Kultur | 21.09.2009

„Irgendwann erreiche ich noch das Meer“

Angelika Overath lebt heute in Sent im Engadin. In der Bündner Volksbibliothek in Chur las die deutsche Schriftstellerin aus ihrem neuen Roman "Flughafenfische".
Bild: Jessica Hefti Luchterhand Literaturverlag

Fast zur gleichen Zeit, wie der Name des neuen Bundesrates bekannt wurde, erschien die Shortliste des Deutschen Buchpreises 2009. Unter den sechs besten Büchern war „Flughafenfische“ nicht aufgeführt. Doch auch aus einem Buch, das „nur“ auf der Longliste mit den 20 besten Büchern des Jahres steht, liessen sich die Zuhörer in der Churer Volksbibliothek gern vorlesen. Wenn die zierliche Frau mit dem markanten Gesicht las, dann war es still im Raum. Nur eine Uhr tickte und irgendwo knurrte ein Magen. Es war wie Kino im Kopf. Wenn Overath über Seiten hinweg das Öffnen einer Auster beschrieb, tat sie das so detailgetreu, dass auch der Letzte sich beinahe gezwungen fühlte, ins Geschehen einzutauchen. „Wenn ich das schreibe, öffne ich selber eine Auster“, verdeutlichte Overath die Anstrengung beim Schreiben solcher Handlungen. Ihrer Sprache nach konnte man fast meinen, sie hätte Angst, nicht die Ästhetik von Einzelheiten vollumfänglich beschreiben zu können. Darum lieber ausführlich.

Affinität für Müdigkeiten

In „Flughafenfische“ geht es um den Alltag. In einer Transithalle am Flughafen sind Tobias Winter, Elis und der Raucher. Drei Protagonisten, die sich sowohl in der Namensgebung als auch in der Person stark voneinander unterscheiden. Tobias Winter ist die Summe aller Aquaristen, mit denen Overath in der Recherche geredet hat. Er betreut ein riesiges Aquarium, welches in der modernen Transithalle als Raumteiler dient. Und er sammelt Müdigkeiten, merkt sich die Gesichtsausdrücke der Reisenden um ihn herum. Elis ist Fotoreporterin und mag bügelfreie Menschen, wie es Piloten sind. Einer fehlt ihr gerade besonders, obwohl die Liaison mit diesem Piloten angeblich „nur angenehm“ war. Und der Raucher ist Biochemiker. Seine Frau hat ihn gerade verlassen. Darum trinkt, raucht und redet er viel. Zu Beginn funktionieren die Figuren noch eigenständig. Dann aber nähern sich Tobias Winter und Elis an, während der Raucher einsam in seinem Fumoir bleibt. In den Alltag dieser Personen fliesst so viel Persönliches mit ein, dass aus den Gedankenaufzeichnungen Literatur entsteht.

„Flughafenfische“ ist Angelika Overaths zweiter Roman. 2005 erschien „Nahe Tage“ und als einziger Schauplatz diente eine 3,5-Zimmer-Wohnung. Die Figuren, welche Overath entwickelt, bewegen sich wenig räumlich, dafür umso mehr im Kopf. Trotzdem wünscht sie sich, dass ihre Figuren mal noch weiterkommen. Mit dem neuen Roman hat sie es von der 3,5-Zimmer-Wohnung zumindest mal an den Flughafen geschafft. „Irgendwann erreiche ich noch das Meer“, erzählte sie lachend dem Churer Publikum. Zu beschreiben, wie jemand den Strand entlang rennt, hält sie für besonders schwierig. Dafür muss sie es sich viele Male angeschaut haben. Angelika Overath beobachtet genau. Und denkt sie, wenn sie selber unterwegs ist, in einer ähnlichen Detailtreue, wie es ihre Figuren tun? „Ich bin ein sehr visueller Mensch. Weil ich in Fremdsprachen nicht begabt bin, muss ich mich an der Beobachtung orientieren.“ Die deutsche Sprache bleibt ihr für die Aufzeichnung. Englische Wörter sind rar. In Begriffen wie Allwetterjacke oder Mandelbrot-Menge steckt die Poesie ihrer Sprache.

Den Ausgang ihres Romans verriet Overath bei der Churer Lesung natürlich nicht. Als „freundlichen Schluss“, wie sie es nannte, las sie nochmals eine besonders gelungene Passage. Die Zuhörer applaudierten. Am Büchertisch konnte man sich noch eine der letzten Erstausgaben schnappen. Schon nach vier Monaten musste nachgedruckt werden. Das Buch ist jetzt in der zweiten Auflage erhältlich.

Buchtipp


Angelika Overath: "Flughafenfische", Luchterhand Literaturverlag, München, 172 Seiten, 31.90 Franken.