Gesellschaft | 14.09.2009

Wo bleibt der Individualismus?

Text von Audrey Djouadi | Bilder von PD
Obwohl in der Schweiz viele Leute gut gekleidet sind, mangelt es an modischer Ausdruckskraft. Den Leuten fehlt es an Mut anders zu sein, meint unsere Kolumnistin.
Wurde in Zürich an der Stella Fashion Night 2007 mit dem Swiss Textiles Award ausgezeichnet: Der Österreich-Grieche Marios Schwab.
Bild: PD

Kürzlich habe ich mich verliebt. Und zwar in den neuen Stern am Modehimmel. Darf ich vorstellen: Marios Schwab. Dieser junge Herr aus London kleidet unter anderem Kate Moss, Chloe Sevingy, Clemence Poesy, Kylie Minogue und Thandie Newton ein. Seine erste Kollektion feierte am 20. September 2006 Premiere und seit dieser umwerfenden Kollektion ist er der Liebling der Londoner Fashionszene. 2007 gewann der Designer den Swiss Textiles Award. Überrascht? Ich war’s. Nicht dass ich am Talent von Herr Schwab zweifle (Niemals. Da würde ich eher in eine mit Legosteinen gefüllte Badewanne liegen und mir alle Folgen von „McLeods Töchter“ anschauen.). Vielmehr überstaunt mich, dass die Schweiz überhaupt einen solchen Preis vergibt. Weil, seien wir ehrlich,  die Schweiz ist weniger für ihre brillierende Modewelt als für Uhren, Käse und Pünktlichkeit bekannt.

Wie eine Teflonpfanne

Dennoch gibt es in der Schweiz, nur schon in Zürich, unzählige kleine Boutiquen von Jungdesignerm, die versuchen, in der Modeszene Fuss zu fassen. Schlendert man beispielsweise durch Wiedikon, sieht man massenhaft Geschäfte, die vor Charme nur so sprühen. Trotzdem sieht man nie einen einzelnen Kunden in diesen Geschäften. Warum? Ist die Schweiz eine Teflonpfanne, die Mode abweist? Immer wieder sieht man an Modenschauen, Partys und auch auf der Strasse Menschen mit wundervollen und sicherlich nicht billigen Kreationen. Und so lautet meine Frage an all diejenigen: Wo zur Hölle kauft ihr eure Kleider?! Schleicht ihr euch spätabends in besagte Schweizer Boutiquen und kauft sie leer? Oder tragt ihr ausschliesslich ausländische Kreationen?

Einige Tage später traf ich eine befreundete Stylistin und wir diskutierten eifrig über dieses Mysterium. Wir kamen zum Schluss, dass Menschen, die tatsächlich genug Geld haben, um sich diese Haute Couture leisten zu können entweder a) die tollen Kleider nicht einfach so mal tagsüber überwerfen und damit durch die Bahnhofstrasse schlendern, oder b) wenn sie schon so ein nobles Stück Kleidung besitzen, schlichtweg nicht in unseren einfachen, bürgerlichen Kreisen verkehren.

Mut zur Individualität

Doch auch wenn man nicht das Geld hat, sich teure Designerkleider zu kaufen – was ich persönlich so gut wie gar nie besitze – ist dies keine Rechtfertigung im Einheitslook daher zu stöckeln. Eine dunkelblaue Röhrenjeans, ein graues Sweatshirt, darüber eine Lederjacke und dazu weisse Plimsoles (ihr wisst schon, die weissen Stoffschüchen die beim Kauf so lecker nach Kaugummi riechen). So läuft plus minus 75% der Bevölkerung hier zu Lande rum. Natürlich sieht das cool, legère und bequem aus. Im Sinne von „Hey ich hab heut Morgen einfach mal das angezogen, was am wenigsten stinkt und sehe dennoch blendend aus“. Doch auch hier versalzen zu viele Köche den Brei. Wer kann den gleichen Look schon in hundertfacher Ausführung betrachten und gut finden? Wo bleibt hier die Individualität?

Meiner Meinung nach ist Mode ein bequemer Weg, seine Gefühle auszudrücken. Selbst wer komplett nackig rumläuft, macht so die Aussage, dass er zu seinem Körper steht und die Sexualität, die damit verbunden ist, geniesst. Was hindert also die Menschen daran, sich so zu kleiden wie man sich fühlt? Ganz einfach: Hemmungen! Schon oft habe ich von abwertenden bis hin zu beleidigenden Blicken und Worten berichtet, die mir tagtäglich begegnen. Das ist doch gemein. Ist man durchschnittlich angezogen, wird man als langweilig und eben durchschnittlich bewertet. Kleidet man sich expressiv, wird man ausgelacht.

Wieder gilt: Darüber stehen. So wie zum Beispiel Beth Ditto von der Band The Gossip, die sich trotz molliger Figur schrill und ausgefallen stylt. Und wer sich traut, der erreicht auch was. Mrs Ditto ist mit Model-Ikone Kate Moss befreundet, designt für die britische High Street Ladenkette Evans und inspiriert weltweit Frauen und Männer.

Einfaches Fazit: Jedem Lebewesen auf diesem Planeten steht ein Jäckchen Selbstbewusstsein. Und das kann man sich auch zu Zeiten der Wirtschaftskrise leisten.