Gesellschaft | 10.08.2009

„Im Zelt fehlen die Schränke“

Text von Ursula Hirsiger
Aarefahrt, Seilparkbesuch, ja sogar Streetdance: All diese Aktivitäten standen für eine Woche lang nicht nur sehenden Jugendlichen offen, sondern auch blinden und sehbehinderten. "Cooltour Schweiz" wagte in Bern den Versuch. Vier Teilnehmende erzählen, wie sie das Lager erlebt haben.
Schlief nicht so gut im Zelt, aber genoss die Cooltour-Woche trotzdem: Anicia Rérat. Fotos: Lena Tichy "Eine interessante Erfahrung", meinte Leonie Stalder. "Wir machen hier spannende Sachen", so Claudio Zeni. Auch Lea Haberditz bekam manchmal wenig Schlaf, fand die Woche aber dennoch toll.

Sommer, Sonne und die Aare: Das waren die Rahmenbedigungen von „Cooltour Schweiz“, jenem Lager, das vom 3. bis am 7. August auf dem Campingplatz Eichholz in Bern stattfand. Wer während dieser Woche den 50 Kindern und Jugendlichen zugeschaut hätte, wie sie sich auf dem Zeltplatz bewegen, wie sie die angebotenen Workshops (unter anderem DJ-ing, Beatboxen, Streetdance und Kanufahren und eine Schreibwerkstatt) absolvieren und wie sie miteinander umgehen, dem wäre vielleicht nicht einmal etwas Besonderes aufgefallen. Und doch war Cooltour kein Camp wie jedes andere: Das Lager richtete sich ausdrücklich sowohl an sehende, sehbehinderte als auch blinde Kinder und Jugendliche, mit dem Ziel, die einzelnen Gruppen einander näherzubringen. Integration sollte das Ziel sein, aber ohne dass die Teilnehmenden etwas davon mitbekommen. Die Mädchen und Jungs sollten sich ganz auf das abwechslungsreiche Wochenprogramm konzentrieren können, vielleicht Freundschaften schliessen und so ganz nebenbei merken, dass Blinde und Sehende gar nicht so verschieden sind, wie zuvor gedacht.

„Cooltour“ endete am Freitag dem 7. August mit einem grossen Fest auf dem Berner Waisenhausplatz, wo alle Teilnehmenden zeigen konnten, was sie in ihren Workshops die Woche über erarbeitet hatten. Eine Teilnehmerin des Schreibwerkstatt-Workshops hat drei Teilnehmerinnen und einen Teilnehmer am Abend vor dem Abschlussfest nach ihren Erfahrungen während der Cooltour-Woche befragt.

Anicia Rérat, 18 Jahre

Wie findest du es, mit sehenden Leuten ein Lager zu bewältigen?
Ich finde es sehr spannend, weil es hier viele Sehende hat, die mir zum Beispiel helfen, den Weg zurück zu meinem Zelt zu finden. Ich finde es toll, dass die anderen Teilnehmer das machen, weil ich glaube, dass die Sehenden umgekehrt auch viel von Blinden lernen können.

Ist es schwer, wenn man nichts sieht und deswegen geführt werden muss?

Ja, es gibt schon schwierige Zeiten. Zum Beispiel wenn man den Ort nicht kennt und sich dann durchfragen muss. Generell ist es schwer, wenn man eine schlechte Orientierung hat.


Wie ist es für dich, in einem Zelt zu schlafen?

Diese Nacht war endlich mal gut. Die erste Nacht lag ich komisch da, und vorgestern Nacht hatte ich kalt.

Leonie Stalder, 14 Jahre

Wie findest du das Lager?   
Also ich finde es toll, weil ich bisher noch keinen Kontakt zu Blinden Leuten in meinem Alter hatte. Von daher finde ich es eine interessante Erfahrung. Ich besuchte diese Woche den Streetdance-Workshop, da hatten wir auch eine blinde Teilnehmerin dabei, was gut funktioniert hat.

Gibt es etwas, was dich an den blinden Teilnehmerinnen und Teilnehmern überrascht hat?

Mich beeindruckt es, dass die alle so selbstbewusst sind und die meisten Musik genauso lieben wie ich.


Hast du diese Woche schon Blinde herumgeführt?

Ja, das habe ich auch schon gemacht. Irgendwie hatte ich dann aber immer Angst, dass ich am Boden etwas übersehe und sie dann deswegen ins Straucheln kommen. Man fühlt sich schon sehr verantwortlich.

Claudio Zeni, 16 Jahre


Wie findest du das Lager?  

Ich finde das Lager spannend und interessant. Weil wir spannende Sachen machen und man tolle neue Leute kennen lernen kann, die gleichaltrig sind.

Wie ist es für dich, ein Lager gemeinsam mit Sehenden Jugendlichen zu machen?
Ich finde es eigentlich ganz normal, weil die meisten von meinen Kollegen sehend sind. Für mich ist das gar nichts Aussergewöhnliches.

Wie schläft es sich in deinem Zelt?
Es ist eher unangenehm, weil ich halt hier keine Schränke habe und nicht wirklich Ordnung machen kann. Dadurch fällt es mir hier etwas schwerer, mich hier zurechtzufinden.

Lea Haberditz, 11 Jahre

Wie findest du das Lager?

Sehr gut, ich bin im Kanu-Workshop, das macht sehr Spass.


Findest du es gut, dass auch Blinde und Sehbehinderte an diesem Lager teilnehmen konnten?

Ja schon, ich habe diese Woche auch schon ein paar Blinde in meinem Alter herumgeführt. Alle Sachen, die wir hier machen, brauchen halt etwas mehr Zeit, wenn noch Blinde dabei sind, aber das macht nichts.

Wie ist es für dich, mit einer blinden Person im gleichen Zelt zu schlafen?
Manchmal ist es ein bisschen blöd, denn es gibt schon Blinde, die fast nie jemanden zum Reden haben und wenn du dann mit ihnen das Zelt teilst, reden sie die ganze Nacht und du kannst nur zwei oder drei Stunden schlafen.

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