Kultur | 21.09.2009

Die Schweiz als Festung

Im Ustermer Qbus wurde am Sonntag der preisgekrönte Film "La Forteresse" gezeigt, der die Hintergründe des schweizerischen Asylverfahrens dokumentiert.
Im Irak arbeitete er als Übersetzer für das US-Militär. Eine Abschiebung hätte wohl fatale Folgen für ihn: Fahad K. Fotos: PD Leise Hoffnung in den Schnee gezeichnet: Für viele Asylbewerber bleibt die Situation düster. Beschäftigungstherapie: Forstarbeit kann die Langeweile im Durchgangszentrum dämpfen.

Es ist eine der Szenen in „La Forteresse“, die den Zuschauer nachhaltig aufwühlen: Ein junger Somalier schildert der Angestellten des Bundesamtes für Migration seine mühsame Flucht  aus dem Krisenherd seines Heimatlandes. Auf der Reise durch die Wüste, sah er sich zahlreichen existenziellen Gefahren ausgesetzt. Die Narben an seinen Beinen dokumentieren das Leid, das aufgrund seiner Aussage durch Schüsse der Militaristen verursacht wurde. Weil die Fluchtgruppe tagelang keine Nahrung fand, sah sie sich gezwungen, ein kleines Mädchen aus den eigenen Reihen, das bereits zuvor den Strapazen zum Opfer fiel, aufzuessen. Zu allem Übel habe er sich auf der Flucht auch noch ein Bein gebrochen, berichtet der Asylbeantragende wild gestikulierend.

Das Schicksal in fremden Händen

Die Bundesbeamtin des Empfangs- und Vollzugszentrums im waadtländischen Vallorbe nimmt die emotionalen Schilderungen mit einer erstaunlichen Gelassenheit zur Kenntnis. Sie verzieht keine Miene. Es ist ihre Aufgabe, die Aussagen der Asylbeantragenden anzuhören, abzuwägen und schliesslich auf ihren Wahrheitsgehalt zu beurteilen. Eine einzige Anhörung muss  in vielen Fällen reichen, um über den weiteren Verlauf eines Menschenlebens zu entscheiden: „Asylantrag abgeleht und sofortige Ausreise aus der Schweiz innert 24 Stunden“ – die Bilanz fällt aus Sicht der Antragsteller meist ernüchternd aus. Seit der Einführung des neuen Ausländer- und Asylgesetz im Jahre 2006 hat sich die Lage für potenzielle Immigranten weiter verschärft. Die grosse Mehrheit aller Asylanträge wird direkt abgewiesen, einigen, wie dem eingangs erwähnten Somalier, wird vorübergehendes Asyl gewährt und gerade mal ein Prozent der Antragssteller erhält ein Bleiberecht. 

„Unter den Ländern Europas herrscht zur Zeit ein Konkurrenzkampf um das restriktivste Asylgesetz“, sagt der Zürcher Asylrechts-Anwalt Marc Spescha, der im Anschluss des Filmes und gemeinsam mit der Ustermer Psychologin und Migrationsexpertin Barbara Geering an einer Podiumsdiskussion teilnimmt. Dies widerspräche ganz klar dem Globalisierungstrend, den die selben Länder seit vielen Jahren verfolgen, sagt Spescha weiter. Der Film „La Forteresse“ von Regisseur Fernand Melgar dokumentiert den nicht ganz normalen Alltag aus einem der fünf Empfangs- und Vollzugszentren der Schweiz.  Kritiker und Zuschauer attestierten dem bildgewaltigen Dokumentarfilm eine rein beobachtende Perspektive und hohe Objektivität. Im letzten Jahr wurde „La Forteresse“ mit dem „Goldenen Leoparden“  des Filmfestivals in Locarno ausgezeichnet.

Zermürbendes Warten

Umso interessanter den Film einmal aus der Sicht eines Asylsuchenden zu beurteilen. Berhanu Tesfaye ist einer, der die Bürokratie des Schweizer Asylwesens bestens kennt.  Schon zweimal wurde der Asylantrag des 51-jährigen Äthiopiers abgelehnt, der seit neun Jahren sein Glück in der Schweiz sucht. Das Bild, das „La Forteresse“ während 100 Minuten zeichnet, deckt sich grösstenteils mit der Realität, die der studierte Entwicklungs-Wissenschaftler aus eigener Erfahrung kennt – mit ein paar Abstrichen: Die Zeit des Wartens während des Aufenthaltes in den Durchgangszentren empfand er als noch zermürbender, als im Film dargestellt. Wenigstens würden die Asylsuchenden in Vallorbe mit sinnvollen Tätigkeiten wie Gartenarbeit  beschäftigt. Das habe es bei ihm noch nicht gegeben, erinnert sich Berhanu Tesfaye.

Die Zeit nach dem Urteil über Annahme oder Ablehnung des Asyls wird im Film „La Forteresse“ nicht dokumentiert. „Dabei wäre genau dies noch interessant“, meint Anwalt Marc Spescha. Er könne sich durchaus vorstellen, dass die Umstände in den Notfallunterkünften für abgelehnte Asylbewerber noch um einiges dramatischer seien, als die in den Empfangs- und Vollzugszentren. So sei „La Forteresse“ eher ein Werbefilm für eine humanitäre Schweiz. Und dies im positiven Sinne, denn die Migrationsbeamten verhielten sich im Dokumentarfilm alle ganz vorbildlich. Dieser Meinung ist auch Berhanu Tesfaye, dem „La Forteresse“ gut gefällt. Für einmal würden die persönlichen Hintergründe der Asylsuchenden beleuchtet  – und damit die möglichen Ursachen für die vielzitierte Ausländerproblematik. „Gerät ein Asylbewerber auf die schiefe Bahn, fragt meist niemand nach dem Grund“, bedauert Tesfaye, „die Medien liefern oft ein vereinfachtes Bild.“

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