Gesellschaft | 21.09.2009

Verflucht und abgebrannt

Die Teufelskirche im Zürcher Tösstal ist ein beeindruckendes Naturphänomen. Es gibt Leute, die sagen, dass auf ihr ein Fluch laste. Ein Reporter von Tink.ch wollte es genauer Wissen und reiste hin.
Feueralarm: Am letzten Sonntag an der Zürcher Dienerstrasse.
Bild: Dirk Schelpe / www.pixelio.de Hier wurde im 19. Jahrhundert Tuffstein abgebaut: Teufelskirche im Seitenprofil. Fotos: Martin Sturzenegger Wasser fliesst über das treppenförmige Quelltuffgebilde. Der Ursprung des Übels: Der Wasserfall.

Es war auf einer Primarschulreise, als ich das letzte Mal die Stufen der „Tüüfels Chillen“ hinaufstieg. Die Teufelskirche ist ein durch Tuffstein-Abbau entstandenes Naturereignis in den Hügeln des Zürcher Tösstals. Unter uns Primarschülern gehörte es zum guten Ton, den Mitschülern, die mit dem Wasser der Teufelsquelle in Berührung kamen, ein Unglück zu prophezeien. Besonders frohlockte nach einer anstrengenden Wanderung die Gischt des stiebenden Wasserfalls, der einer überdimensionalen Duschbrause gleich, die Teufelstreppen benetzte, damit diese ihre giftig-grüne Moosfarbe auf ewig beibehielten.

Der Fluch verschwand

Manch einer konnte der Verlockung nicht widerstehen. So erging es auch mir. Tollkühn stürzte ich mich unter das Teufelsgewässer. Seither ist in meinem Leben viel Unglück passiert. Aber eben auch mindestens so viel Glückliches, so dass das Gute das Schlechte überwiegt. Die Jahre verstrichen und während den Teufelsquellen unaufhörlich neues Wasser entsprang, verblich meine Erinnerung an das teuflische Stigma bis zur Bedeutungslosigkeit. Der Fluch war längst besiegt, als sich ein alter Schulfreund letzte Woche bei mir meldete. Seine Aufforderung zum zweistündigen Fussmarsch im herbstlichen Tösstal klang für mich halb begeisternd, halb bedrohend.

Endziel: Teufelskirche. Die Badehosen im Gepäck. Natürlich. Er wusste es und ich wusste es; es war Geheimnis der verbotenen Verlockung, die uns den Anstieg vom Bahnhof Kollbrunn bis zur Teufelskirche so leichtfüssig hat bewältigen lassen. Oben angekommen stürzte ich mich unter das kaum mehr als 15 Grad kalte Quellwasser. Es war ganz wunderbar, wie sich eben das Sündigen nach einer zu langen Reinheitsphase so anfühlt. Beim anschliessenden Abstieg zurück ins Tal, sass mir das schlechte Gewissen bereits im Nacken. Jeden Moment sollte ich mir den Fuss verknacken oder ein morscher Baumstamm würde mich erschlagen. Doch es passierte nichts.

Trügerische Idylle
Ausser, dass wir den Zug verpassten. Wir begaben uns ins örtliche Trinklokal und tranken, was nach einer Wanderung zu trinken ist: Einen Liter gegärten Apfelsaft. Angeheitert verliessen wir das Lokal und nahmen den nächsten Zug. Fast trügerisch die Idylle, die uns das goldene Abendlicht ins Zugabteil brachte. Jeden Moment sollten Amokläufer durch den Zug stürmen und unserer Heiterkeit ein jähes Ende verpassen. Doch es passierte nichts. Die anschliessende Velofahrt vom Bahnhof nach Hause verlief leicht schwankend und es galt, ein paar heikle Situationen zu überstehen. Doch es passierte nichts. In der Nacht darauf schlief ich wie ein Murmeltier. Das schlechte Gewissen war wie weggespült. Vielleicht durch den sauren Apfelsaft (ich weiss es nicht mehr). Am nächsten Morgen um acht kam der Anruf meiner Mitbewohnerin: „Hey, wann kommst du denn nach Hause, unser Haus brennt.“ (Mehr Infos siehe Links).

Unser Haus brennt? Der Blick in die Onlineportale der Newswelt bestätigte, dass es sich nicht um einen müden Scherz, sondern um die beinharte Realität eines bitteren Morgens handelte.  Ich liess das gestrige Bad in der Teufelskirche revue passieren, wälzte mich noch ein paar mal im Bett und fühlte mich schuldig. Denn ich habe es getan. Und werde es wieder tun.

Wer sein Unglück ebenfalls erzwingen will: Wandertipps zur Teufelskirche unter untenstehendem Link.

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