Gesellschaft | 07.09.2009

Gentleman sein oder nicht sein

Text von David Naef
Welche Eigenschaften eines Mannes rechtfertigen den Titel "Gentleman" und was dürfen Damen von einem Kavalier erwarten? Ein Tink.ch-Kolumnist sucht nach einer Antwort.
Humphrey Bogart: mit Hut und Charme.

Gentleman ist ein weitaus bekannter wie auch viel verwendeter Begriff. Dichter und Denker aus vorigen Jahrhunderten würden sich wohl im Grabe umdrehen, wenn sie wüssten, welche Gedankengänge Menschen aus der heutigen Zeit dem Wort (nicht) widmen. So befasst sich unter anderem William Shakespeares in einem seiner Theaterstücke mit dem Sinngehalt des Ausdrucks Gentleman. Und auch Daniel Defoe, Autor des bekannten Romans Robinson Crusoe, lässt es nicht kalt. Laut ihm verdient es nur ein Nachkommen einer bekannten und altehrwürdigen Familie, den Titel zu tragen.

Wer verdient die Bezeichnung?

Und was ist heute aus unserem Gentleman geworden, wo Adel und Ritterfamilien weder Bedeutung noch Macht besitzen, Beziehungen und Geld die Welt beherrschen? Ist es der charmante Mann, der jede Frau zu verführen weiss, der Millionenerbe, ein ruhiger Mamiliebhaber und Nesthocker ohne Ansprüche an Frauen oder etwa der Badboy?

Facebook, Medizin der Jugend, verschafft Abhilfe mit einem französischen „Etes-vous un gentleman?“. Doch entweder scheitert man bereits wegen mangelnden Französischkenntnissen oder eine unbequeme Wahrheit drängt sich auf: Auch dieses Quiz ist nur eine weitere Facebook-Anwendung. Und solche liefern eben nicht die ultimative Antwort auf unsere Frage. Eben doch keine Medizin.

Nicht gerade bescheiden war Tilmann Otto bei der Wahl seines Künstlernamens: Gentleman. Doch ob er auch wirklich die Manieren eines Gentleman besitzt, ist nicht aller Zweifel erhaben. Da stellt sich auch gleich die Frage, ob der Gentleman die Knigge-Regeln wie seine eigene Westentasche kennen muss oder ob es eine Sache des Gefühls ist, wie man mit seinen Mitmenschen umgeht. Wenn man mich fragt, würde ich auf eine gute Mischung tippen. Ohne Anstand kein Respekt, aber ohne Respekt auch kein Anstand.

Aus sprachlicher Sicht

Betrachten wir doch die Vokabel mal ganz wörtlich ohne Drumherum. Gentleman lässt sich in die zwei Wörter „man“ und „gentle“ zerlegen. „Gentle“ wird ins Deutsche mit dem Adjektiv „zart“, „vornehm“ aber auch „sanftmütig“ übersetzt. Ein sanftmütiger Herr. Doch finden Mann und Frau nicht bei den meisten Herren hinter der mehr oder weniger harten Schale einen sanftmütigen Kern? Schlussendlich ist es doch gleichwohl so, dass jede Frau ihren eigenen Ritter, ihren eigenen Gentleman findet. Grundsätzlich würde ich dennoch wagen zu behaupten, ein Herr verdient sich den Titel Gentleman nur dann, wenn er der Dame auch wirklich den Mantel abnimmt und sie zuerst über die Schwelle schreiten lässt. Eine letzte Frage bleibt aber, deren Antwort ich nicht mächtig bin: Gibt es eigentlich auch die Gentlewoman?