Gesellschaft | 03.08.2009

Psychologen im Netz

Text von Julian Stiefel
Dass Computerspiele das reale Verhalten von Personen verändern, ist noch nicht bewiesen. Eindeutig ist jedoch, dass es spielsüchtige Personen im Überfluss gibt. Grösstes Problem zur Zeit ist das Onlinegame "World of Warcraft".
Versunken in der virtuellen Welt (Screenshot aus dem Spiel)

Millionen von Menschen beschäftigen sich bereits mit „World of Warcraft“ (kurz: WoW). Tausende können als süchtig bezeichnet werden.
Die Spieler erleben Abenteuer in einer Welt voller Zerstörung, Feindseligkeit und Teamgeist. Dabei bilden sie ihren virtuellen Charakter immer mehr aus.

Spielen ohne Ende

Die Spielentwickler von Blizzard Entertainment arbeiten dauernd an neuen Inhalten. Somit endet das Spiel nie. Es ist kaum möglich, einfach abzuschliessen, nachdem man schon etliche Stunden investiert hat, um virtuelle Macht zu erlangen. Hat man einen Gegner besiegt, warten schon neue Bedrohungen. Man legt dieses Spiel nicht einfach beiseite, dafür ist die eigene Figur zu wertvoll. Da das ganze ein Onlinegame ist, können sich andere Spieler jederzeit weiterentwickeln, auch wenn der eigene Computer mal nicht läuft.

Virtuelles Kräftemessen

Die Spieler selbst haben jedoch nicht das Gefühl, zu viel vor dem PC zu sitzen. Zur Suchtgefahr meinen die meisten: „Das passiert mir doch nicht.“
Suchtforscher Jürgen Tegel gegenüber dem Onlinemagazin „Chip.de“: „Wir haben es hier nicht mit einer körperlichen Abhängigkeit zu tun, sondern vor allem mit sozialem Druck und der Attraktivität einer alternativen Realität.“
Viel Arbeit steckt hinter dem virtuellen Leben, mit dem die betroffenen Personen besser klarkommen und stärker sind als in der Realität. Sie sind abgeschirmt von den äusseren Gefahren. Ist es nicht ein schönes Gefühl, die anderen Spieler mit seinen überlegenen Waffen beeindrucken zu können?

Bis zu 16 Stunden täglich

Die Gamesucht führt zu stundenlangem Spielen im abgedunkelten Zimmer, bis zu 16 Stunden täglich. Somit ist ein negativer Einfluss auf das reale Leben zu erwarten. Die normalen Tätigkeiten wie Beruf, Studium und Sport werden vernachlässigt, Freunde stehen gelassen. Das Spiel wird zum Allerwichtigsten im Leben. So etwas kann von einem Aussenstehenden nicht verstanden werden.

Die einfachste Art eine derartige Spielsucht zu verhindern: Gar nie anfangen, „World of Warcraft“ und ähnliches zu spielen. Für die bereits Abhängigen ist die einzige Lösung, die Software direkt von der Festplatte zu löschen. Doch so einfach geht das in den meisten Fällen nicht.

Ambulanz für Computerspielsüchtige

Bereits heute gibt es an der Universität Mainz eine Ambulanz, die sich um die schweren Fälle der Spielsucht kümmert. Vor allem gefährdet sind männliche Personen im Alter von 16 bis 24 Jahren.

Eine neue Therapiemethode wurde kürzlich vom Psychologen Dr. Richard Graham vom Tavistock Center in London vorgestellt.
Dr. Graham versucht momentan, bei „Blizzard“ für sich und seine Mitarbeiter freie Accounts für die WoW-Spielwelt zu bekommen. Es sei die beste Methode, die Süchtigen in ihrer bevorzugten Umgebung zu behandeln, da die betroffenen Teenager die meiste Zeit in ihrem Zimmer verbringen und sich vom sozialen Umfeld abschirmen. Anzeichen der Spielsucht könnten meist nicht oder erst zu spät erkannt werden, da diese Teenager nicht wie andere durch ihr asoziales Verhalten auffallen. Schliesslich sind sie ganz abgeschirmt von der restlichen Welt.

Spielfiguren statt weisse Kittel

Das Projekt von Graham soll Ende 2009 starten. Seine medizinischen Mitarbeiter sollen ihre eigenen Spielcharaktere anlegen und sich so unter die Gamer mischen. So können die betroffenen Personen direkt im Spiel betreut werden. Die Mitarbeiter sollen sich zudem mit dem Spiel vertraut machen und sich auch selbst in der spielinternen Hierarchie hocharbeiten, sodass sie unentdeckt bleiben. Also erstmals keine Psychologen in weissen Kitteln.

Spieler machen sich lustig

Die Spielefirma „Blizzard“ hat dazu noch keine Stellung genommen. Ob sie so etwas überhaupt zulassen will, ist eine andere Frage. Wieso soll „Blizzard“ mithelfen, seine Kunden zu vertreiben?

Die Spieler zweifeln sogar jetzt schon am Nutzen dieser Methode. Sie machen sich über die Psychologen lustig. „Diese werden das Spiel und unsere Internetsprache sowieso nicht verstehen“, heisst es, „dafür müssten sie viel zu viel lernen.“