Kultur | 24.08.2009

„Gedanke vomene Dichter“

Text von Tanja Bangerter
Sie begeisterten am Samstag mit einem mitreissenden Auftritt, grandioser Liveband und tiefgründigen Texten am JKF: "Amici del Rap", eine Liestaler Hip-Hop Formation. Tink.ch führte mit den beiden MC's Mirco Melone und Nicolas Ribul nach ihrem Konzert ein spannendes Gespräch.
Mirco Melone und Nicolas Ribul im Gespräch mit Tink.ch Fotos: Janosch Szabo

Ihr habt den 3. Platz beim Online Voting vom JKF belegt; wart ihr überrascht?

Mirco Melone.: Auf jeden Fall! Wenn man von 180 Bands auf den 3. Platz kommt, ist das schon überraschend.

Nicolas Ribul: Das Tolle daran ist, dass man dabei merkt, dass die Leute, die unsere Musik gut finden, sich auch für uns einsetzen.

 

War es euch wichtig, am JKF teilzunehmen?

Nicolas : Natürlich, wir haben noch nie hier gespielt und wollten immer schon einmal am JKF auftreten.

 

Wie war euer heutiges Konzert für Euch?

Nicolas: Es hatte viele Leute, das war toll.

Mirco: Eine tolle Anerkennung.

 

Welche Botschaft und Themen sprecht ihr in euren Songs an und wollt ihr dem Publikum mitgeben?

Mirco: Grundsätzlich hat jeder seine eigene Botschaft. Für mich persönlich ist es am wichtigsten, in den Texten alle meine Facetten und meine Identitäten übermitteln zu können; von Party bis Trauer über nachdenkliche Sachen bis zur Aggressivität.

Nicolas: Wir haben keine Hauptaussage in unseren Liedern; wir wollen lustig, kritisch oder auch traurig sein.

 

Ist es schwierig, sich in der Schweizer Hip-Hop-Szene einen Namen zu machen?

Nicolas: Man kann sich in der Szene schon einen Namen machen, doch gibt es oft viel Missgunst. Aber wir machen schliesslich Musik für uns und es freut uns, wenn es den Leuten gefällt und sie uns unterstützen.

Mirco: Ob es reicht, nach oben zu kommen, wird sich zeigen. Natürlich sind wir von uns überzeugt, sonst würden wir keine Musik machen. Wir denken, wir machen guten Sound. Das ist natürlich immer Geschmackssache. Zum Teil ist es schwierig, so richtig durchzustarten und sicherlich ist es auch eine Glücksache. Manchmal macht man einen guten Song zur rechten Zeit am rechten Ort und schafft es und sonst haben wir einfach eine gute Zeit zusammen.

 

Ihr rappt auf Schweizerdeutsch; wäre es für euch auch denkbar, in einer Fremdsprache wie zum Beispiel Englisch zu rappen und so auch international Fuss zu fassen?

Nicolas: Wir haben es auch schon versucht. Wir haben einen italienischen Bandnamen und werden auch oft darauf angesprochen, ob wir nicht italienisch rappen wollen; doch dazu können wir die Sprache einfach zu wenig. Es ist schwierig, in einer Fremdsprache zu rappen.

Mirco: Sobald es sich nicht um die Muttersprache handelt, kommt man sprachlich nie auf den Level, der nötig wäre. Es fehlen sämtliche Ausdrücke und Facetten der Sprache, die die Lyrik ausmachen. Uns ist es wichtig, dass unsere Texte lyrisch sind.

 

Wollt ihr politische Statements in eure Texte einbringen?

Nicolas: Wir haben politische Statements in unseren Texten, aber man wird dann schnell als Politrapper bezeichnet. Als Rapper macht man sich jedoch viele Gedanken über die Welt, über die Menschen, die Gesellschaft und so auch über Politik. Wir haben auch schon Texte geschrieben wie „d’Wält stirbt“, wo es genau um das geht: Um Ungerechtigkeiten oder Politiker, die unserer Meinung nach nicht den richtigen Weg einschlagen.

Mirco: Die persönliche Entwicklung spielt zusätzlich eine grosse Rolle. Wir haben mit 16 Jahren begonnen und da fallen selbstverständlich die Texte anders aus als heute. Bei politischen Statements ist es wichtig, keine stereotypen Aussagen zu machen, sondern tiefer zu gehen. Wenn man etwas übermitteln möchte, muss es kritisch, fundiert und gut überdacht sein. Man soll nicht nur an der Oberfläche kratzen, ohne Erklärungen zu geben; keine Probleme ansprechen ohne Lösungen aufzeigen. Wir haben politische Statements in unseren Texten, aber sie befinden sich mehrheitlich in Nebenzeilen oder als Metapher.

 

Was wünscht ihr euch für die heutige Gesellschaft? Was soll sich ändern?

Mirco: Es ist schwierig, darauf eine Antwort zu finden.

Nicolas: Ich bin der Meinung, dass in unserer Gesellschaft oft die Wärme und die Menschlichkeit verloren geht. Jeder lebt in seinem Gärtchen, versucht das Beste für sich herauszuholen und vergisst dabei oft, dass man als Mensch kein Egoist oder Einzelgänger ist, sondern auf ein soziales Umfeld angewiesen ist. Wir brauchen Menschen, die uns unterstützen, denn sonst würden wir dieses Leben nicht überstehen. Ich wünsche mir, dass die Menschen ein wenig offener werden und nicht mehr so sehr ans eigene Portemonnaie denken.

Mirco: Ich versuche auch an unseren Konzerten zu übermitteln, dass die Leute mitgehen, sich bewegen und tanzen, ohne Angst, was die anderen denken. Ausserdem ist es mir wichtig, dass wir die Leute mit unseren Texten zum Nachdenken anregen. Ich denke, oft wird heutzutage nicht mehr sehr viel nachgedacht.

 

Ihr habt heute einen neuen Song „Wär isch es“ gespielt – wie kam dieser zustande?

Mirco: Ich schreibe meine Text meistens sehr impulsiv: Ich habe Textzeilen im Kopf und mache Notizen oder ich schreibe die Texte gleich fertig. An dem Abend, als dieser Song entstand, war ich etwas nachdenklich und habe dann diesen Text geschrieben.

 

Ihr tretet mit einer Liveband auf, was in der Hip-Hop-Szene schon eher ungewöhnlich ist. Welche Möglichkeit bietet sich euch dabei?

Nicolas: Mittlerweile ist es gar nicht mehr so ungewöhnlich wie vor zehn Jahren. Es spielen unterdessen viele Rapper mit einer Liveband, dies aus den folgenden Gründen: Hip-Hop und Rap ist Musik; im Hip Hop vereinen sich alle möglichen Musikrichtungen zu einer. Wir machen Musik, also spielen wir mit richtigen Instrumenten. Für uns bedeutet dies mehr Energie und Kraft und wir können so das Publikum mehr begeistern. Denn wenn mit einer klassischen Formation, also mit DJ und Rapper, aufgetreten wird, dann besuchen diejenigen Leute das Konzert, welche Rap mögen. Wird mit einer Band gespielt, dann hören auch Leute zu, die einfach die Musik mögen. Grundsätzlich wird das Konzert durch die Band viel musikalischer.

Mirco: Es bietet uns mehr Freiheit, da wir die fixen Schemen von typischen Rap-Produktionen aufbrechen können. Es ist möglich, Rocksongs, Balladen oder Funksongs machen. Dies ermöglicht uns vieles, denn schlussendlich entspricht uns und der Stimmung, die wir übermitteln wollen, nicht nur ein Musikstil.

 

Es ist sicherlich für euch als Gruppe beim Konzert toll, Parts wie ein Saxophon- oder Gitarrensolo einzubauen?

Mirko: Genau das ist der Punkt: Es gibt Solos, musikalische Parts und somit nicht nur Hip-Hop.

 

Was sind eure weiteren Ziele?

Nicolas: Ein Album mit Band aufzunehmen und einen Vertrieb zu finden, der dieses in der gesamten Schweiz publiziert und in den Läden erhältlich macht. Dann möchten wir gerne eine Videoclip-Produktion realisieren und weiterhin eine gute Zeit zu haben und tollen Sound zusammen zu machen.