Gesellschaft | 07.09.2009

Zu Fuss auf dem West Highland Way

Text von Jasmin Back
Sommerferien einmal anders. Eine Tink.ch-Reporterin wanderte mit ihrer Kollegin während sieben Tagen durch die Landschaft Schottlands. Der West Highland Way führte sie von Glasgow in die 152 Kilometer nördlich gelegene Stadt Fort William. Ein Reisebericht in drei Teilen.
Mit diesem Rad kommt man nicht mehr weit. Fotos: Jasmin Back In Milngavie startet der West Highland Way. Rechts ist der Conic Hill zu sehen. Der Hafen von Balmaha.

„Wieder jung müsste man sein“, sagt der ältere Herr nostalgisch, als wir unsere 15-Kilo-Rucksäcke mit einem verkrampften Grinsen auf den Rücken hieven. Wir haben soeben unsere Wasserration für den ersten Tag gekauft und sind jetzt bereit für ein 150-kilometerlanges Abenteuer. „Früher habe ich das auch gemacht. Was bleibt, sind die Erinnerungen an die Jugendzeit.“ Wir lächeln. „Wandert ihr auf dem West Highland Way?“ – „Ja.“ – „Viel Spass!“ Wir bedanken und verabschieden uns und laufen zum offiziellen Start des wohl bekanntesten Wanderwegs in Schottland: Der West Highland Way beginnt in Milngavie, einem Vorort im Norden Glasgows.

Die ersten zehn Kilometer gehen leicht von den Füssen. Wir bewundern die (noch) sanften Hügel und monumentalen Wolken am weiten Himmel und machen immer wieder kurze Verpflegungs- und Fotostops. Wir haben Regen erwartet. Doch wir werden noch lernen, dass Wolken nicht zwingend Regen mit sich bringen. Nach 20 Kilometern erreichen wir unser Tagesziel Drymen. Ein wenig ausserhalb des 800-Seelen-Dorfs befindet sich das B&B, wo wir übernachten werden. Die Inhaberin Rosemary ist erstaunt: „Ihr wisst, dass es einen Gepäckservice gibt, der euer Gepäck transportieren würde, so dass ihr nur mit einem kleinen Rucksack wandern könntet?“ Gewusst? Jein. Wahrscheinlich darüber gelesen, aber nicht mehr, da wir nie daran gedacht haben, unser Gepäck nicht selber zu tragen.

Tag Zwei

Ich habe Blasen an den Füssen. Pro Fuss drei. Nicht besonders angenehm, aber es ist der Beginn meiner Karriere als Wie-tape-und-pflastere-ich-meine-Füsse-so-ein-dass-ich-ohne-Probleme-20-Kilometer-am-Tag-wandern-kann-Profi. Das Frühstück ist mit Rühreiern, Lachs, Cornflakes, Toast und frischen Beeren sehr nahrhaft. Wir sitzen mit einem Pärchen an einem Tisch. Wir fragen uns, woher sie kommen und ich vermute, dass sie über dasselbe gesprochen haben. Dann kommt Rosemarys Mann John herein. „Der Wetterbericht sagt Regen voraus. Wer von euch ist zu Fuss unterwegs?“ „Sehen wir aus, als ob wir laufen würden?“, meint die Frau lachend, aber nicht unfreundlich. Ihr Mann grinst ebenfalls und erkundigt sich, wo sich die nächste Tankstelle befindet. Später fährt uns John mit dem Auto zum Wanderweg zurück. Darüber sind wir nicht ganz unglücklich, da uns heute weitere 22 Kilometer erwarten. „Seid ihr zum ersten Mal in Schottland?“, fragt er. Wir bejahen und er erzählt uns, dass er den West Highland Way bereits drei Mal abgelaufen sei, jedoch immer ohne „grosses“ Gepäck. In der Schweiz sei er erst einmal gewesen. Zum Skifahren, sagt er, worauf wir über die Unterschiede zwischen dem Snowboarden und Skifahren plaudern. Ein paar Minuten später sind wir am Weg angekommen und wir verabschieden uns.

Nach knappen 200 Metern beginnt es zu regnen und wir packen uns und unsere Rucksäcke in Regenjacke und -hose, respektive -hülle ein. Der Weg führt durch einen Wald in Richtung Conic Hill. Dieser scheint sehr hoch zu sein. Wir schlucken einmal leer. Nein, zweimal. Irgendwie legen wir die 200 Höhenmeter zurück. Die Endorphine strömen beim Anblick des Loch Lomond nur so aus mir heraus. Wir legen eine Pause ein, bevor es den steilen Weg ins Dorf Balmaha hinunter geht. Dort erwartet uns ein idyllischer Hafen mit kleinen Motor- und Segelbooten. Danach wandern wir zehn Kilometer dem Loch Lomond entlang. In der Hälfte machen wir nochmals eine Pause und beobachten, wie Windsurfer mit klappernden Zähnen aus dem See steigen. Wir entscheiden uns aber doch dagegen, nach der Wassertemperatur zu fragen.

Der restliche Weg ist anstrengend: Immer wieder geht es steil hinauf und es regnet so fest, dass wir trotz Bäumen nass werden. Zusätzlich ist mein Wasser alle und das Knie meiner Kollegin entscheidet sich mit jedem Schritt ein bisschen mehr weh zu tun. Die letzten zwei Kilometer geben uns den Rest. Wir möchten nur noch duschen, etwas essen und dann schlafen gehen. Endlich kommt die Jugendherberge in Rowardennan in Sicht. Wir checken ein, worauf der freundliche Mann am Empfang uns mitteilt, dass sie kein fliessend Wasser hätten. „Überhaupt nicht?!“, fragen wir entsetzt. „Doch, doch“, beruhigt er uns. Aber es gäbe ein Problem, das in ungefähr einer Stunde behoben sein sollte. Es ist 18 Uhr. Wir probieren alle 15 Minuten den Wasserhahn in unserem Zimmer aus. Nix. Kurz vor 22 Uhr ertönt endlich das lang ersehnte Gurgeln aus dem Hahn und dann sprudelt es. Wasser. Klar und kalt. Das ist einer der Momente im Leben, in welchem ich realisiere, wie selbstverständlich wir alles hinnehmen, in diesem Fall das fliessende Wasser. Wir trinken und gehen dann – ohne zu duschen – ins Bett. Denn am nächsten Tag steht laut Reiseführer der „härteste“ Abschnitt an.

Vorschau


Nächste Woche geht die Wanderung weiter, bei der die beiden Abenteuerinnen erneut an ihre Grenzen stossen, dafür aber mit tierischen Begegnungen und dem Anblick unberührter Natur belohnt werden.