Gesellschaft | 24.08.2009

Kampf gegen die Schweinegrippe

Verschiedene Massnahmen wurden seit der Ankunft der Schweingrippe in der Schweiz getroffen, um dem Ausbruch einer Pandemie vorzubeugen. Auch in den Schulen. Der für die Schweiz so typische "Kantönligeist" zeigt sich dieses Mal sehr deutlich. Ein grosser Fehler?
Zu Unrecht verurteilt? Schweinische Nachlässigkeit im Kanton St. Gallen... ...oder saumässig übertriebene Aufregung im Thurgau? Fotos: Julian Stiefel

Sowohl bei den Massnahmen in der Schule, als auch im täglichen Leben existieren momentan grosse Unterschiede zwischen den Kantonen Thurgau und St. Gallen. Während man sich im Hintergrund überall bestmöglich auf eine Pandemie vorbereitet, werden im St.Galler Alltag noch weit weniger Massnahmen als im Thurgau getroffen.

Grüne Warnzettel vs. hochprozentiger Dunst

Wenn man die Schulen in St. Gallen betritt, fallen einem zuerst die grünen Warnzettel des Bundesamtes für Gesundheit (www.pandemia.ch) auf. Auch schon während den Ferien wurden die Schüler über die Gefahren und Massnahmen informiert. Ansonsten deutet nichts auf besondere Umstände.

Im Thurgau hingegen wurde die Regel verhängt, dass sich Schüler und Lehrer jeweils morgens und nachmittags vor Unterrichtsbeginn die Hände desinfizieren müssen. Dünstet es in den Klassenzimmern leicht nach Alkohol, so liegt das also nicht an missglückten Chemieexperimenten oder aus dem Alltag entfliehen wollenden  Lehrpersonen, sondern vielmehr an mysteriösen, durchsichtigen Sprühbehältern. Sie sind mit einer ziemlich hochprozentigen Flüssigkeit gefüllt und auf allen Waschbecken in Klassenzimmern, WCs und Turnhallen zu finden.
In den St. Galler Schulen ist eine solche Regelung noch nicht eingeführt. Der Alkohol bleibt an seiner Stelle im Chemielabor. Sowohl die Lehrer wie auch die Schüler müssen mit der normalen Seife leben. Regelmässiges Händewaschen ist bis jetzt noch nicht Teil des Unterrichts.

In den Schulzimmern wurden noch nicht einmal alle Handseifen durch Flüssigseifenspender ausgewechselt wie es das BAG empfiehlt. Einwegtücher anstelle von Handtüchern wurden bisher nicht gesichtet.

Desinfizierte Computertastaturen

Will man an der Kantonsschule  Romanshorn während der Pause ein „Brötli“ kaufen, so ist folgende Reihenfolge einzuhalten: Hände desinfizieren, Plastiksack über die Hand stülpen, damit das gewünschte Gebäck aus dem Korb nehmen und bezahlen. Noch pingeliger nehmen es die Mediotheksangestellten: Es geht das Gerücht um, dass sämtliche Computertastaturen nach jeder Lektion desinfiziert würden.

In St. Gallen verhält man sich beim Verpflegungskauf immer noch ganz normal. Jeder darf sich ohne seltsame Vorkehrungen bedienen. Besonders wie das in den Geschäften gehandhabt wird, macht einem Sorgen. In den Bäckereien zahlt man in bar, die Bedienung nimmt infolgedessen das Geld in die Hand. Anschliessend wird das Brötchen meist mit den baren Händen eingepackt. Noch schlimmer ist es am Mittag, bei den beliebten Kebapläden: Nach Bezahlung bereitet man die Speisen zu, ohne sich die Hände zu waschen. Auch am St. Gallerfest mussten sich wohl manche Grille ziemlich in die Menschenmenge integriert gefühlt haben.

Pultabstand

In Romanshorn schiebt man sämtliche Pulte um etwa zehn Zentimeter auseinander. Dies, um einen möglichst grossen Abstand zwischen den einzelnen Schülerinnen und Schülern zu gewähren und die Übertragung von Bakterien zu verhindern. Im Fall eines Feuers dauert es so zwar doppelt so lange, alle aus einem Zimmer zu evakuieren. Aber immerhin müssen die Bakterien nun einen ganzen Tischspalt überqueren, um ihr nächstes Opfer zu befallen. Vorausgesetzt, sie haben die Chance dazu nicht schon bei der allmorgendlichen Begrüssung genutzt.

„Über so etwas muss man sich spätestens nach dem St. Gallerfest keine Gedanken mehr machen“, dachte wohl die Schulleitung über das Verschieben der Tische. Folglich sitzt man in den St.Galler Schulen immer noch eng beieinander. Wenigstens halten sich die meisten Schüler an die Vorschriften beim Niesen und bleiben zu Hause, wenn sie sich krank fühlen.

Klebrige Türfallen

Trotzdem kam es auch in St. Gallen in den letzten zwei Wochen nach den Sommerferien kaum zu Zwischenfällen. Letztendlich kann eine Pandemie auch durch noch so viele Massnahmen nicht verhindert werden. Man beachte, dass man beim Abdrehen des Wasserhahns oder beim Öffnen der Toilettentüre die Bakterien sofort wieder an den Händen hat.

Vergangene Woche wurden in einer Schule in St. Gallen bereits Proben von Türfallen entnommen und in Bakterienkulturen angepflanzt. Das Ergebnis steht noch aus.

Weiterhin müssen wir als Schüler wohl auf täglich desinfizierte Türfallen hoffen – obwohl sich diese bei dem warmen Wetter der vergangenen Woche schon am Morgen wieder ziemlich klebrig anfühlten – und regelmässig unsere Hände waschen.