Gesellschaft | 10.09.2009

Foto fürs Leben

Letzten Donnerstag war der weltweite Suizidpräventionstag. Deshalb haben sich 250 Schülerinnen und Schüler des Gymnasiums Kirchenfeld Bern für das Leben eingesetzt. Sie liessen sich unterhalb der Kirchenfeldbrücke fotografieren, um einem traurigen Rekord ein Ende zu setzen.
"Stoppt, baut Netze". Ein Bild fürs Leben.
Bild: Batt-Huber.ch Die Aktion apelliert auch an Berns Politik. Bilder: Marcel Bieri Die Brücke als persönliche und politische Konfliktzone.

Es ist eine traurige Tatsache: In der Schweiz gibt es keine andere Stadt, in der sich so viele Menschen durch Brückensprung suizidieren, wie Bern. Davon betroffen sind nicht nur sie: Ein Suizid hinterlässt tiefe Gefühle von Trauer und Schuld im Umfeld der Person. Aber auch Passanten und Professionelle wie beispielsweise Polizei, Sanität oder Care Teams, welche sich mit dem stark entstellten Körper konfrontiert sehen, werden traumatisiert. Gegen diese Art von Suizid soll und kann etwas unternommen werden.  

„Stoppt Suizide, baut Netze“

Mit gutem Beispiel gingen letzten Donnerstag rund 250 Schülerinnen und Schüler des Gymnasiums Kirchenfeld Bern voran. Sie bildeten zusammen die Menschenschrift „Stoppt Suizide, baut Netze“. Mit den Bildern will die Initiantin der Aktion, das Berner Bündnis gegen Depression BBgD, Plakate gestalten und diese bei den drei grossen Berner Brücken Kirchenfeld, Kornhaus und Lorraine anbringen.  

Dass die Organisatoren ausgerechnet mit dem Kirchenfeldgymnasium zusammenarbeiten, hat einen bestimmten Grund: Während des Turnunterrichts unterhalb der Brücke kommt es immer wieder zu solchen Verzweiflungstaten, was Konsequenzen nach sich zieht. Die Tat selbst wühlt die Zeugen auf, die Bilder belasten und beschäftigen für lange Zeit. Insbesondere betroffen sind Schüler, Sportlehrer sowie der Abwart der Sportanlage.  

Politiker sind kritisch  

Die Aktion des BBgD ist Teil eines Versuches, die Berner Politik für Massnahmen, die Sprünge von den Brücken verhindern sollen, zu gewinnen. Bisher scheiterte jeder Versuch aufgrund der zu kleinen Netzwerke im Hintergrund. Dies versucht nun das Berner Bündnis gegen Depression zu ändern. Eine breit abgestützte Lobby-Gruppe, unter anderem mit Vertretern aus Politik, Polizei, Kirche, Schule und mit Brücken- und Suizidspezialisten will geeignete Lösungen finden und umsetzen. Aufgebaut und koordiniert wird die Lobby-Gruppe durch das Bündnis.  

Eines der grössten Hindernisse, die es zu überwinden gilt, ist die zum Teil sehr kritische Haltung der Politik gegenüber den Netzen. Daniela Krneta vom BBgD erklärt: „Ein Faktor sind die Kosten für Unterhalt und Vandalismus. Es werden viele Gegenstände gedankenlos über die Brücke geworfen. Diese würden dann in den Netzen landen und müssten wieder herausgefischt werden.“ Zudem benötigten Netze regelmässige Reinigung und Instandhaltung. Es werde auch befürchtet, dass sogenannte ‚Mutproben‘ zunehmen würden, bei welchen Leute dann in den Netzen landen und herausgeholt werden müssten.  

Sprung im psychischen Ausnahmezustand

Doch das ist nicht der einzige Grund, weshalb sich Berns Behörden schwer tun mit den Netzen. Viele sind der Meinung, Netze bewirkten nichts. Diese Annahme ist falsch! Suizidale Menschen schwanken zwischen dem Wunsch zu sterben und dem zu leben. Das Netz kann die Entscheidung beeinflussen und Menschenleben retten. Studien und Berichte von Betroffenen zeigen klar: 95 Prozent der am Sprung gehinderten suizidgefährdeten Personen greifen nicht zu anderen Methoden oder Standorten. Sie können durch die Massnahmen dauerhaft gerettet werden.

Auch Doppelsprünge, wie sie in der Politszene gefürchtet werden, sind unwahrscheinlich: „Viele glauben, dass Leute zuerst ins Netz springen und dann von dort in suizidaler Absicht hinunterspringen würden“, erzählt Krneta, bei der Münsterplattform sei dies bisher jedoch nie der Fall gewesen, seit die Netze dort 1989 aufgestellt wurden. „Einige glauben auch, dass jemand, der sich umbringen will, dies ‚freiwillig‘ tue. Das stimmt in den allermeisten Fällen jedoch nicht. Suizide, gerade auch durch Sprünge, geschehen in einer psychischen Notsituation. Dieser psychische Ausnahmezustand geht meist vorüber und dann wollen sich diese Menschen nicht mehr umbringen. Viele bereuen ihre Tat bereits während des Sprungs.“

Was kann ich tun?  


Wie lange es noch geht, bis die Sicherungsnetze installiert werden, ist unklar. Bis dahin, aber auch darüber hinaus, ist es wichtig, sich gegenüber suizidgefährdeten Personen richtig zu verhalten, zum Beispiel durch Ansprechen. Weitere Informationen findet man auf www.berner-buendnis-depression.ch oder www.ipsilon.ch.       

 

Hilfe in Not


Menschen in einer Krise finden Hilfe bei der Dargebotenen Hand (Telefon 143), der Beratungsstelle für Jugendliche (147) oder beim Kriseninterventionszentrum (KIZ) der UPD  (031 632 88 11).