Gesellschaft | 14.09.2009

Das Leben als Roadtrip

Christine Choudhary verkauft seit zwei Jahren das Strassenmagazin Surprise. Mit grosser Freude erzählt die 61-Jährige aus ihrem abenteuerlichen Leben.
Christine Choudhary macht ihre Arbeit mit grosser Freude. Fotos: Karolina Barczyk In jungen Jahren bereiste sie die halbe Welt.

Unter dem Kastanienbaum, an der Zürcher Bahnhofbrücke, treffe ich Christine Choudhary, 61, deren freundliches Lächeln jedem Passanten auffällt und sogleich erwidert wird. Sie packt gerade ihre Sachen zusammen und erklärt mir, dass wir unser Gespräch im Marchée-Restaurant führen werden. „Dort kann man sich prima unterhalten!“, erzählt sie mir strahlend. Mit einer solchen Selbstverständlichkeit und Offenheit hab ich nicht gerechnet und ich habe fast das Gefühl, dass es nicht ihr erstes Mal ist, wo sie mit einer fremden Person über ihr Leben redet.

Tatsächlich hat sie schon öfters mit Leuten gesprochen, die mehr über ihr Leben wissen wollten. Stolz präsentiert sie mir ein preisgekröntes Foto von sich, welches ein Student aufgenommen hat, nachdem wir uns mit Café und einem O-Saft in die hinterste Ecke des Bistros gesetzt haben und es uns gemütlich machen.

Eingeschränkter Verkauf

Seit zwei Jahren arbeitet Christine als Strassenmagazinverkäuferin an der Bahnhofsbrücke in Zürich. Hier hat sie ihren Platz in der Gemeinschaft von Randständigen gefunden und fühlt sich wohl. Meistens verkauft sie das Surprise-Strassenmagazin, das jede zweite Woche neu erscheint. „Wie viele Hefte hast du heute verkauft?“ frage ich neugierig. „Genau zehn. Deshalb musste ich vor unserem Treffen neue Hefte kaufen. Ich werde jetzt auch schnell meine Heftlis anschreiben, wenn du nichts dagegen hast. Das ist Pflicht, alles andere guter Wille.“ Die vierstellige Nummer dient zur Identifikation der Verkäufer, wie ich erfahre und maximal dürfen zehn Magazine zum Verkauf mitgenommen werden. Wenn alle weg sind, holt man sich jeweils einen neuen Stapel Hefte.

„Bist du denn glücklich und zufrieden mit der Arbeit, die du machst?“ Ohne zu zögern antwortet sie: „Ja, absolut. Hier habe ich meinen jetzigen Partner kennengelernt und durch ihn und seine Freunde, die gleich neben mir auf der Brücke sitzen, fühle ich mich einerseits beschützt, anderseits zugehörig. Ausserdem habe ich keinen Chef, der mir ständig auf die Finger schaut, und ich kann in meinem Rhythmus arbeiten.“

Abgeschlossenes Studium
Ohne Umschweif kommen wir dann auf ihre Vergangenheit zurück. Nachdem sie ihre Matura im Tessin abgeschlossen hatte, zog sie in die Deutschschweiz, um ihr Studium an einem Lehrerseminar zu beginnen. Zwei Semester lang hatte sie studiert, bis sie eines Tages ihr Zeug zusammen packte und mit ihrem Freund in die weite Welt zog. Da war sie gerade mal 19. Erst zehn Jahre später sollte sie wieder nach Hause kommen und das abgebrochene Studium beenden.

Was sie in den zehn Jahren an Erfahrung gesammelt hat, lässt jeden Abenteurer und Backpacker vor Neid erblassen. Mit wenig Geld und ihrem Reisepass entdeckte sie Europa und marschierte mit anderen Reisenden nach Istanbul, welches in den 60er- und 70er-Jahren eine der vielen Stationen des berühmten Hippie Trail nach Goa war.

Unvergessliche Hippie-Zeit
„In Istanbul lebte ich neun Monate lang. Wir teilten uns mit anderen Hippies einen Dachboden in einem heruntergekommenen Hostel, aber die Leute und die Atmosphäre machten die Zeit unvergesslich. Die meisten Menschen, die ich kennengelernt hatte waren nur auf Durchreise mit dem Ziel Goa. Viele von ihnen haben sich eine Existenz dort aufgebaut oder waren dem Rausch und dem Zauber Indiens verfallen und sind dort geblieben. Mich zog es hingegen wieder zurück nach Europa, weil Indien mich überhaupt nicht faszinierte. Ich habe dann kehrt gemacht und machte mich auf den Weg nach Spanien. Spanien bereiste ich meistens per Anhalter, was nicht ganz ungefährlich war.“

Meistens fuhr sie mit ihrem Partner im hinteren Teil der Laster mit, die nicht gedeckt waren. Als ihr Freund aussteigen musste, um Wasser für den Wagen zu holen, fuhr der Chauffeur plötzlich weiter. „Da wusste ich, dass etwas nicht stimmt. Ich schwang mich aus dem fahrenden Wagen. Ich blieb noch ein paar Minuten im Feld liegen, damit mich der Fahrer nicht sehen konnte. Es war einfach nur Glück, dass ich unverletzt blieb. Als ich die ganze Strecke, die wir gefahren sind, zurück marschierte, erblickte  ich meinen Freund im nächsten Dorf, der schon die Polizei kontaktiert hatte. Unsere Rucksäcke hatten wir natürlich nie wieder gesehen.“ Nur mit dem Schweizerpass in der Hand ging es dann gezwungenermassen wieder in die Schweiz.

Als Arbeitskollegin ausgegrenzt

Zurück in der Schweiz beschloss Christine ihr Studium wieder aufzunehmen. Die Integration in die Gesellschaft war jedoch schwerer als gedacht. Als ausgebildete Primarlehrerin verstand sie sich mit Schülern sehr gut, die Kollegen hätten sie jedoch ausgegrenzt, weil sie anders gewesen sei. „Ich war eine ausgebildete Lehrerin und neben der Schuldirektorin die einzige mit einem Studium in meinem Beruf. Der Neid meiner Kollegen war damit garantiert. Als ich dann noch bei Pfarrer Sieber im Pfuusbus mithalf, war ich nicht mehr willkommen in ihrem Kreis“, erklärt Christine und bedauert, dass sie sich wieder in die Gesellschaft eingliedern wollte. „Heute würde ich das nicht mehr tun“, stellt sie fest.

Christine hat wahrscheinlich das erreicht, von dem viele träumen. Wunschlos glücklich zu sein und Spass in ihrem Job zu haben. Nachdem wir uns voneinander verabschiedet haben, eilt Christine wieder zurück an ihren Platz, um die nächsten Stapel Hefte zu verkaufen und dabei mit ihren Freunden und Stammkunden über Gott und die Welt zu plaudern.

Zum Hippie Trail:


Der Hippie Trail war eine Route der Hippies, Abenteurer und Backpackers  in den 60er- und 70er-Jahren, die meistens in Europa ihren Anfang nahm und Goa (Indien) als Ziel hatte. Die Route führt über Istanbul nach Teheran (Iran), Kabul (Afghanistan) und Peshawar (Pakistan) und wäre heutzutage wahrscheinlich der reinste Selbstmord, bedenkt man die politische Lage in diesen Regionen. Die meisten Reisenden unternahmen diese Reise, um in fremde Kulturen einzutauchen, nach Selbstfindung oder nach Gott zu suchen.