Sport | 28.09.2009

Hoffen auf den Sieg

Text von Thomas Hodel
Verschiedene Menschen gleich verschiedene Alltage, Hobbys, Umfelder und Arbeitsorte. Anspiel in dieser Serie hat ein Fussballfan: Ein Tink.ch-Reporter hat den Berner an ein Auswärtsspiel nach Baden begleitet (genau, das mit dem Schiedsrichter).
YB ist für Ädu die Vorfreude auf das bevorstehende Spiel... Fotos: Thomas Hodel ...ein, zwei Bier mit Kollegen... ...Spass, Emotionen und Freundschaft.

Gemeinsam mit Ädu fahre ich ans Cup 1/16-Finalspiel des Fussballklubs BSC Young Boys in Baden. «Das Kribbeln, die Nervosität, ich spüre das schon in der Nacht vor dem Match. Bei wichtigen Begegnungen sogar Tage im Voraus!«, gesteht mir der 23-jährige.  

Singen, johlen, hoffen

Um 10.00 Uhr sei er aufgestanden, habe gefrühstückt, geduscht und sich bald darauf in die Stadt begeben. «Du musst wissen«, sagt er bestimmt, «ein Match ist nicht nur ein Match. Es geht um mehr. Soziale Kontakte, Emotionen, Spass.« Deshalb hat er sich mit seinen Kollegen bereits kurz nach dem Mittag in einer Berner Bar getroffen, um mit ihnen gemeinsam die Vorfreude auf die anstehende Partie zu geniessen.  

Mit etwa 500 Gleichgesinnten besteigen Ädu und ich um 15.00 Uhr den Extrazug, der die Fantruppe zum Austragungsort fährt. Dabei wird die Sicherheit durch die Polizei gewährleistet. Es wäre übertrieben zu sagen, der Weg sei das Ziel. Doch bereits im Zug wird gesungen, gejohlt, gehofft. Hoffen auf den Sieg, hoffen auch auf eine packende Partie. «Chum mir singe für di BSC«, stimmt Ädu an. Alle im Wagon setzen ein. «… wei di hüt mau wieder gwinne gseh, bring die Pünkt i die schönschti Stadt, u de klappets ändläch mit der Meisterschaft.«

23 Jahre lang gewartet

Der letzte Titelgewinn datiert aus dem Jahr 1987. Seit 23 Jahren wartet man in Bern vergeblich auf eine Fortsetzung der Erfolgsstory der späten 80er. Ädu meint, man habe nun lange genug gewartet. Die Fans seien heiss auf einen Titel. «Schau mal, vor fünf Jahren wäre nicht die Hälfte der YB-Fans an diese Begegnung gereist. Es herrscht zur Zeit eine Euphorie, wie ich sie noch nie erlebt habe. Dieses Jahr muss es klappen!«  

Mittlerweile sind wir in Baden angekommen. «Hurra, hurra, die Berner sind da«, tönt es nun. Erschrocken weichen die Leute aus, machen Platz für die Fussballbegeisterten, die in die bereitstehenden Busse einsteigen. Die Polizei steht einsatzbereit im Hintergrund. Die Türe hat sich bereits geschlossen, als ich Ädu draussen wieder entdecke – ich hatte ihn kurz aus den Augen verloren. Der Chauffeur verzögert die Abfahrt, öffnet nochmals die Türe. Ädu sieht gestresst aus, in den Händen hält er drei Bierdosen. «Aiaiai, das war knapp«, stöhnt er. Er habe noch einen Stopp im Bahnhofshop eingelegt, um sich und seine Kollegen nochmals mit Bier einzudecken.  

„Schiedsrichter sind auch nur Menschen“

Beim Stadion angekommen, steht der Kauf eines Tickets an. Danach gilt es, anzustehen und die Sicherheitsschleuse zu passieren. «Führen Sie Feuerwerk, Waffen oder Flaschen mit sich?« Ädu verneint, wird noch kurz abgetastet und findet sich wenig später im schmucken Stadion wieder. «Natürlich ist das nicht Basel oder Zürich hier«, sinniert er, «doch das Stadion ist hübsch, die Fans sind nahe am Spielfeld. Das mag ich.«  

Ädu gesellt sich in die Mitte der Fankurve. Kurz vor Spielbeginn, die Stimmung ist ausgelassen, fröhlich, teilt er mir noch mit: «Alles andere als ein klarer Sieg gegen den unterklassigen Gegner wäre eine Enttäuschung.« Die beiden Mannschaften marschieren aufs Spielfeld, Ädu schwenkt eine Fahne.  

Nach dem frühen Gegentreffer wird geflucht, aber bald weitergesungen. Gerade, wenn die Gelb-Schwarzen im Rückstand liegen, schreie er noch lauter. Denn dann benötige die Mannschaft die Unterstützung am meisten, findet er. Plötzlich passiert ein Zwischenfall, wie ihn die Schweiz, ja sogar die Welt wohl noch nie gesehen hat. Der Schiedsrichter, er gehört zu den Weltbesten, zeigt den YB-Fans den Stinkefinger. Ein Vorfall, der in den Medien in den Tagen darauf noch für einigen Gesprächsstoff sorgen wird. Ädu zuckt lediglich mit den Schultern. Auch die Schiedsrichter seien nur Menschen, meint er.  

Pausentee und Polizei

Nachdem YB in der 18. Minute ausgleicht, tut sich bis nach der Pause nicht mehr viel. Während die Spieler sich mit einem Pausentee auf die zweite Halbzeit vorbereiten, fachsimpelt Ädu mit Kollegen über den weiteren Ausgang der Partie. Dieser scheint für alle Berner klar zu sein, spielt der FC Baden doch zwei Ligen tiefer. Und tatsächlich, kurz nach dem Seitenwechsel können die YB-Fans jubeln. Ihre Mannschaft liegt in Führung.  

Später gelingt den Young Boys sogar das dritte Tor. Das obligate Weiterkommen ist gesichert. Nach dem Schlusspfiff bedanken sich die Spieler bei den mitgereisten Fans für die Unterstützung. Ädu ist glücklich und erleichtert zugleich. Er packt seine Fahne zusammen und besteigt den Bus. Beim Bahnhof erwartet die Spielbesucher ein grosses Polizeiaufgebot. Gewalttätige Fans des Gegners suchen den Konflikt mit den YB-Fans. Ädu geht der unschönen Sache aus dem Weg, besteigt den Extrazug, der noch eine ganze Weile nicht losfahren wird. Steine fliegen, die Polizei versucht die beiden Parteien mit Tränengas auseinanderzuhalten, die Notbremse wird gezogen, wüste Beleidigungen wechseln die Seiten.  

Ädu ist froh, als sich der Zug mit einer halben Stunde Verspätung in Bewegung setzt. Ich will wissen, ob es sich lohnt, sich das Wochenende für Wochenende anzutun. Ich meine damit, die lange Fahrt ans Spiel und die Angst, ungewollt in eine Auseinandersetzung zu gelangen. Er lächelt müde, schaut mich bestimmt an und führt aus: «Ich würde es immer wieder tun. YB, und damit meine ich auch alle meine Freundschaften, gehört einfach zu meinem Leben.«