Kultur | 28.09.2009

„Würde es dich stören, wenn ich mit 70 noch auf der Bühne stehe?“

Text von Swana Schlegel | Bilder von Rahel Waltisperger
Kurz vor Beginn des Schupfart-Festivals stand uns der Bassist von Gotthard Rede und Antwort zum neuen Album "Need to believe" und dazu, wie es in Zukunft mit der Band weitergehen wird.
Verheissungsvolle Töne von Marc Lynn: "Die Speciality wird kommen"
Bild: Rahel Waltisperger

„Need to believe“ ist ja nun schon ein paar Wochen auf dem Markt und ist in den Schweizer Charts gleich auf Platz 1 eingestiegen. Habt ihr damit gerechnet?

Eigentlich nicht, zwar erwartet man das von uns, weil es bisher immer so war, aber es ist einfach nicht selbstverständlich in der heutigen Zeit. Es gibt einfach viel Konkurrenz und es ist nicht immer sicher, ob man gute Songs schreibt. Vielleicht gefallen mir diese Songs, aber jemand anderem nicht. Was natürlich auch super ist, Platz 8 in Deutschland, in Österreich um die 30, in Schweden 40, das ist der Hammer, das hatten wir auch noch nie.

 Das Album ist ohne Zweifel wieder mehr auf der rockigen Schiene als ein paar Vorgänger. Trotzdem gibt es ein paar „Fans der ersten Stunde“, denen es immer noch einen Tick zu soft ist. Wie seht ihr das, seid ihr zufrieden oder wird es in Zukunft doch noch härtere Songs von euch zu hören geben?

Nein, ich denke das ist eine der härtesten Platten, die wir je geschrieben haben. Diejenigen, welche so was immer sagen, sind einfach Dummschwätzer, Entschuldigung. Wir gewannen in der Zeit nach „D-Frosted“ so viele neue Fans und die wollten wir mit uns nehmen. Wir brachten „Open“ heraus, welches ein wenig in die poppigere Richtung ging. In dieser Zeit spielte auch das Radio keine Gitarrensounds. Wir mussten erstens also wirklich aufpassen, da wir schliesslich auch überleben wollten. Zweitens sind es genau diejenigen, die immer „zu soft“ schreien, die nachher in der ersten Reihe stehen mit dem Feuerzeug. Lederjacke, hinten gross AC/DC draufstehen, aber in der ersten Reihe beim Akkustik-Song „One Live One Soul“. Steve ist jedoch ein Sänger und kein Shouter, der kräht nicht wie viele andere. Wenn du also jemanden hast, der so singt wie er, dann musst du ihn singen lassen. Und das ist auch unser Ziel, Musik zu machen.

Gibt es etwas, was euch bei diesem Album speziell inspiriert hat? Eure Texte handeln ja oft von Hoffnung, Trennung und Neuanfängen.

Gut, diese Dinge erlebst du vor allem, wenn du unterwegs bist. Das ist diese Seuche vom Vermissen, vom Besitzen, Haben und doch nicht dabei Haben. Dann möchtest du nach Hause und wenn du zu Hause bist, möchtest du doch wieder weg, weil du das vermisst, was du unterwegs hattest. Das ganze Leben ist ein bisschen davon geprägt.

 
„Need to believe“ hat für uns die Bedeutung, dass wir an uns geglaubt haben über Jahre und auch daran glaubten, dass dieses Album wieder toll wird. Was sich jetzt durch die Platzierungen bestätigt hat.

Wem gehört eigentlich die Hand auf dem neuen CD-Cover?

Das ist eine sehr gute Frage. Ich weiss, dass es die italienische Hand vom Grafiker ist (lacht). Alle haben diese Hand immer quer gemacht und plötzlich kam der Grafiker und sagte von vorne. Das war das erste Cover, bei der wir sagten, das könne man einigermassen bewilligen. Wir sehen, dass es noch nicht zu hundert Prozent gelungen ist, aber irgendwann muss man auch aufhören, es geht ja nur um das Cover. Aber von uns ist die Hand nicht. (lacht)

Ihr habt heute Abend nun euer erstes Konzert nach Herausgabe eures neuen Albums. Gibt es da einen speziellen Grund, dass dies gerade in Schupfart stattfindet?

Ja, weil sie uns angefragt haben. (lacht) Nein, wir wollten das Album eigentlich im Mai herausbringen und dann war Schupfart schon geplant. Wir haben uns dann aber entschieden, es doch erst im September heraus zu bringen, weil wir, bis auf „D-Frosted“, bisher alle Platten im Frühling herausbrachten. Das hat sich also einfach so ergeben. Wir sehen Schupfart nun einfach als letzte grosse Party, bevor wir die neue Show präsentieren. Das heisst, wir werden heute Abend ein paar neue Songs spielen, aber von den Bühnengegebenheiten her wird es keine neue Show, die kommt erst im Dezember.

Ihr seid nun bis Weihnachten auf Tournee, wie sieht es nach den Feiertagen aus? Noch mehr Konzerte im Ausland?

Ja dann gibt es natürlich erst mal das Weihnachtsgeschenk, bekommst du auch was?

Ich hoffe doch (lacht)

Gut, wir sicher auch. (lacht) Momentan sind wir an der Planung für Gigs in Schweden, Skandinavien. Was auch noch langsam ein Thema wäre, ist Amerika. Dies ist aber alles noch ein wenig unklar. Es ist einfach schwierig heutzutage, es wird alles kurzfristig geplant, aber wir werden sicher noch einiges touren. Dann kommen sicher noch die Sommerfestivals. Wir gehen dieses Jahr in der Schweiz extra weniger auf Konzerttour, um wieder mehr auf Openairs vertreten zu sein. Wir werden sehen, wo es hinführt, aber das ist jetzt alles in Planung.  England wird es auch ganz sicher noch ein- oder zweimal geben, Russland natürlich auch. Unser Ziel ist es einfach, jedes Land gleich richtig zu bearbeiten. Du kannst schnell irgendwo ein Konzert geben, das bringt aber wenig. Da bist du lieber gleich zwei Wochen in einem Land unterwegs und gibst Vollgas.

Ihr habt nächstes Jahr euer 20-jähriges Jubiläum, habt ihr schon irgendwas Spezielles geplant?

Ein graues Haar mehr! (lacht) Nein, bis jetzt haben wir eigentlich noch nichts geplant. Wir wollten einmal ein Buch herausbringen, aber das ist immer so eine Sache. Eine CD zum 20-jährigen herauszubringen wäre einfacher, weil wir da nicht schreiben müssten, sondern Musik machen. Und über uns schreiben zu lassen ist nicht toll. (lacht) Uns wird aber sicher noch etwas in den Sinn kommen. Wir haben im Tessin noch etwas mit Harley Davidson am Laufen, aber das ist noch nicht ganz definitiv. Dies sollte aber so etwas Grosses wie „Gotthard auf dem Gotthard“ werden. Es wird sogar noch grösser und zwar um einiges. Also eine „Speciality“ wird kommen.

Zum Abschluss, ihr seid nun schon 20 Jahre auf der Bühne, wie stellt ihr euch euren Lebensabend vor? Oder wollt ihr noch bis 70, 80 auf der Bühne stehen?

Würde es dich stören, wenn ich mit 70 noch auf der Bühne stehen würde und das Gleiche brächte? (schmunzelt)

Nein, überhaupt nicht, das ist eure Entscheidung. (lacht)

(lacht) Nein, das ist eine gute Frage, du weisst nie, wo es durchgeht. Vielleicht will irgendwann niemand mehr etwas von uns wissen. Dann musst du automatisch einen Schritt zurück gehen. Aber solange du selbst noch die Begeisterung hast und die Leute auch noch begeistern kannst und du Songs schreibst, die ankommen, lohnt es sich weiter zu machen. Es gibt Leute, die sagen, wenn ich lange nicht auf der Bühne war, wird es Zeit, dass ich wieder gehe. (lacht) Es ist wie eine Sucht und das ist das Problem. Wann ist der richtige Zeitpunkt zum Aufhören? Beim Höhepunkt möchtest du es noch auskosten, aber was kommt nach dem Höhepunkt? Es geht abwärts und dann sagst du, du möchtest am Höhepunkt aufhören. Das ist für jeden und immer schwer, nicht nur für Musiker.

Herzlichen Dank, dass du dir die Zeit genommen hast und viel Erfolg weiterhin!

Gern geschehen und danke auch.