Gesellschaft | 07.09.2009

Will si Hemmige hei…

Text von Diana Berdnik | Bilder von André Müller
Als frischgebackene Maturandin hatte ich eigentlich mit der Kanti am Burggraben abgeschlossen. Doch schon nach den regulären Sommerferien zog es mich zurück in den Kantipark. Ich wollte noch etwas tun, was mich vier Jahre lang gereizt hatte: quatschen mit den Junkies.
Imaginäre Grenze im Kantipark.
Bild: André Müller

Nicht nur ich hatte so meine Bedenken, als ich mich auf den Weg in den Park vor der Kanti machte. Mein ehemaliger Lehrer schaute mir verwundert nach. Vermutlich hatte er nicht damit gerechnet, dass ich die imaginäre Grenze überschreite, die das friedliche Nebeneinander von der zukünftigen Elite des Landes und den am Leben Gescheiterten ermöglicht. Selten ist das gesellschaftliche Gefälle so stark spürbar wie im Kantipark. Und genau darum hatte ich Hemmungen, mich für einmal auf die andere Seite zu stellen.

Vorbereitungen

Eine gute Vorbereitung sollte mir helfen, dieses Abenteuer in Angriff zu nehmen. Zuvor hatte mich eine Bekannte vor dem näheren Kontakt mit den Junkies gewarnt. Sie meinte, dass sie oft rüpelhaft seien und nicht gerne über ihre Probleme und die Vergangenheit berichten. André, ebenfalls Reporter bei tink.ch, gab aber Entwarnung: „Die sind ganz friedlich. Nimm ein Bierchen mit, dann zeigen sie sich versöhnlich.“ Diese Aussage inspirierte mich und ich packte die übrigen Hundekekse vom letzten Bauernhofbesuch auch noch ein.

Absicherungen

Es gibt noch etwas zweites, was mich zurück zur Kanti zog. Nämlich die schmackhaften Donuts aus der Mensa. Dort verbrachte ich die Unterrichtspause mit Freunden und betonte einige Male, dass ich mich gleich zu den Junkies begebe. Unglaublich, aber scheinbar rechnete ich tatsächlich mit dem Schlimmsten, einer Entführung oder ähnlichem. Und das nur, weil ich keine Ahnung hatte, wie diese Menschen wirklich ticken.

IV, Hunde, Bier

Ich stand also an dieser virtuellen Abgrenzung. Ungefähr zehn Menschen sassen auf den bunten Stühlen, das Alter schlecht einschätzbar und ihre Kleider hatten schon mehr als ausgedient. Ich wurde immer unsicherer und machte schlussendlich einen Rückzieher. Dreissig Meter neben der lauten Runde nahm ich auf einer Bank Platz in der Hoffnung, dass einer von denen auf mich zukommen würde. Da hatte ich aber falsch gedacht, denn vermutlich hatten sie genauso starke Hemmungen wie ich. Ausserdem wollte ich ja etwas von ihnen und nicht umgekehrt. Etwa eine Stunde sass ich da und beobachtete. Dauernd kamen neue Leute dazu, einige gingen. Um elf Uhr waren es etwa zwanzig Männer und Frauen, jeder dritte mit einem Hund. Hätte ich die Menschen nicht gesehen, so hätte es gleichfalls eine Pfadigruppe sein können, die bei guter Stimmung das schöne Wetter genoss. Nur die zahlreichen Aussagen wie „D IV zahlts jo“, „bis ruig du Köter“ oder „hesch mer no es Bier?“ zeigten mir die Realität.

Dealer

Es gab jene, die grölten und schwankten, andere, die etwas abseits sassen und diskutierten und wieder andere, die sangen und lachten. Ein lebhafter Haufen verschiedener Persönlichkeiten. Jeder mit seiner eigenen Lebensgeschichte. Und genau diese wollte ich erfahren. Darum blickte ich noch einmal in meine Tasche um zu sehen, ob das Bier und die Kekse bereit sind. Als ich aufschaute, näherte sich der Gruppe ein Mann, der scheinbar dazugehörte. Neben ihm trottete eine hübsche Hündin. Diese beiden sollten es sein. Sie waren mir sympathisch. Ich fragte mich schon, ob ich jemals mit einem Junky befreundet sein könnte, wie das wäre und was wohl andere von mir denken würden. Plötzlich unterbrach ein junger Herr meinen Gedankengang und fragte, ob ich etwas wolle. Ich schüttelte energisch den Kopf, obwohl ich im ersten Moment nicht wusste, was er meinte. Er entfernte sich sofort, doch ich konnte zusehen, wie er seine Runde drehte.

Zwiespalt

Zweifel, Bedenken, Respekt, Hemmungen und Ängste hielten mich davon ab, diese Geschöpfe anzusprechen. So hin und her gerissen fühlte ich mich selten. Doch endlich nahm die Neugier Überhand und ich stand auf, schritt selbstbewusst auf den näher kommenden Junkie mit seiner Hündin zu und stammelte: „Sorry, dörfi di öpis frogä?“ Der erste Schritt war getan.