Kultur | 13.09.2009

Misery is the River of the World

Das Stadttheater Bern eröffnete mit dem Schauspielmusical "Woyzeck" die Spielzeit. Das grossartige Ensemble agiert zu Songs von Tom Waits und zeigt, wie Woyzeck durch soziale Isolation in den Wahnsinn getrieben wird.
Marie (Anne Weinknecht) ahnt das nahende Ende.
Bild: Philipp Zinniker Der Narr (Stefano Wenk) analysiert den armen Soldaten - Woyzeck (Diego Valsecchi) ist machtlos. Zerstörtes Liebesglück, das in einem Mord endet.

Es rumpelt, hallt weich und zugleich düster, wenn die sechsköpfige Band, unter anderem mit Mich Gerber am Bass, die Songs von Tom Waits spielt. Das Stück basiert auf Texten von Georg Büchners gleichnamigem Dramenfragment (1936). Die fünfzehn Lieder (hier gibt es eine Hörprobe) stammen von der CD „Bloody Money“, die 2002, zwei Jahre nach der Uraufführung des Schauspielmusicals „Woyzeck“ von Komponist Waits und Regisseur Robert Wilson, erschien.  Die Musik verbindet die jedoch losen Szenen nicht, vielmehr verwischt sie die Grenzen dazwischen, vertont alles Unausgesprochene der Protagonisten – ist ihr innerer Dialog, ihr Herzschlag. Zum ersten Song „Misery is the River of the World“ marschieren, wie in einem Puppenspiel, alle Figuren im Gleichschritt. Alle, bis auf einen.

 

An den Abgrund getrieben

Franz Woyzeck (Diego Valsecchi: herausragend, auch als Sänger), ein armer Soldat, der mit Marie (Anne Weinknecht: wunderbar temperamentvoll) ein uneheliches Kind (Marius Morf) hat und deshalb von der Gesellschaft verstossen wird, kämpft verzweifelt darum, seine Menschenwürde nicht zu verlieren. Er will es allen recht machen, wird aber nur ausgelacht und ausgenutzt. Um die Familie zu versorgen, verdient sich Woyzeck einen Zustupf als Barbier des Hauptmanns, und muss sich dabei dessen Beleidigungen anhören, er habe weder Moral noch Tugend. Die Wissenschaft wirft mit pseudolateinischen Begriffen um sich und missbraucht Woyzeck für demütigende Experimente, die ihn auch physisch auszehren.

 

Während Woyzeck darob immer weiter in den Wahnsinn abzurutschen droht, hat Marie eine Affäre mit einem Tambourmajor (Sebastian Edtbauer), dem puren Gegenteil Woyzecks, welcher ein Vertreter der unteren sozialen Schicht darstellt. Marie gibt sich und Woyzeck mit dem Verhältnis unwissentlich den Todesstoss. Die Musik schleddert virtuos im Hintergrund, spitzt sich zu, wird noch dunkler und abgründiger. Genau wie Woyzeck immer näher an den Abgrund getrieben wird, der Irrsinn anwächst, deutet die Musik auf die drohende Eskalation der Tragödie hin: den Mord an Marie.

 

Zwischen den Zeiten

Nun hat Woyzeck endgültig alles verloren, ist völlig einsam. Diese totale Isolation von der Gesellschaft, die einen Menschen zu „Vieh“ machen kann – Woyzeck handelt wie ein verwundetes Tier aus tiefster Not und Verzweiflung heraus, und ist zusätzlich psychisch sowie physisch deformiert – wollte Büchner in seinem Werk aufzeigen. Büchner war nicht nur ein Zeitkritiker, er engagierte sich auch politisch mit seiner Flugschrift, dem „Hessischen Landboten“. Als „ewiger Gewaltzustand“ bezeichnete Büchner einmal die damalige gesellschaftliche Situation. Durch Woyzeck spricht er zum heutigen Publikum: „Ich werde mit Hand und Mund gegen dieses Gesetz ankämpfen.“

 

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurde Europa neugeordnet und die gesellschaftlichen Grenzen neu gezogen, man unterschied zwischen Bürgertum und Proletariat. Das Volk reagierte darauf mit einem Rückzug in die eigenen vier Wände. Das Ensemble des Stadttheaters rückt somit die Soziologie und nicht die Psychologie ins Zentrum, was auch erklärt, weshalb immer alle Figuren auf der Bühne sind. Die Zuschauer sehen das Gebilde der sozialen Schichtung vor sich, wie durch ein Schlüsselloch. Es ist ein in sich abgeschlossenes System – ewig ungerecht, ohne Ausgänge. Die Vertreter der höheren Gesellschaftsschichten verkörpern die Ursache für Woyzecks Misere.

 

Modernes Marionettentheater

Die Bühne als raue, dreckige Holzkiste ist Militärtrommel, Exerzierplatz und Spielkiste zugleich. Der unheimlich sachliche Doktor (Henriette Cejpek), der melancholische Hauptmann (Ernst C. Sigrist), der unterworfene Soldat (Heiner Take) und die eifersüchtige Nachbarin (Marianne Hamre) sind nur grob skizzierte Karikaturen ihrer selbst, sie marschieren von Wand zu Wand, während der Narr (Stefano Wenk) und das Kind hinausklettern und das Geschehen analysieren können. Diese charakteristischen Überzeichnungen bilden den komischen Gegenpart zur Tragödie. So scheint Woyzeck trotz der Stimmen, die nur er hört, ein Mensch mit Verstand statt eine Marionette zu sein, er ahnt als einziger, dass noch eine Aussenwelt existiert. Doch zu sehen vermag er sie nicht und der Soldat leidet unter seiner Ungewissheit und der Unwissenheit der anderen.

 

Woyzecks gibt es vor allem dann, wenn in der Gesellschaft etwas schief läuft, es eine Krise gibt und alles aus dem Gleichgewicht gerät. Jeder hat Angst zu verlieren und jene, die schon am Existenzminimum leben, brauchen nicht viel, um vollends ins Elend abzurutschen. Büchners Werke gelten nicht zuletzt als zeitlos, weil die von ihm beschriebenen gesellschaftlichen Missstände und die Probleme der Menschen sich stets wiederholen.

 

Infos zum Stück


 

„Woyzeck“

Nach dem Stück von Georg Büchner.

Songs und Liedtexte von Tom Waits und Kathleen Brennan

Deutsch mit englischen Liedtexten

Schweizer Erstaufführung

 

 

Weitere Vorstellungen: 17. und 18. September; 10., 11., 17., 23., 31. Oktober; 1., 7., 13., 14., November; 29. und 31. Dezember; 11. Mai 2010, 4. Juni 2010.