. In diesem Auto steckt viel Hightech: Der Nuon 5 des holländischen Favoritenteams. 1990 reichte es dem Schweizer Auto "Spirit of Biel II" zum Sieg.

Global Green Challenge. Wer bei diesem Namen an einen Wettstreit zwischen ambitionierten Hobbygärtnern denkt, täuscht sich. Die Global Green Challenge ist eines der härtesten Fahrzeugrennen der Welt. Eine Rallye, bei der sich die Teilnehmer nicht mit benzinbetriebener Motorenkraft, sondern mit purer Sonnenenergie konkurrieren. Das Rennen ist „Global“, weil 38 Teams aus 17 Ländern daran teilnehmen, es ist „Green“, weil ausschliesslich Solarmobile an den Start dürfen und es ist eine „Challenge“, weil derjenige gewinnt, der mit seinem Gefährt die 3000 Kilometer durch Australiens Einöde am schnellsten hinter sich bringt.

Seit letztem Sonntag ist es wieder so weit. Mit dabei ist Dominic de Vries mit seinem achtköpfigen Heliox Solar Team. Zum dritten Mal befährt der 43-Jährige den 3000 Kilometer langen Stuart Highway, der von der nördlichsten Stadt Darwin zur südlichsten Metropole Adelaide führt. Ein endlos scheinender Wüstenritt, der den Kontinent kompromisslos in zwei Hälften teilt. Der Wettkampf findet nur bei Tageslicht statt. Ein Renntag dauert jeweils von 8 Uhr morgens bis 17 Uhr. Dort, wo sich das Gefährt just zu diesem Zeitpunkt befindet, wird mit einem Kreidestrich markiert, wo es am nächsten Tag wieder weitergeht. Dazwischen wird im Wohnwagen campiert, irgendwo im Nirgendwo, zwischen Kängurus und Kakteen. Und immer mit dabei: Eine Überwachungsperson, die schaut, dass die Solarbatterie über Nacht nicht mit Strom aufgeladen wird, oder die Teams sich keine sonstigen Flunkereien erlauben.

Pilot mit Erfahrung

De Vries kennt die Gefahren, die entlang des legendären Stuart Highway auf die Fahrer lauern. Beim letzten Rennen 2007 hat es sein Auto von der Strasse gefegt – kleine, heimtückische Wirbelstürme sind entlang der Strecke eine unberechenbare Konstante. Der Basler und seine Crew hatten Glück: Das einzige, was dabei zu Schaden kam, war der Heliox 2007 – eine 100 Kilogramm leichte Konstruktion aus Aluminium, Pet-Kunststoffen, Holz und leistungsfähigen Solarzellen.

De Vries gilt als einer der erfahrensten Solarmobilpiloten der Welt. In den 80er-Jahren, als die Schweiz in der Solartechnik noch eine Vorreiterrolle spielte, gehörte er zu den Pionieren. 1985 bestritt er die schweizerische Tour de Sol – das erste Solarmobilrennen der Welt. Auf der Strecke von Romanshorn nach Genf mussten sich die Teilnehmer an sämtliche Verkehrsregeln halten, weil das Rennen auf ungesperrten Strasse stattfand. Showgrössen wie Polo Hofer waren vor Ort und die Schweizer Illustrierte berichtete mit einem 20-seitigem Spezial. Seifenkistenförmige Vehikel, die leise durch Stadt und über Land surrten – für die Bevölkerung der 80er-Jahre ein futuristisches Ereignis.

Favoriten aus Holland

Die Euphorie und der Pioniergeist sind inzwischen etwas verflogen. Länder wie Holland, Deutschland oder die USA haben der Schweiz in der Solartechnik längst den Rang abgelaufen. Es ist kein Zufall, dass der Sieger des Global Green Challenge zuletzt viermal aus den Niederlanden kam. Die technischen Standards des Nuon Solar Race Teams von der Universität Delft seien „das Mass aller Dinge“, schwärmt de Vries. Das diesjährige Mobil zeige eindrücklich auf, welche Leistung heute allein durch Sonnenkraft erbracht werden kann: Eine Batterie speichert Energie für eine Strecke von 350 Kilometern, das Gefährt erreicht eine Spitze von 150 km/h. Eine kostspielige Angelegenheit: Eine einzige Solarzelle kostet um die eine Million Euro. „Da steckt mehr High Tech dahinter, als bei der Formel 1“, sagt de Vries über seine Konkurrenten, die vom Know-how und den Materialen der Europäischen Weltraumbehörde (ESA) profitieren.

Alternativenergie – alles andere ist idiotisch

Neid will bei De Vries trotzdem nicht aufkommen. Er und sein achtköpfiges Begleiterteam starten zwar mit Ehrgeiz, aber auch mit Realitätssinn ins Rennen: „Den Favoriten können wir den Sieg nicht streitig machen, das Ziel bleibt das Ziel“, sagt der Basler. Das Heliox Solar Team plant mit einem vergleichbar kleinen Budget von 50`000 Franken, wovon nur 20 Prozent durch Sponsoren gedeckt ist. Für De Vries ist klar: „Wir machen das aus Freude, Abenteuerlust und weil wir der Welt zeigen wollen, was mit Solarenergie heute alles möglich ist“. So wurde der Heliox 2009 ausschliesslich aus Materialien zusammengebaut, die im normalen Fachhandel erhältlich sind. „In zehn Jahren werden mehr Leute im Alternativsektor tätig sein, als in der Automobilbranche“, sagt de Vries, der sich selbst nicht als „grün“, sondern als Realist bezeichnet. „Die Uran- und Erdölvorrate halten nur noch eine begrenzte Zeit. Es ist schlichtweg idiotisch, noch weiter auf diese Rohstoffe zu setzen.“

Die Mission in Down Under scheint für das Heliox Solar Team klar. Nun kann sie nur noch ein unvohergesehnerer Defekt verhindern – oder schlechtes Wetter. Sollte ersteres eintreffen, kann man mit etwas Glück auf die Hilfsbereitschaft eines Konkurrenten zählen. Hoffnung spendet ein Ereignis aus dem letzten Jahr. Ein Team aus den USA spendete der venezuelanischen Mannschaft kurzerhand einen Ersatzmotor. Diese hatte ihren eigenen am Einreisezoll zurücklassen müssen. Grund: Verdacht auf Bombentransport.

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