Gesellschaft | 21.09.2009

Fresspäckchen schicken und Wäsche waschen

Das Militär bedeutet für die meisten Rekruten Stress. Doch wie werden die 21 Wochen von den Angehörigen erlebt, die Zuhause bleiben? Die Freundin eines Rekurten berichtet.
Warten bis die Zeit verstreicht: Das Militär setzt nicht nur die Rekruten, sondern auch deren Angehörige auf die Geduldsprobe.
Bild: Rainer Sturm / www.pixelio.de

Die jungen Männer, beinahe noch Knaben, werden um fünf Uhr morgens geweckt, stehen ständig unter Zeit- und Leistungsdruck, marschieren oder laufen wöchentlich mehrere dutzend Kilometer. Sie schlafen manchmal nur einzelne Stunden und kommen meist übermüdet und geschafft nach Hause. Mit im Gepäck: Ein riesiger Berg verschwitzter, grüner Wäsche. Die Rekrutenschule ist alles andere als ein Zuckerschlecken!

                                    

Im März dieses Jahres verabschiedete ich mich schweren Herzens von meinem Freund, der einrücken musste. Uns beiden war klar, dass wir uns nur noch an den Wochenenden sehen würden. Ich hatte Angst, es könnte ihm etwas zustossen. Er fürchtete, dass die Distanz und die rare gemeinsame Zeit mich in die Arme eines anderen treiben könnten.

Ich hatte beschlossen, ihm wöchentlich per Feldpost ein Fresspaket mit all seinen Lieblingsknabberein zu schicken. Jeden Montag lag es bereits um acht Uhr auf der Post. Es sollte ihn aufstellen, kräftigen und ihm zeigen, dass ich ihn nicht vergesse.

Um ihm meine Gefühle mitzuteilen, legte ich jedes Mal einen langen Brief dazu. Klingt altmodisch, aber wer unter den Rekruten beim SMS schreiben erwischt wird, muss mit Sanktionen rechnen. Emotional, persönlich und voller Gedanken war der Inhalt der Briefe. In ihnen konnte man unsere Liebe regelrecht spüren und sie vermittelten meine Sehnsucht, Ängste und Wünsche. Wenn er einmal Zeit fand, bekam ich herzzerreissend berührende Briefe voller Dankbarkeit. Ein unheimlich schönes, erfüllendes Gefühl.

Manchmal wünschte ich mir, er könnte bei mir sein, ich könnte mit ihm reden. Während er gedrillt und umhergehetzt wurde, schrieb ich Prüfungen in der Schule und nahm Autofahrstunden. Dank meiner Mutter und meiner engen Schulfreundin, mit denen ich alles besprechen konnte, fühlte ich mich nie richtig einsam. Und schliesslich war er in Gedanken und in meinem Herz jede Sekunde gegenwärtig, was Einsamkeit gar nicht erst zuliess.

Jeden Samstagmorgen wartete ich am Bahnhof auf seine Rückkehr und genoss die enge Umarmung, die ich nach einer Woche so vermisste. Während diesen Wochenenden lag die Priorität bei unserer Zweisamkeit. Knappe 36 Stunden standen uns jeweils zur Verfügung bis er wieder auf den Zug ins Militär musste. Spaziergänge, tiefe und ehrliche Gespräche über Ängste und Gefühle ergaben sich, wir genossen die Nähe des Partners und alles konzentrierte sich auf den jeweilig anderen.

Nur selten unternahmen wir in dieser Zeit am Abend etwas, und wenn, dann nur mit den engsten Freunden. Wenn ich ab und zu sonntags den ganzen Tag arbeiten musste, drückte es mir jedes Mal das Herz ab. Ich war oft den Tränen nah, weil ich das Gefühl hatte, nicht genug für ihn da zu sein, ihn zu wenig zu umsorgen und ihm zu wenig Liebe geben zu können.

Ende Juli war das Ende endlich gekommen. Wir haben es geschafft, unsere Beziehung, wir, sind daran gewachsen, sowie das Vertrauen. Wir haben gemeinsam gelitten (ich schlief zum Beispiel kaum eine Stunde während den verschiedenen Nachtübungen), uns gemeinsam über seine Erfolge gefreut und sind uns noch näher gekommen. Wir haben gelernt, dass wir Distanzen überwinden, rare gemeinsame Zeit perfekt ausnutzen und uns so intensiver und bewusster geniessen können.