Gesellschaft | 24.08.2009

Kommunismus, Kultur und Karpfen

Gemütlich sitzt der 24-jährige Berner Marcel da und denkt zurück an einen ganz speziellen Abschnitt seines Lebens. Er beginnt die Erinnerungen an die Studienzeit aufzufrischen und auf seinem Gesicht macht sich ein zufriedenes Grinsen breit.
Prag ist verhältnismässig günstig - für arme Studenten genau das Richtige.
Bild: Martin Sturzenegger Marcel war als Gaststudent in Prag. Diana Berdnik

„Die Tschechische Republik ist ein interessantes Land“, antwortet Marcel auf die Frage, warum er genau dieses gewählt hat. Besonders die kommunistische Vergangenheit und der kürzliche Beitritt zur EU interessieren ihn. Die Hauptstadt Prag sei ausserdem kulturell sehr vielfältig und die günstigen Lebensunterhaltkosten schonen das Studentenportemonnaie. 500 Franken für drei Monate in einem einfachen Zweierzimmer des Studentenwohnheims, davon träumen so manche. Die Studiengebühren zog die Universität St. Gallen ein. Dafür  übernahm sie die Anmeldeformalitäten an der Wirtschaftsuniversität Vysoka Š¡kola Economicka (VSE) und diese wiederum die Anmeldung in Prag, so dass keine Probleme mit der Bürokratie entstanden.

Freunde, Einheimische und ihre Sprache

Marcels „roommate“, ein Kanadier aus Newfoundland, ist noch heute ein guter Freund. Ausserdem trifft er sich jährlich mit sechs weiteren Freunden, die zu dieser Zeit ebenfalls in Prag studierten. Allerdings sind sie alle keine Tschechen. „Ich hatte relativ wenig Kontakt zu einheimischen Studierenden“, erklärt Marcel und fügt an, dass die meisten anfangs etwas zurückhaltend waren und es etwas Zeit benötigte, bis sie gegenüber Ausländern auftauten. Darum lernte er die tschechische Sprache vor allem im Sprachkurs, den er belegte. Sein Englisch jedoch konnte er sehr gut verbessern, denn das war die Alltags- und Vorlesungssprache. Im Nachhinein würde er sich bei einem zweiten Projekt dieser Art bemühen, mehr mit Einheimischen in Kontakt zu kommen.

„Meine Freundin, Schokolade und Käse“

Marcel mag die deftige Küche Tschechiens, vor allem die fleischreichen Gerichte. Ungewohnt für ihn ist ein kulinarischer Brauch, den die Tschechen pflegen: Am Heiligabend steht Karpfen auf der Speisekarte. Und das Besondere daran ist, dass er lebendig gekauft und (in gewissen Haushalten) bis zur Zubereitung in der Badewanne aufbewahrt wird.

Um weitere Spezialitäten kennen zu lernen, verliess der Student an den Wochenenden Prag und besuchte andere Städte. Dazu gehören ÄŒeské BudÄ›jovice und PlzeŠˆ, zwei der wohl bekanntesten Städte unter den Biergeniessern. Es gab grundsätzlich nichts, was dem Schweizer im fremden Land nicht gefallen hätte. Und obwohl es scheint, als hätte er in der Ferne nichts vermisst, gibt es doch drei Dinge, auf die er nicht länger verzichten möchte: seine Freundin, Schokolade und Käse.

Lockere Professoren

Einen Auslandaufenthalt in Tschechien kann Marcel nur weiterempfehlen. Denn er meint, dass Prag mit seinen kulturellen Angeboten, dem pulsierenden Nachtleben und dem 24-Stunden-Tramverkehr alles bietet, was ein Austauschstudent brauche. Ausserdem sei das Studieren einfacher gewesen: „Die Professoren nahmen die Kurse und die Benotung der Prüfungen lockerer als ich es von der Universität St. Gallen gewohnt war.“

Und Marcel hat noch nicht genug von der Welt gesehen. Erst vor Kurzem kehrte der Wissbegierige aus Kanada zurück, wo er ein Semester lebte. Schon morgen reist er nach Rotterdam um dort auch noch seinen Masterabschluss zu machen. Wir wünschen ihm dabei viel Glück!