Gesellschaft | 14.09.2009

„Dann seid ihr euch Wandern ja gewohnt“

Text von Jasmin Back
Das Wort "unangenehm" bekommt auf der Wanderung auf dem West Highland Way eine neue Bedeutung und schon kleine Dinge können plötzlich Glück bedeuten. Die Reise geht weiter durch Landschaften wie aus dem Bilderbuch.
Loch Lomond am dritten Tag. Fotos: Jasmin Back Mein treuer 15 Kilogramm-schwerer Begleiter. Und auf einmal glitzerte alles. Das Moor Rannoch auf dem Weg zum Kingshouse Hotel.

Wir beschliessen einen frühen Start hinzulegen. Vor allem weil wir am Vortag relativ lange unterwegs gewesen sind und nicht wieder erst um 18 Uhr am Ziel ankommen möchten. Nachdem der Wecker um sechs Uhr früh geklingelt hat, stehe ich auf. Der Blick aus dem Fenster reicht nicht weit. Tiefer Nebel schwebt über dem See. Im Haus ist es still und im Essraum sind wir bis auf zwei Deutsche die einzigen. Das Frühstück verläuft eher schweigend, weil wir beide an der bevorstehenden Strecke herum studieren. Wir checken out und treten in den sanften Regen hinaus. Anfangs geht alles bergauf, aber nicht steil, sondern angenehm stetig. Später verläuft der Weg wieder unten am Loch Lomond entlang. Ein Auf und Ab. Um Felsen rum, teilweise müssen wir klettern. Es ist anstrengend, aber nicht unangenehm. Der Weg erinnert uns an die Schweizer Wanderwege und so meistern wir die Strecke ohne Probleme.

Gegen Mittag erreichen wir Inversnaid. Kein Dorf. Nur ein Hotel. Dort verpflegen wir uns mit Fish und Chips und frischem Salat. Tut gut, sich nicht nur von Mandeln, getrockneten Aprikosen, Reiswaffeln und Getreideriegeln zu ernähren. Der Weg geht „schweizerisch“ weiter, bis wir das Ufer des Loch Lomond verlassen. Noch eine kurze Pause an einem Sandstrand. Doch die Sonne kommt heraus und wir beschliessen, ein wenig länger dort zu bleiben und die Wärme zu geniessen. Die Sonnenstrahlen lassen die Landschaft glitzern und in dem Moment hätten wir stundenlang dort sitzen bleiben können. Zum Schluss steigen wir nochmals in die Höhe. Beim Abstieg beginnt es zu regnen und wir sind doch froh, als wir den Zeltplatz von Inverarnan erreichen und uns unter einer heissen Dusche wärmen können. Die Nacht verbringen wir in einem hölzernen Wigwam.

Awkward

Tag Vier beginnt mit Cola und Kitkat zum Frühstück. Diesem Luxus können wir nicht widerstehen, als wir uns im Zeltplatzshop mit Wasser, Essen und Pflastern eindecken. Bei Regen – wir sind nicht überrascht – gehts weiter nach Tyndrum. Doch nach nur zwei – gefühlten zehn – Kilometern machen wir eine Pause. Umgeben von Schafen betrachten wir die Karte. Noch 15 Kilometer bis Tyndrum. Eine Alternative: Nach fünf Kilometern bei der Verzweigung rechts nach Crianlarich runtergehen und mit dem Zug weiterfahren, anstatt links weitere acht Kilometer nach Tyndrum gehen. Der Gedanke gefällt uns. Andere Wanderer überholen uns und grüssen freundlich. Ein Wind kommt auf. Wir frieren, weil unsere Kleider nass sind. „Mäh!“ Stellen wir uns das nur vor, oder lachen uns die Schafe aus, weil wir auf gut Deutsch keinen Bock haben, auch nur einen Schritt weiter zu gehen? Kindisch strecken wir ihnen die Zunge raus. Doch es hilft nichts wir gehen weiter. Schritt für Schritt dem River Falloch entlang. Nach einem weiteren Kilometer müssen wir unter der Bahnlinie und der Autobahn durch. Die Unterführung hatte eine Höhe von 1.30 Metern. Kein Wunder, war sie doch ursprünglich fürs Vieh gedacht. Awkward. Unangenehm. Ein höfliches Wort für das gebückte Gehen. Aber so weist unsere Karte auf die Unannehmlichkeit hin: „Might be awkward for walkers with large rucksacks.“

Dann folgen wir der alten Militärstrasse den Hügel hinauf und runter ins Dorf. Beim Bahnhof informieren wir uns über die Abfahrtszeiten. Anderthalb Stunden Zeit. Wir gehen in den Tea Room und bestellen ein spätes Mittagessen. Und wie auf Kommando fängt es an, in Strömen zu regnen. Perfect Timing! Glücklich grinsend essen wir wieder einmal Fish und Chips und Toast, trinken Tee und Cola. Im Zug plumpsen wir erschöpft in die Sitze. Und wir stellen fest: Beim Zugfahren lässt sich die Landschaft auch bewundern. Ganz ohne Anstrengung. Klar, dass wir sehr früh in Tyndrum ankommen. Zuerst gehen wir einkaufen. Zum Abendessen solls unter anderem Erdbeeren geben. Auf dem Weg zu unserem B&B treffen wir auf zwei Wanderer, die uns als erstes überholt haben. Sie erkennen uns. Was ihnen durch den Kopf geht, wissen wir nicht. Egal, wir fühlen uns erholt.

Die Unterschiede 

Am nächsten Morgen beim Frühstück unterhalten wir uns mit zwei Paaren, das eine ist aus Cambridge und das andere aus einem Vorort von London. Als wir erwähnen, dass wir aus der Schweiz kommen, sagen sie nur. „Ach, dann seid ihr euch das Wandern ja gewohnt.“ Worauf wir erklären, dass unser Heimatland nicht nur aus Bergen besteht und dass Basel nicht gerade in den Alpen läge. Die Strecke hätte rund 30 Kilometer betragen, doch wir nehmen den Bus bis Bridge of Orchy. Somit absolvieren wir trotzdem um die 20 Kilometer. Der Bus ist zehn Minuten zu spät. Das sind wir uns nicht gewohnt. Da in der Schweiz der öffentliche Verkehr bekanntlich fast immer so fährt wie es im Fahrplan steht. Sprich, wenn der Bus um 08.47 Uhr fährt, dann fährt er auch dann und nicht bereits 08.46 oder erst um 08.48. Der Bus an sich ist auch eine Überraschung. Wir würden es Reisecar nennen. Doch dort reisen die Leute in solchen Bussen, sobald die Fahrt länger dauert. Der Busfahrer fragt uns freundlich, wo wir hinmöchten und verstaut unsere Rucksäcke im Gepäckladeraum. Die Strecke ist in einer Viertelstunde zurück gelegt. Zu Fuss hätten wir zwei bis drei Stunden gehabt.

Von dort besteigen wir den Mam Carreigh. Von dem 320 Meter hohen Hügel aus haben wir eine wunderschöne Aussicht über den Loch Tulla. So langsam realisieren wir, dass wir immer weiter ins schottische Highland vordringen. Die Hügel werden höher und die Landschaft unberührter, die Dörfer liegen weiter auseinander. Dann durchqueren wir den westlichen Teil des grössten Moors von Grossbritannien, dem Rannoch Moor. Bei Regen und Wind soll die Strecke äusserst unangenehm sein, weil der Abschnitt nirgendwo Bäume oder sonstigen Unterschlupf bietet. Doch wir haben Glück. Es ist bewölkt, aber es regnet nicht. Gegen drei Uhr sehen wir zum ersten Mal in der Ferne das Kingshouse Hotel. Die Herberge ist über 200 Jahre alt und bot früher den Viehtreibern eine komfortable Übernachtungsmöglichkeit. Im ganzen Hotel sind alte Fotos aufgehängt. Alle schwarz weiss, einige verschwommen. Ohne Worte erzählen sie von Reisenden aus früheren Zeiten.   Vorschau Nächste Woche geht die Wanderung weiter, bei der die beiden Abenteuerinnen erneut an ihre Grenzen stossen, dafür aber mit tierischen Begegnungen und dem Anblick unberührter Natur belohnt werden.

Vorschau


Nächste Woche geht es weiter mit dem dritten und letzten Teil des Schottland-Reiseberichtes.