Gesellschaft | 17.08.2009

Land der Vielseitigkeit und Gegensätze

«Friendship, swimming and visiting historical places": Die Beschreibung eines Rotary-Jugendcamps in der Türkei, an dem ich im Juli teilnahm. Was ich wirklich alles erlebte, im Land zwischen Orient und moderner westlicher Kultur, war dann aber viel mehr als das: Türkei hautnah.
Nervtötende Klänge vom Minarett, die für Orient-Flair sorgen.
Bild: Alice Grosjean Der beschauliche Ort Arsuz. Teil einer Universität Sieben Menschen auf einem Motorrad. Denkmal zu Ehren Atatürks.

In der Türkei ist vieles anders, schon klar. Dabei sind es ganz andere Dinge als ich zuerst gedacht hatte. Als Teilnehmerin eines Rotary-Camps wohnte ich bei zwei Gastfamilien in Arsuz. Das ist ein kleiner, sehr moderner Ferienort in der Südtürkei, nahe der syrischen Grenze. Im Ort trifft man nur Türken aus den umliegenden Städten Iskenderun und Antakya, die hier den Sommer verbringen, Touristen gibt es fast keine. Die Leute sind sehr modern, sehr westlich; die Frauen stöckeln in mörderischen High-Heels und kurzen Röcken umher, die Männer tragen Marken-Shirts und fahren BMWs, viele sind gar nicht religiös. Daneben gibt es aber auch die andere Seite, die traditionelle Türkei und die Jahrhunderte alte, orientalische Kultur. Das alles vermischt sich miteinander und ergibt am Schluss eben dieses typisch Türkische.

Den ersten Schub türkischer Mentalität bekam ich bereits auf der Hinreise zu spüren. Weil das Flugzeug der „Turkish Airlines“ nach Istanbul schon mit über einer Stunde Verspätung gestartet war, erwischte ich meinen Anschlussflug nur äusserst knapp und mein Gepäck leider gar nicht mehr. Dabei wäre der Zielfughafen in Hatay so einladend gewesen: Weil unser Flugzeug das Einzige weit und breit war, hätte man das niedliche Flughafengebäude nur betreten, sein Gepäck holen und es geradeaus gleich wieder verlassen können, ohne jede weitere Kontrolle. In meinem Fall war das dann etwas anders. Der Organisator des Camps versprach mir nach herzlicher Begrüssung aber, sofort alles zu regeln, er kenne diese Leute.

Viel Essen

Bei meiner ersten Gastfamilie war Englisch Fehlanzeige. Mit dem etwas älteren Ehepaar verständigte ich mich per Gestik und mit Hilfe des zehnjährigen Enkelsohns, welcher in der Schule schon ein paar Worte gelernt hatte. Die mangelnde Sprachkenntnis war aber kein grösseres Problem und wurde durch die Herzlichkeit und Freundlichkeit der Leute wieder wett gemacht. Ein Beispiel: Mein Gastvater wollte mich vor einer sehr scharfen Speise warnen, dazu rief er einfach: „Hot, hot! Mexiko, Mexiko!“

Dass Türken Essen lieben, habe ich schnell gemerkt. Die Vorspeisen sind so reichhaltig, dass man beim Hauptgang oft schon gar keinen Hunger mehr hat, geschweige denn beim Dessert. Das Essen ist köstlich. Nur die Mengen unterscheiden sich deutlich von der mitteleuropäischen Norm. Dass der zehnjährige Enkelsohn auf Diät mehr ass als ich, spricht wohl für sich. Ich hatte auch schnell einen nächsten türkischen Ausdruck gelernt: „Doydum“ – „Ich bin satt“. Ein paar türkische Worte erstaunen und erfreuen die Leute meistens und lenken in diesem Fall ausserdem geschickt vom immer noch halb vollen Teller ab.


Chaotisch unschweizerisch

Umgeben von anderen Campteilnehmern aus aller Welt, kam ich mir manchmal doch sehr schweizerisch vor. Der Hauptgrund dafür: Das Zeitgefühl der Türken. Will man sich abends um acht Uhr treffen, sind vielleicht um neun alle da. Ein offizielles Abendessen begann sogar einmal mit zwei Stunden Verspätung. Die Türken geniessen, sie lassen sich nicht stressen, vor allem im Sommer nicht. Ein anderer Grund, mich schweizerisch zu fühlen: Türkische Organisation. Unsere Gruppe fand sich einmal in einem den Klippen entlang kurvenden Kleinbus wieder, dem Abgrund gefährlich nahe. Nach einer halben Stunde Fahrt fragte jemand, wohin die Fahrt denn ginge. Doch nicht einmal der Busfahrer selbst wusste es. So fanden wir uns dann irgendwo im Nichts, an einem Tisch unter Strohdach wieder und bekamen auf dem Feuer gegrillten Fisch und Kartoffeln zu essen. Es schmeckte ausgezeichnet! Man gewöhnt sich an den türkischen Rhythmus: Nicht fragen, sondern abwarten, mitmachen und am Schluss staunen – ganz unschweizerisch eben. Oder wer hat schon jemals sieben Menschen auf einem Motorrad gesehen?

Traditionelle Türkei

Fünf Mal am Tag werden Muslime zum Gebet aufgefordert, dann ertönt von den vielen, weissen Türmen im Lande, den Minaretten, der Gebetsgesang. Für mich war es am Anfang auch eher eine Art Geschrei, aber es gab mir auch ein gewisses Feeling, ein orientalisches Flair. Mitten in der Nacht ist das zwar nicht so lustig, aber nach ein paar Minuten ist der Spuk jeweils wieder vorbei. Interessant fand ich auch ein etwas kleineres, kuppelartiges Gebäude. Man betritt es ohne Schuhe, geht darin betend dreimal im Kreis herum und verlässt es rückwärts wieder. Es ist immer wieder faszinierend, wie sich in der Türkei alte Traditionen mit modernem Lifestyle verbinden. So umkreist der moderne Türke dieses Gebäude zum Beispiel dreimal mit dem Auto, statt es überhaut erst zu betreten. Die Gegensätze sind enorm: Die einen haben am Strand ihre Jachten, die anderen sammeln den Abfall mit Eselskarren ein. Es gibt gläubige, von oben bis unten verhüllte muslimische Frauen, die in voller Montur im Meer baden, während sich wenige Meter entfernt andere im Bikini bräunen.

Atatürk und Fussball

Sei es in Statuen-, Porträt- oder riesiger Buchstabenform am Istanbuler Flughafen, überall begegnet man Mustafa Kemal Atatürk, dem Begründer der modernen Türkei. Er machte aus dem Land einst eine Demokratie und modernisierte es nach westlichem Vorbild. So erklärte er das Tragen eines Kopftuchs für Frauen als freiwillig und führte schon in den Dreissigerjahren das Frauenstimmrecht ein. Die Türken verehren ihn, sie sind stolz auf ihr Land und zeigen es auch.

Ob Atatürk ein Fussballfan war, weiss ich nicht, die Mehrheit seiner Landsleute ist es aber. Innert kürzester Zeit wurde mir beigebracht, dass Schwarz und Weiss die Farben von BeŠŸiktas Istanbul sind (Arsuz liegt mehr als 800 km von Istanbul entfernt). Und selbstverständlich erinnere man sich noch an das WM-Qualifikationsspiel gegen die Schweiz vor zwei Jahren. Dass man mir neben Hakan Yakin auch Tranquillo Barnetta, Gökhan Inler und Stephan Lichtsteiner aufzählen konnte, erstaunte mich dann aber sehr und beweist, dass die Türken eben knallharte Fussballfans sind. Und Patrioten. Wenn die Türkei einmal Fussballweltmeister wird, wäre ich gerne dort. Zurück in der Schweiz finde ich es einfach lächerlich, eine Busse zu zahlen, weil man zu zweit auf einem Fahrrad gefahren ist.