Gesellschaft | 14.09.2009

Steine für den Wiederaufbau

Text von Ronja Frey
Freiwillige retten aus den Trümmern nach dem Erdbeben in den Abruzzen Erinnerungen und was den Bewohnern am Herzen liegt. Ein Erfahrungsbericht.
Unter den Trümmern findet sich eine Uhr, die zur Bebenzeit stehen geblieben ist. Fotos: Ronja Frey Als ob eine Bombe eingeschlagen hat: Bilder des Schreckens erwarten die Freiwilligen. Die Steinberge türmen sich meterhoch. Die Freiwilligen bei der Arbeit. Jeder Stein wird gekennzeichnet, numeriert und fotografiert. So wie diese Treppenstufe. Hier wurde ein Fenster gefunden. Unfassbar: Ein Türbogen konnte rekonstruiert werden.

Am 6. April 2009 nachts um 03:32 ereignete sich in der italienischen Region der Abruzzen ein schweres Erdbeben. Die Stärke wird je nach Quelle mit zwischen 5.8. und 6.3 auf der Richterskala angegeben. Das Epizentrum lag einige Kilometer vor der Regionshauptstadt L’Aquila und die Erschütterungen waren bis nach Rom und Pescara zu spüren. Knapp 300 Menschen starben und 28 000 wurden obdachlos.

Wie sieht es in der Region nun fast fünf Monate nach dem Beben dort aus? Wie und wo leben die Menschen jetzt und wie geht es Ihnen? Wer hilft und wie? Und was können wir tun?

Der SCI (siehe unten) hat diesen Sommer eine Reihe von Workcamps in dieser Region organisiert. Ich war in einem davon dabei, in welchem die Gruppe der Freiwilligen Steine aus den Trümmern sammelten, damit sie die Besitzer wieder in ihre neuen Häuser einbauen können.

Vor den Trümmern

Die Menschen, die ihre Häuser verloren haben, leben noch immer in Zelten. Wir Freiwilligen wohnen in der Zeltstadt von San Demetrio, etwa 20 Kilometer von L’Aquila entfernt und arbeiten auf den Trümmern des Dorfes Onna, das etwa zehn Kilometer vor L’Aquila liegt. Als ich das erste Mal den Checkpoint vor dem Dorf passiere, verschlägt es mir die Sprache: Das Dorf sieht aus wie gebombt, ich sehe kaum mehr ein stehendes Haus, die Steinberge türmen sich meterhoch. Erstaunlich schnell werde ich mich daran gewöhnen, aber der erste Anblick macht mir Gänsehaut und auch ein wenig weiche Knie, als wir mit den Bauarbeiterhelmen auf dem Kopf unter den Häuserskeletten vorbeigehen.

In Kürze werden die groben Räumungsarbeiten in den Dörfern beginnen. Das heisst, die zerstörten Dörfer werden mit riesigen Baggern und Camions abgetragen und die Steine auf grosse Schutthalden gebracht. Dann wird sich niemand mehr für einzelne Steine interessieren und alles verschwinden.

Historische und persönliche Erinnerungen

Warum und was genau an diesen Steinen so wichtig ist, wird mir klar, als ich ein paar Tage später Francesca kennenlerne. Sie ist Abruzzein und Restauratorin an der Kunstakademie von L’Aquila und begleitet die Workcamps mit ihrem technischem Fachwissen. Wenn sie von den Kulturschätzen der Region erzählt, spricht die Begeisterung aus ihren Augen: Unzählige Dörfer, in denen die Zeit stehen geblieben zu sein schien, Zeugen von Bauweisen, Handwerk und Dorfleben der letzten Jahrhunderte. Dazu viele Burgen, Schlösser und unzählige Kirchen. Sie selber und ihre Familie sind schon seit je her hier ansässig. Sie zeigt uns Fotos ihres zerstörten Hauses, desjenigen der Grossmutter und des Restaurants, das ihr Vater in L’Aquila betrieb: Es steht noch, der Schutt quillt jedoch aus dem zerfallenen Inneren bis vor das Ladenlokal auf die Strasse. Wie sie erzählt, wird spürbar, wie sehr die Geschichte der Region mit der Geschichte der Menschen der Abruzzen verbunden ist, das in diesen Steinen ein Stück Identität eines jeden Dorfes und seiner Bewohner steckt. Und wie viel historische und persönliche Erinnerung mit diesen Steinen verloren ginge.

Rekonstruktionen

Es ist sehr heiss in Onna und die Tage sind lang. Doch die Arbeit macht Spass. Wir graben mit Hacken und Schaufeln in den Trümmern nach den richtigen Steinen und nach Gegenständen. Manchmal helfen uns die Feuerwehrmänner mit ihren Baggern aus. Und es ist ein gutes Gefühl, wenn jemand etwas findet, oder gar Teile eines Fensters oder eines Torbogens zusammen passen. Ein Teil der Gruppe organisiert sich auf den Trümmern und sucht die Steine, der andere Teil kümmert sich um die Zuordnung, nummeriert und fotografiert und trägt die Daten dann in den Computer ein. So entsteht ein Archiv der Steine und Gegenstände, die in Onna gefunden werden.

Es ist verrückt, was unter den Steinbergen noch alles zum Vorschein kommt: Unbeschädigtes Geschirr, Kisten voll selbst gemachten Wein, Kleider, Möbel, Spielzeug und Fotos. Auf einer Baustelle suchen wir extra nach zwei alten Heizkörpern, die dem Besitzer am Herzen liegen, und finden sie tatsächlich.

Steine erzählen Geschichten

Besonders eindrücklich sind die Begegnungen mit den Dorfbewohnern auf ihren Haustrümmern. Für einige ist es das erste Mal nach dem Beben, dass sie sich ihr Haus ansehen. Viele kommen erst nur kurz vorbei, um zu schauen, wie wir arbeiten. Das zweite oder dritte Mal bleiben sie länger, erklären, wo Fenster und Türen waren, wo sich welche Zimmer befanden und wo es sich vielleicht zu suchen lohnt. Falls noch welche auffindbar sind, bringen sie Fotos des Hauses, wie es vor dem Beben aussah. Es kann auch sein, dass sie dann erzählen, wer wie in dem Haus umkam, und zu weinen beginnen. Je länger wir auf einer Baustelle arbeiten, desto spürbarer wird, wie die Steine und Gegenstände, die wir zur Seite legen, für die Besitzer von Bedeutung sind und wie sehr unsere Arbeit Sinn macht und geschätzt wird.

Nach knapp zwei Wochen fällt es allen schwer, abzureisen. In den letzten Tagen hatte ich das Gefühl, dass die Gruppe immer mehr in Fahrt gekommen ist. Wir kennen uns und die Umstände immer besser und vieles läuft von alleine. Unfälle hatten wir zum Glück keine gravierenden, ausser Schürfungen, blauen Flecken und leichten Prellungen ist nichts passiert. Alle haben jedoch Begegnungen und Erfahrungen gemacht, die bleiben werden. Ich bin sehr froh über diese Erfahrung in den Abruzzen, darüber, dort einige tolle Menschen kennen gelernt zu haben, die mir die Region und was bei und nach dem Erdbeben geschah, verständlicher und fassbarer gemacht haben. 

Info


Der Service Civil International (SCI) Schweiz setzt sich als Nonprofitorganisation für gewaltfreie Konfliktlösung, nachhaltige Entwicklung und interkulturellen Austausch ein. Durch die Vermittlung von engagierten Freiwilligen unterstützt der SCI Schweiz bewusst ökologische, soziale und kulturelle Projekte in der Schweiz und im Ausland. Jährlich engagieren sich etwa 150 Menschen aus der Schweiz in SCI-Projekten im Ausland und rund 150 internationale Freiwillige arbeiten in Schweizer Projekten mit.

Der SCI ist Teil eines Netzwerkes von 37 nationalen Zweigen und arbeitet mit 50 Partnerorganisationen zusammen. Wenn auch du dich für die Teilnahme an einem Workcamp interessierst, besuche die Webseite www.scich.org oder schreibe eine Mail an info(at)scich.org.