Gesellschaft | 21.09.2009

Auf der Treppe des Teufels

Text von Jasmin Back
Vorurteile, neue Essgewohnheiten und eine grosse Erleichterung. Die Reise durch Schottland geht hiermit zu Ende. Was bleibt, sind Erinnerungen, die nur annähernd das Erlebte beschreiben.
"The End of the West Highland Way",... ... verkündet das Schild des Ben Nevis Highland Centre. Das idyllische Dorf Kinlochleven. Fotos: Jasmin Back

Am sechsten Tag schlafen wir länger, weil die heutige Strecke nur 15 Kilometer beträgt. Als wir erwachen, liegt das Tal im Nebel. Wir können keine 50 Meter sehen. Also lassen wir uns extra Zeit und frühstücken ausgiebig. Beim Check-Out grinst uns die Rezeptionistin an. „Ah, Zimmer Nummer zwölf!“ Ja, wir sind die letzten.

Und wir laufen los. Es hat angefangen zu regnen. Der Weg entwickelt sich zu einem Bach. Anfangs geben wir uns noch Mühe, nicht in die Pfützen zu treten. Doch mit der Zeit ist es uns egal und wir hoffen auf die Undurchlässigkeit unserer Wanderschuhe. Wobei mir einfällt, dass ich nicht dazugekommen bin, meine vor der Reise zu imprägnieren. Dann überholen uns zwei Jogger. Ja, zwei Jogger. Ungläubig blicken wir ihnen nach. Nach vier Kilometern erreichten wir den Devil-˜s Staircase. Die Treppe des Teufels. Wir blicken hinauf. Winzige farbige Punkte bewegen sich langsam im Zickzack den Pass hinauf. Andere Wanderer, die früher gestartet sind. Wir werfen zwei Traubenzucker ein und los geht’s. Die Steigung haben wir aber nach circa 40 Minuten hinter uns. Erleichtert machen wir eine Pause. Es ist doch nicht so schwer wie erwartet gewesen. Der Abstieg nach Kinlochleven erweist sich als lange. Ständig haben wir das Dorf im Blickfeld, doch wir scheinen nicht vorwärts zu kommen. Unten angekommen begrüsst uns der Existenzgrund des Dorfes: Eine Aluminiumfabrik, diese hat aber ihren Betrieb im 2000 eingestellt.

„Seid ihr es euch nicht gewohnt?“

Im B&B begrüsst uns herzlich ein Mann! Ungewöhnlich, denn normalerweise organisieren die Frauen die B&B’s. Bob zeigt uns den Weg in unser Zimmer und lädt uns auf eine Tasse Tee und Shortbread ein. Wir ziehen uns kurz um und gehen in die kontinental eingerichtete Küche. Am Tresen dürfen wir uns auf Barhocker-ähnliche Stühle setzen. „Wisst ihr, Mädels, der Vorteil, ein B&B zu haben, ist, dass ich euch schamlos ausquetschen darf“, sagt er und bombardiert uns mit Fragen über unsere Familien, Zukunftspläne und Hobbies. Im Gegenzug dazu erzählt er von sich und seiner Familie. Wir sprechen auch über Sport, wie Golf und Schwimmen und natürlich Wandern. Auch er ist schon auf dem West Highland Way gewesen. „Mit meiner Tochter. Eines Tages kam sie zu mir und sagte ‚Komm Daddy, lass uns spazieren gehen!‘ Wir haben aber unser Gepäck transportieren lassen“, meint er schmunzelnd. Darauf folgte: „Seid ihr es euch nicht gewohnt zu wandern? Ihr, die aus der Schweiz kommt.“ Wir lachen. Und erklären zum zweiten Mal die exakte Lage von Basel in der Schweiz. Worauf wir über die Unterschiede zwischen Schottland und der Schweiz plaudern.

Das letzte Stück

Am nächsten Tag sind wir beide bereits um 5 Uhr wach. Draussen ist es bereits hell. Schottland im Sommer. Dann ist die Sonne nur für wenige Stunden weg. Der letzte Tag steht uns bevor. Die letzten 23 Kilometer. Ein Klacks, reden wir uns ein. Das Frühstück ist mit viel Liebe gemacht – von Bob, dem Hausmann. Wir sitzen einem dänischen Pärchen gegenüber. Und sie stellen fest, dass Wandern für uns kein Problem ist, weil wir aus der bergigen Schweiz kommen. Wir klären auf. Zum dritten Mal.

Der Beginn der letzten Etappe ist lang und steil. Ich habe Mühe, doch irgendwann ist auch diese Höhe überwunden. Wir folgen einem Tal, das heisst fast keine Steigung. Wir orientieren uns auf der Karte und beschliessen, vor dem Waldstück unsere grosse Mittagspause zu machen. Es gibt frischen Salat, den wir am Vortag gekauft haben und dann doch nicht essen wollten. Ich desinfiziere meine Hände, öffne die Packung, gebe Salatsauce hinzu und schüttle kräftig. Gegessen wird mit der Hand. Nach der Hälfte reiche ich die Packung an meine Kollegin weiter. Die interessierten Blicke der anderen Wanderer sind unbezahlbar. Dann möchten wir das Waldstück durchqueren, das aber unterdessen kein Waldstück mehr ist. Ein Grossteil ist gerodet worden. Sieht karg aus. Fast schön öde. Dann erreichen wir das grössere Tal, Glen Nevis. Rechts ragt der höchste Berg Grossbritanniens in die Höhe. Der 1344 Meter hohe Ben Nevis. Ein Hügel im Vergleich zu den Alpen und doch schauen wir fast schon ehrfürchtig zum Gipfel hinauf. Also dort wo er sein sollte, denn er ist in den Wolken verborgen. Wir beginnen unseren Endspurt in Richtung Fort William. Die Stadt mit ihren 11000 Einwohnern verdankt ihren Namen einer Befestigungsanlage. Die erste wurde Mitte des 17. Jahrhunderts gebaut. Die letzen zwei Kilometer führen entlang der Schnellstrasse. Und dann erscheint das Schild. Es ist nicht gross, doch das muss es auch nicht sein. Wir nehmen unsere Rucksäcke ab und sitzen erstmal hin. Das Gefühl, fast 150 Kilometer gelaufen zu sein, müssen wir erst noch setzen lassen. Daneben auf einem grossen Parkplatz hält ein Reisecar. Menschen in Freizeitkleidung und Sandalen steigen aus. Wir fühlen uns gleich doppelt gut. Eine Frau kommt vorbei und fragt uns ob sie von uns ein Foto machen soll. Wir nicken. Komisch, ein paar Schritte ohne Rucksack zu machen.

Am nächsten Tag geht’s zurück nach Glasgow. Wir bezahlen beim Fahrer und er ladet unser Gepäck ein. In nur knapp vier Stunden fahren wir an allen wichtigen Punkten unserer Wanderung vorbei. Durch das Moor Rannoch, durch Bridge of Orchy und Tyndrum. Entlang des Loch Lomond – die andere Seite, so sehen wir auch das Hotel wieder, wo wir zu Mittag gegessen haben. Und langsam kommen wir zurück in die Zivilisation. Wir fahren durch Vororte von Glasgow bis zur Buchanan Bus Station. Wir steigen aus. Menschen, überall Menschen. Ich werde die Ruhe der Highlands vermissen.