Gesellschaft | 14.09.2009

Das Eis ist gebrochen

Text von Diana Berdnik | Bilder von André Müller
«Sorry, dörfi di öpis frogä?", stammelte ich. Erstaunt und doch erfreut wartete mein Gegenüber auf meine Frage. Ob denn diese bellenden Hunde gefährlich seien? Es war eine absurde Frage, denn zwischen mir und dem Junkie stand ein süsser Hund, der ganz lieb mit dem Schwanz wedelte.
Sandro ist auf dem Weg zurück ins normale Leben.
Bild: André Müller

Er trug Jeans, Sandalen und ein verwaschenes, blaues T-Shirt. Die braunen Haare fielen ihm ins Gesicht und verdeckten die tiefen Falten. Um den Hals trug er eine Kette mit einem hellblauen, steinernen Anhänger. Seine Hündin sei brav, meinte er. Ein kleines Leckerli durfte ich ihr auch geben, aber nicht zu viel, er müsse etwas auf ihre Linie achten. Man merkte, dass er seine Lucky gut pflegt und sie ihm eine treue Begleiterin ist. Und schon nach diesem kurzen Wortwechsel fiel es mir schwer, ihn als Penner zu bezeichnen.

Doch keiner von denen

Regelmässig besucht er seine Kollegen im Kantipark, doch er bleibt nie lange. Die Leute da sind abhängig von irgendeinem Stoff, oft obdachlos und saufen den ganzen Tag. Er ist anders. Trotz seiner schwierigen Vergangenheit befindet er sich auf dem Weg zurück ins gesellschaftliche Leben. Ich hatte Glück mit ihm zu sprechen, denn jene, die da noch voll drinstecken, schämen sich für ihr Leben und erzählen nichts.

Interrail, Liebe und Arbeit

Geduldig wartete Lucky auf ihr Herrchen, während dieses erst recht zu erzählen begann. Als er so alt war wie ich, da reiste er mit seiner Freundin umher, war in Mexiko, Paris und machte dort erste Erfahrungen mit der lieben grossen Welt. Interrail schien schon damals im Trend gewesen zu sein. Er schwärmte von seiner Jugendzeit und riet mir, sie zu geniessen. Doch dann wurde er ruhiger. Früher sei er Postbote gewesen, erinnerte er sich. Später arbeitete er auf dem Bau und lebte mit seiner Frau in einer schönen Wohnung am See.

Sie liebten einander aufrichtig, doch nach einigen Jahren wurde die Ehe geschieden. Seiner Meinung nach zu spät, denn er steckte schon zu weit in den Problemen seiner Frau und hatte selbst schon genug davon. Sie ist dann auch irgendwann gestorben, so berichteten ihm seine Freunde, sicher wisse er es nicht. Auch die Arbeit auf dem Bau musste er aufgeben, sein Körper mache das nicht mehr mit. Heute bezahlt ihm die IV seine bescheidene Wohnung in St. Gallen, inklusive Waschmaschine. Hier sei er zu Hause, denn er lebt gerne in der Stadt und schätzt gleichzeitig den kurzen Weg in die Natur. «Das ist wichtig für Lucky, sie muss sich genug bewegen, nicht wie diese Hunde im Park.«

Diagnose: Hepatitis

Es wurde Zeit zu gehen. Er musste ins Spital in die Therapie. Heute erfahre er auch die Testresultate. Ich fragte vorsichtig wovon und die Antwort war: « Jo weisch, Hepatitis C.« In meinem Kopf begann es zu rattern. Davon hörte ich doch schon mal. Man kann es nicht impfen, aber ist es ansteckend? Er erklärte weiter, dass sein Genotyp gut für eine Chemotherapie geeignet sei und ausserdem trinke er nicht mehr, um gesund zu werden. Er schien zu merken, dass ich kaum eine Ahnung hatte von der Krankheit und verunsichert war. Er hätte zwar oft Auseinandersetzung mit seiner Schwester, doch er könne auf ihre Unterstützung zählen, versicherte er mir. Und ausserdem gebe ihm Lucky viel Kraft zur Genesung.

Auf Wiedersehen

Die ganze Zeit über sprach ich mit einem Unbekannten. Nach einer Stunde kannte ich ihn aber besser als so manchen Bekannten. Dann erkundigte er sich nach meinem Namen und verriet mir seinen. «Alles Gueti«, wünschte ich Sandro. «Tschüss, villicht xehmer üs jo widermol«, sagte er und lief davon. Ich drehte mich um und lief in Gedanken versunken nach Hause. Mit dem Bedürfnis, mir die Hände zu waschen, obwohl es keinen speziellen Grund dazu gab.