Kultur | 03.08.2009

Rosinen für den iPod picken

Text von Martin Sigrist | Bilder von Anne Haffmans
Röyksopp veröffentlichten kürzlich mit "Junior" ihr drittes Studioalbum. Tink.ch traf Svein Berge, die eine Hälfte des norwegischen Ausnahmeduos. Am Melt sprach er über Regen, Obertonsingen und das Publikum.
Tink.ch-Reporter Martin Sigrist mit Svein Berge.
Bild: Anne Haffmans

Wie geht’s?

Svein Berge: Mir geht’s ganz gut, es ist hier nicht zu kalt, aber die Luft ist recht feucht, es sieht nach Regen aus. Gestern in Bern hat es ziemlich geregnet.

Wie spielt ihr bei Regen?

Also gestern hat es erst begonnen, als wir die Bühne bereits verlassen haben. Wir haben aber das Publikum bedauert. Ich denke, es ist nicht so toll, in einer solchen Menschenmasse nass zu werden. Dem Publikum hat es wohl dennoch gefallen. Das weiss man zwar nie genau, aber ein paar habe ich applaudieren hören.

Wartet das Publikum bei euren neuen Songs eher auf jene Stücke mit den Gastsängerinnen?

Es ist nicht immer einfach, doch heute ist Anneli Drecker dabei, die auch auf dem neuen Album ist. Gerade zu Festivalzeiten sind einfach alle unterwegs. Manchmal stehen wir aber auch alle gemeinsam auf der Bühne.

Fühlt ihr euch als Duo zurückgewiesen wenn sich das Publikum auf die Gastsängerinnen fixiert?

Nein, für mich zählt die Musik, und die haben wir ja sowieso gemeinsam gemacht. Ich verstehe, dass es spannender sein kann, bei einem Konzert statt uns den Sängerinnen zuzusehen. Aber wenn man Musik mag, dann sind unsere Konzerte sowieso eine gute Erfahrung.

Ist es für euch interessanter, keine fixe Sängerin in der Band zu haben?

Definitiv, es gibt uns und unserer Musik mehr Frische, wenn wir mit unterschiedlichen Menschen arbeiten können.

Über euer neues Album „Junior“ wird sehr viel Widersprüchliches gesagt. Warum sollte man sich das Album kaufen?

Die unterschiedlichen Kritiken sind mir auch aufgefallen. Ich mag es lieber, wenn die Leute verschiedene Meinungen zu unserer Musik haben. Wenn ein Album allen gefallen würde, müsste es entweder die Arbeit eines Genies sein, was bei uns eher unwahrscheinlich, oder es besteht die Gefahr, dass die Musik langweilig und plump ist. Wir haben unseren Sound behalten, aber uns natürlich auch weiter entwickelt. Wir haben den Fokus mehr auf das Songschreiben und die Stimme gesetzt. Es geht von unserer Instrumentalmusik von früher aus, geht aber noch weiter. Wir möchten nicht stehen bleiben, müssen uns aber auch immer daran erinnern, warum die Leute unsere Musik mögen. Man darf bei neuen Alben nicht zu weit gehen. Brasilianisches A-Capella wäre wohl etwas zu weit.

Habt ihr denn so was vor? Möchtet ihr was machen, oder habt aber Angst davor?

Also zuerst käme eher bulgarisches Obertonsingen daran. Nein, ernsthaft, wir machen sowieso viel mehr Musik als wir tatsächlich veröffentlichen. Musik machen ist für uns wie eine Therapie, wir machen einfach mal drauf los im Studio und sehen, was dabei passiert.

Ihr versteckt also einen Teil eurer Musik?

Ja, das kann man so sagen. Wir haben viele Instrumente und es macht Spass, damit immer wieder Neues zu probieren. Aber wir sind ja nicht mit allen Instrumenten gut, daher kommen wir schon immer wieder zu jenen Dingen zurück, die wir wirklich können.

Sind eure Konzerte schon zum grössten Teil vorbereitet oder spielt ihr live auf der Bühne?

Es ist ein Mix. Nicht alles was auf dem Album gut klingt, klingt auch auf einer grossen Bühne gut. Wir müssen live schon etwas nachhelfen. Viele Teile der Musik müssen wir vorher machen, gerade was das Schlagzeug betrifft. Das liesse sich live nicht mit einem echten Schlagzeug verwirklichen. Bei elektronischer Musik ist die Live-Erfahrung immer etwas anders. Mittlerweile seid ihr auf den Festivals Headliner geworden. Ich mag kleinere Konzerte viel lieber, ich möchte das Publikum berühren können. Ich wäre nie glücklich, in der Grössenordnung von U2 zu spielen. Um das Publikum auch im grösseren Rahmen wie auf einem Festival zu erreichen, müssen wir mit ihm kommunizieren können. Bei Rock in den Siebzigern war das noch einfacher, man konnte einfach das Publikum mitsingen lassen. Das würde bei uns nicht funktionieren. Aber wir kriegen das schon hin.

Ihr habt zwei Alben gleichzeitig produziert, „Junior“ und „Senior“, welches im Herbst erscheint. Wie kam es dazu?

Wir waren gerade in einer sehr produktiven Phase. Bei „Junior“ waren wir eher energisch mit viel Gesang, „Junior“ ist sehr rhythmus-lastig. Diese Seite von uns ist sicher eher Pop und damit einfacher zugänglich. „Senior“ ist die andere Seite von uns. Es gibt keinen Gesang, nur Instrumente und ist eher von sphärischer Art. Das ist eine Hommage an die traditionelle Art der Alben, die man noch von Anfang bis Ende durchgehört hat. Heute werden eher die Rosinen für den iPod gepickt. Diese Seite wollten wir mal ausleben, es ist kein Statement, wir wollten es einfach mal tun.

Links