Politik | 07.09.2009

Jung und einflussreich

Junge Politikerinnen und Politiker können nicht auf jahrelange Erfahrung und einen hohen Bekanntheitsgrad zurückgreifen. Dennoch haben einige von ihnen den Absprung zu den "Grossen" geschafft, andere stehen kurz vor ihrer ersten Wahl. Tink.ch traf zwei Kandidierende.
Die nächste eidgenössiche Jugendsession findet vom 13. - 15. November 2009 statt. Tink.ch wird wieder vor Ort sein.
Bild: Tink.ch Der jüngste Nationalrat der Schweiz: Lukas Reimann. www.lukas-reimann.ch

Neidvoll schaut Bernhard Zahner in den Nationalratssaal, wo sein 26-Jähriger Parteikollege Lukas Reimann fleißig am Abstimmen ist. Dort möchte auch er zur nächsten Legislaturperiode im Oktober 2011 sitzen. Mit Lukas darf der Vizepräsident der politisch rechtsgerichteten Jungen Volkspartei (JSVP) heute Bundeshausluft schnuppern. 20 Jahre ist Bernhard alt und hat es als Delegierter schon auf kantonale Ebene geschafft. Die föderalistische Struktur der Schweiz, erklärt er, ermögliche eine legislative Befugnis sowohl auf kommunaler, kantonaler als auch auf Bundesebene. Für ihn gelte daher: „Nach der ersten Wahl ist vor der ersten Wahl – für ein Mandat auf höherer Stufe.“

Kontakte knüpfen in der Wandelhalle

Auf unserem Rundgang durch das Berner Parlamentsgebäude prophezeit mir Bernhard erfolgssicher und zugleich besorgt, dass die Arbeit als Nationalrat neben seinem Hauptberuf als Fischhändler sehr anstrengend werde. Auch in der Öffentlichkeit zu stehen, sei nicht unproblematisch. „Wir provozieren mit unseren Standpunkten in der Regel sehr stark“, freut er sich aber, als wäre dies das oberste Ziel. Später in der Cafeteria erklärt Lukas, dass ihm als Gründer der JSVP daran gelegen sei, seine jüngeren Parteikollegen zu unterstützen. „Wir arbeiten eng zusammen, was mein jetziges und unser zukünftiges Mandat betrifft“, sagt er und zwinkert seinem Zögling Bernhard zu. Der Wahlkampf verlange von jungen Politikern ein enormes persönliches Engagement, damit das Manko des niedrigen Bekanntheitsgrades kompensiert werden könne. Darum verabschieden sich die beiden dann auch in die sogenannte „Wandelhalle“, wo sie nicht nur den Alpenblick geniessen, sondern vor allem Kontakte knüpfen können.

Nachdem fast alle europäischen Länder spätestens in den 1940er Jahren den Frauen die politische Mitbestimmung zubilligten, mussten die Schweizerinnen noch bis 1971 darum kämpfen. Die Mandatskandidatin Andrea Arezina empfindet dies bis heute als Skandal. Sie hielt am ersten Mai, dem internationalen Tag der Arbeiterbewegung, eine Rede – es war ihre erste. Trotz heutigem Sonnenschein möchte sich die 25-jährige Co-Präsidentin der sozialdemokratischen Jungpartei (JUSO) dem düsteren Thema der Wirtschaftskrise widmen. Nach einer abgeschlossen Lehre als Kauffrau, macht sie aktuell ein Praktikum bei der Kinder- und Jugendförderung in Baden und ist seit einem Jahr „politisch so richtig engagiert“. Weil die JUSO „nur“ auf der Strasse bewegen könne, kandidiere sie jetzt auch für ein Mandat im Einwohnerrat Baden. Am 25. Oktober sind Wahlen, weshalb der heutige Tag auch im Zeichen ihres Wahlkampfes steht.

Selbstbewusste Jungpolitikerin

„Liebe Genossinnen und Genossen!“, beginnt sie laut und mit fester Stimme, vorbei ist es mit der gemütlichen Feier. Mit erhobenem Zeigefinger geisselt sie die nimmersatten Finanzjongleure und weist die Jungendarbeitslosigkeit als schlimmste Konsequenz der aktuellen Krise aus. Glaubwürdig macht die selbstbewusste Jungpolitikerin ihrem politischen Ärger Luft, und erntet Applaus. „Mit Geschick und inhaltlich solider Arbeit beweisen, dass man es genau so gut kann oder sogar noch besser als die alte Garde“, bringt Andrea nach ihrer Rede wohl auch das Karriereziel der drei anderen Mandatskandidaten auf den Punkt.

Die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen und mitzureden, scheint fest verankert im bürgerlichen Grundverständnis dieser jungen Erwachsenen. Neben einem oft unterschiedlichen Weltbild, verschiedenen ideologischen Prämissen und politischen Programmen, ist der Wille zur Veränderung ein Ziel, das sie verbindet. „Yes we can“, oder in den Worten der Eidgenossen „Einer für alle, alle für einen“, scheint für die Schweizer Jungpolitiker Programm zu sein.