Politik | 14.09.2009

Vorteile schwacher Chefetagen

Text von Samuel Tanner | Bilder von Nathalie Kornoski
Sämtliche Führungsgremien stehen ständig in der Kritik - prominentestes Beispiel dafür ist der Bundesrat. Doch hat eine schwache Führung nicht auch entscheidende Vorteile? Ist das nicht eine Chance, dadurch langfristig die Basis zu stärken?
Wo liegen die Grundlagen unserer Demokratie?
Bild: Nathalie Kornoski

UBS-Krise, Deutschland-Krise, Libyen-Krise, IV-Krise, AHV-Krise, Indiskretionen unter den einzelnen Mitgliedern – der Bundesrat vermittelte in den letzten Monaten einen nicht immer souveränen Eindruck. Man hätte teils den Eindruck verlieren können, diese sieben Politiker genügten dem geforderten Profil der obersten Landesführung. Immerhin repräsentiert der Bundesrat die Schweiz im gesamten Ausland, was oft ein Schwachpunkt ist, und muss im Parlament für mehrheitsfähige Veränderungen sorgen. Ist es da überhaupt tragbar, wenn die Bundesräte einander intern nicht mehr vollständig trauen?

Demokratie darauf abgestimmt

Es scheint, als ob schon die Gründerväter der modernen Schweiz daran gedacht hätten, dass das oberste Gremium nicht zu stark sein darf. In der Bundesverfassung ist dies klar geregelt. Der Bundesrat ist gemäss Art. 174 „die leitende und vollziehende Behörde“, nicht aber die Legislative. Wichtige Entscheide müssen gar vor das Volk. So kann es vorkommen, dass Nachbarländer (beispielsweise Deutschland, wo die Exekutive entscheidend mehr Macht hat) vorschnelle Reformen verabschieden, während in der Schweiz das Volk die Entwicklungen im Ausland beobachten kann, bis es dann auch zur Entscheidung kommen muss. Oft werden so weise Entscheide gefasst. Durch unsere direkte Demokratie ist das Land auch vor Schwächen im Bundesrat geschützt. Je entscheidungsschwächer die Führung, desto stärker, präsenter und massgeblicher die Basis.

Wie der Bundesrat, so der Turnverein

Wir kennen doch alle Beispiele aus Vereinen. Wenn im örtlichen Turnverein ein Vorstandsmitglied zur dominanten Figur wird, viele Ressorts unter sich hat und unermüdlich arbeitet, wird es ungemein schwierig, einen Nachfolger zu finden. Ist jedoch allgemein bekannt, dass der Vorgänger keinen riesigen Aufwand betrieben hat, wird es für potentielle Nachfolger realistischer, das Amt anzutreten. Dominante Figuren fördern auch das Mitdenken der Basis überhaupt nicht. Man beginnt als Fussvolk, dem Gremium zu trauen und die gesunde Kontrolle geht unter.

Im Bundesrat besteht das Problem eines Nachfolgers zwar nicht, doch gerade dort ist es von Vorteil, wenn das Volk – die Basis – weiterhin das mit Abstand stärkste Glied in der Schweizer Demokratie ist. Die Optimalvorstellung ist ein starker Bundesrat, mit Magistraten, die wissen: Ohne eine agile, mitdenkende Bevölkerung ginge es der Schweiz nicht so gut, wie dies heute der Fall ist. Von Wunschvorstellungen sind wir im Moment jedoch weit weg – Politiker machen keine Demokratie, sondern das Volk. Eine gesunde Basis ist matchentscheidend.