Kultur | 21.09.2009

Unter freiem Himmel

Die Musikanten unterschiedlichster Herkunft sind aus der St.Galler Innenstadt nicht wegzudenken. Die Tink.ch-Journalistin erinnert sich an ihr Erlebnis als Strassenmusikantin und erklärt, wer überhaupt in der Stadt spielen darf.
Ein paar Minuten als Strassenmusikantin. Unsere Journalistin hat es ausprobiert.
Bild: Silvia Holenstein.

Als ich nach der Arbeit durch die Stadt bummelte, hörte ich plötzlich wundervolle Musik. Angezogen von dem schönen Klang, ging ich in die Richtung, aus der die Töne kamen. Endlich entdeckte ich einen kleinen, dicklichen Mann, der an einem Klavier sass und diesem gerade „Champs-Elysées“ entlockte.

Über die Front des Klaviers hing ein Kunstrasen, was mich ein wenig verwunderte. Sah die Rückwand denn so schlimm aus? Auf dem Klavier stand ein rotes Kästchen, in das ab und zu jemand Geld hineinwarf. Darüber war ein grosser Sonnenschirm aufgespannt, da es ein wenig regnete. Entsprechend waren auch nicht viele Leute da, die zuhörten, und so war es mir erst etwas peinlich, direkt vor dem zu Klavier stehen. Also setzte ich mich auf eine Bank, die ganz in der Nähe stand und hörte ihm eine Weile zu. Schliesslich überwand ich mich und stellte mich neben das Klavier.


Pianistin auf St.Gallens Strassen

Ich überlegte mir, ob ich ihn fragen sollte, ob ich auch etwas spielen dürfe. Es wäre doch einmal etwas anderes, unter freiem Himmel zu spielen als zu Hause im Wohnzimmer, dachte ich mir. Nach einigen Stücken blickte er auf und fragte mich, als ob er meine Gedanken gelesen hätte, ob ich auch Klavier spiele. Ich bejahte seine Frage und er bot mir zu meiner grossen Freude an, auch etwas zu spielen. So setzte ich mich ans Klavier und legte mit einigen Klavierstücken, die ich auswendig konnte, los. Es war nicht so leicht mit Pedal zu spielen, da es etwa zwanzig Zentimeter über dem Boden war und ich so meinen Fuss nicht wie gewohnt abstützen konnte. Jedoch genoss ich es, dass die Leute mich verwundert ansahen, als trauten sie ihren Augen nicht. Könnte mich jetzt doch bloss mein Klavierlehrer sehen! Sie verziehen mir sogar ein paar falsche Töne und zu meinem Erstaunen brachte ich dem „Gastgeber“ sogar ein paar Münzen ein. Als ich aufstand, klatschten doch tatsächlich die Leute, die sich um das Klavier angesammelt hatten. Erfreut über den Beifall bedankte ich mich bei dem Mann für die neue, interessante Erfahrung und wünschte ihm noch viel Erfolg.

Komplexes Bewilligungsverfahren

Doch wie funktioniert das mit der Strassenmusik eigentlich? Gibt es da Regeln, die zu beachten sind? Es war komplizierter als ich gedacht hatte:

Montags bis Samstags um halb zwei gibt die Polizei drei Bewilligungen pro Tag heraus. Es dürfen jedoch nicht zwei Personen mit der gleichen Nationalität spielen. Fordern zwei Strassenmusiker mit der gleichen Nationalität eine Bewilligung an, so wird ausgelost, wer spielen darf. Dann wird eine Bewilligung mit den Personalien des Musikers ausgefüllt, die er bei einer Polizeikontrolle vorweisen muss. Die Bewilligungsgebühr beträgt 20 Franken – für Einzelpersonen wie auch für Gruppen von höchstens drei Personen. Man darf bloss zwei Mal pro Monat spielen. Was man sich auch häufig fragt, ist, ob man vorspielen muss. Die Antwort lautet „Nein“. Aber wenn es Klagen gibt, oder die Polizei bei einer Kontrolle feststellt, dass der Betroffene überhaupt nicht spielen kann, wird ihm keine Bewilligung mehr erteilt. Es gibt auch Sperrzonen, in denen man überhaupt nicht spielen darf. Ausserdem müssen die Musikanten alle 20 Minuten den Standort wechseln. Diese Regeln gelten aber nur für die Stadt St.Gallen, denn in allen Städten ist die Regelung ganz individuell.

Wie man sieht, ist dieser Job gar nicht so einfach wie mancher denkt. Denn wer hätte gedacht, dass soviel dahinter steckt, wenn er einen Strassenmusikanten auf der Strasse spielen hört?