Kultur | 31.08.2009

“Ich würde die Erde auflockern”

Am Openair Gampel kam es zu einem krönenden Abschluss der Tour von Patent Ochsner. Büne Huber erzählt in einem Interview von Dernièrenspässen, verdrängten Peinlichkeiten und einer bildhaften Scheibe.
Fotos: Fabian Küng

Heute habt ihr das letzte Konzert eurer Tour gegeben. Wie fühlt ihr euch? Seid ihr noch fit?

Büne: (lacht) Ja, fit sind wir schon noch, aber auch sehr melancholisch. Das war eine sehr intensive Zeit! Wir waren jetzt ein Jahr lang unterwegs, aber vorher waren noch die Aufnahmen im Studio, das ist sowieso eine intensive Zeit. Und jetzt hört’s einfach Knall auf Fall auf… S schisst mi ah!

Was war das Highlight dieser Tour?

Das ist wahrscheinlich für alle ein bisschen anders. Aber für mich war es der “Indoorschluss” im Bierhübeli. Wir haben vier Mal nacheinander dort gespielt und am Sonntag war das letzte Konzert. Davor wurden wir von einem Freund zu einem “dickä Frässä” eingeladen. Am Abend sind wir dann ein bisschen betrunken und überfressen im Bierhübeli angekommen und haben dort etwa eineinhalb Stunden lang Soundcheck gemacht, aber in spezieller Form: Wir haben einfach alle irgendwelche Bluestunes gespielt und so traditionelle Nummern und haben uns sehr amüsiert. Langsam kam dann der Gig, wir waren richtig aufgeladen und spielten wohl eins der besten Konzerte in der Geschichte der Ochsners. Beim letzten Gig gibt’s auch immer die “Dernièrenspässe”. Das ist etwas, das die Technische Crew mit der Band macht, um sie aus dem Takt zu bringen. Einfach ein Spass nach dem anderen. Das ist wie ein Fiebermesser, der zeigt, ob es der Crew wohl war im Umfeld der Band. Wenn du also einen “Hundeschissdräck” auf dem Mikrofon hast, hast du sehr wahrscheinlich etwas falsch gemacht (lacht). Während dem Gig haben sie einfach Jokes gemacht und man hat gemerkt, dass sie extrem viel Freude hatten, mit uns unterwegs zu sein.

Was war das Peinlichste das euch irgendwann mal wiederfahren ist?

Weisst du, irgendwie bin ein wahnsinnig guter Verdränger! Wenn’s peinlich wird, vergesse ich’s einfach (lacht). Ich weiss es echt nicht mehr. Ich habe die ganze Zeit Tagebuch geführt im Internet, von den Aufnahmen, dem Mischen bis zu dieser Tour und ich müsste es wohl noch mal nachlesen. Ich denke, es gäbe enorm viele peinliche Momente, aber ich habe sie alle verdrängt (lacht).

Was macht ihr nach dieser Tour?

Ich probiere die angefangen Texte in die Form zu bringen, in der ich das Gefühl habe, dass sie die richtigen sind. Danach geht’s wieder ab in den Proberaum und schon geht’s wieder los. Natürlich will ich in dieser Zeit wieder versuchen, Fuss zu fassen im Alltag.

Wann dürfen wir mit der nächsten Platte rechnen?

Ich habe das Gefühl, im Verlauf des nächsten Jahres gehen wir ins Studio… Dann wird’s etwa Anfang 2011.

Ist etwas Spezielles geplant?

Das wird einfach der “Rimini Flashdown Part 2”. Und es wird meiner Meinung nach eine aussergewöhnlich bildhafte Scheibe. Es wird ein Film. Ich habe schon die ganze Zeit den Gedanken, eine Scheibe wirklich zu verfilmen. Ein richtig abgedrehter Sciene-Fiction-Film (lacht).

Macht ihr danach noch Part 3 und 4?

Nur Part 3, es wird eine Trilogie.

Die erfolgreichsten Schweizer Bands kommen aus Bern. Woran liegt das?

Ich weiss es nicht. Es gibt viele Leute, die sagen, der Berner Dialekt eigne sich gut für die Musik. Aber eigentlich kann man das ja nicht sagen: Bligg ist auch äussert erfolgreich, aber nicht Berndeutsch. Dann Stress, ist auch nicht Berndeutsch. Ich glaube einfach, dass Berndeutsch eine sehr hohe Akzeptanz hat.

YB-Fans haben dein Lied “Scharlachrot” kopiert und Scharlachrot mit “Gäubschwarz” ausgewechselt. Was sagst du dazu?

Ich bin froh. Das macht mich stolz. Ich habe Freude daran. Und sie haben ja auch den Song “Happy” genommen, auf den Häberli bezogen. Das hat mich auch sehr gefreut.

Jetzt geben wir dir noch ein paar Stichworte und du sagst einfach spontan, was dir dazu einfällt.

SVP: Das ist eine dieser vielfälltigen Parteien die es in der Schweiz gibt. Mein Grossvater hat immer gesagt: “Es braucht einfach alle verschiedenen Farben für einen anständigen Regenbogen!” Und da gehört die SVP auch rein. Ich finde einfach ihre Politik für mich nicht wählbar. Ich kann die Art und Weise absolut nicht akzeptieren, wie sie Wahlkampagnen machen und despektierlich über manche Leute reden. Ich hoffe, dass sie einfach eine Partei bleibt, die eine gewisse Wählerschaft hat, da es diese Leute halt auch gibt in der Schweiz, aber dass sie nicht all zu breit “chöi mäiä”.

Finanzkrise: Es gibt ein Gedicht von Kurt Tucholsky aus dem Jahre 1930. Dieses hat genau das vorausgesagt, was jetzt passiert ist. Es war alles sehr absehbar und hoch gepokert. Was mich wahnsinnig wütend macht, ist, dass wenn eine Bank Profit macht, ist der Profit immer bei ihnen und sie verteilen. Aber wenn sie nicht Profit macht, kommt der Staat und hilft. Wenn sie aber wieder Oberwasser haben, sind sie die, die Bonis zahlen. Das ist Kapitalismus. Die freie Marktwirtschaft. Und das ist äusserst fragwürdig!

Lieblingszimmer: Ich habe im Moment kein Zimmer. Aber ich würde mir eins einrichten, das aussieht wie ein Schlafzimmer (lacht).

Lieblingswort: Lieblingswort? Lötnechnütlagfaue! In einem Wort (lacht).

Lieblingsfestival: Das ist schwierig, denn es gibt ein paar Festivals, die wirklich was an sich haben, das mir sehr gefällt. Gurten auf jeden Fall. Das ist etwas… Ich denke es ist wohl schon der Gurten!

Orte an denen du deine Texte schreibst: Es gibt keinen speziellen Ort. Früher hat’s das gegeben. Da habe ich probiert, mich an bestimmte Orte zurückzuziehen, wo ich weiss, dass da eine Kraft ist, die mich antreibt. Inzwischen texte ich aber überall.

Wenn du ein Tier wärst, welches wärst du? Ein Regenwurm. Ich würde die Erde auflockern.

Wenn du eine Frucht wärst, welche wärst du? Orange.

Wenn du ein Regentropfen wärst, wo würdest du landen? (lacht mal eine Weile) Gute Frage! (lacht immer noch) Ich würde in die Mitte einer Rose fallen. Oder in eine Orangenblüte.

Wallis: Wenn man hinten auf der Bühne steht und Richtung Westen schaut könnte man meinen, man wäre schon im Rhonetal in Frankreich. Und darunter fängt die Provence an. Wenn man ganz gut die Nase aufmacht, kann man schon den Lavendel riechen. Das ist eben auch Wallis.