Gesellschaft | 07.09.2009

Auf der Suche nach den Grenzen

Text von Jessica Hefti
Die Tink.ch-Reporterin agiert als Aufnahmeleiterin in der Operation Baltikum. Für die nächste Szene schreibt das Drehbuch das Ortsschild TALLINN vor. Eine Suche.
Im Drehbuch steht kein Leuchtexemplar. Fotos: Jessica Hefti Requisite oder echt? So oder so die Kulisse.

Das Drehbuch will bei Szene 58 ein Ortsschild. Ein Ortsschild, auf dem Tallinn steht. Und damit nicht die ganze Crew danach suchen muss, fährt die Aufnahmeleitung vor und sucht eins. Ein Ortsschild ist meistens am Rand, so Ende Stadt. Unser Hotel, The Stackelberg, hat neben vielen weiteren positiven Eigenschaften, auch die, dass es direkt im Zentrum liegt. In solchen Momenten halt fraglich ob positiv, und so radelt die Aufnahmeleitung los.

Vorbei an Häusern, denen man wünscht, sie wären nie gebaut worden, anderen, denen man wenigstens beim Zerfall noch zuschauen kann. An kerzengeraden Nadelbäumen, deren abgewetzten Stämmen man am liebsten Namen geben würde, damit sie sich wenigstens in dem unterscheiden. An einem Hotel, an dem die ganze jemals vorhandene Elektronik in Form von Kabeln der Fassade entlang hängt (da wo noch welche vorhanden ist). An einem Verkehrsschild, das mit „VORSICHT EICHHÖRNCHEN!“ warnt. Man sieht einen Kiffer und hört Amy Winehouse von Weed singen und man fährt an einem Friedhof vorbei, während Michael Jackson von Fatboy Slim läuft. Es gibt Leute, da rätselt man, wo sie wohnen, während man an Häusern vorbeifährt, deren Bewohner man auch gerne sehen würde. Das ist allerhand und recht spannend, und doch hofft man dann mal auf das Ortschild. Als erstes kommt so eines mit einem rot durchgestrichenen schwarzen Stadtumriss – Ende Stadt. Das ist mal ein gutes Zeichen. Aber nicht das gesuchte. Und da sind plötzlich zwei schwarze Pfeiler aus reinem LCD und über den Display läuft ein Abschiedsgruss in einer fremden Sprache. Auf der anderen Seite, wo es eben halt Tallinn ankündigen soll, da steht wirklich Tallinn. Aus roten Pixeln, ungelungen kreativ, das A ist ein Torbogen und dann halt noch so doof digital, wie es wirklich nicht sein darf. Und so fährt die Aufnahmeleitung wieder in die andere Richtung, auf zur nächsten Grenze.

Vorbei an Ladenketten, bei denen man nicht sicher ist, ob man sie zum zweiten oder dritten Mal sieht, an Toren, an denen berechtigterweise ein „VORSICHT HUND“-Schild hängt oder an Läden, die etwa nur Rasenmäher verkaufen und man sich fragt, wer hier anhält. Und irgendwann kommt dann tatsächlich so ein Schild. Beinahe wirkt es wie eine eben aufgestellte Requisite, weil vorne dran eine Auslauffläche für Kamera und Material ist, die so gerade genug ländlich wirkt für eine Grenze, aber mit den vorbeifahrenden Lastern und Mercedes jeder an die Einfahrt einer Stadt denkt. Mission erfüllt.

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